27. Juli 2004
An welcher Krankheit sterben in Deutschland die meisten Frauen? – Ganz ehrlich, haben Sie jetzt an den Herzinfarkt gedacht? Nein? Dann geht es Ihnen nicht anders als den meisten. Frauen und ihr soziales Umfeld können sich kaum vorstellen, dass für sie die Gefahr eines Infarktes besteht.
Obwohl Frauen ein wesentlich ausgeprägteres Vorsorgeverhalten in Gesundheitsfragen haben als ihre männlichen Artgenossen, ist für sie der Herzinfarkt häufig kein Thema. Frauen haben noch immer weit mehr Angst vor Brustkrebs als vor dem Herztod, und somit richten sie ihr Augenmerk auch hauptsächlich darauf. Das ist erschreckend, denn in Deutschland erleiden ca. 130.000 Frauen pro Jahr einen Infarkt. Rund die Hälfte überlebt ihn nicht! An Brustkrebs sterben dagegen jährlich ‚nur’ etwa 19.000 Frauen! Die aktuellen Zahlen aus den USA sind noch alarmierender. Dort erliegen jährlich 500.000 Frauen den Herz- und Gefäßkrankheiten, damit ist dies die Todesursache Nummer eins. Wenn man die Opfer der darauf folgenden sieben häufigsten Todesursachen (einschließlich aller Krebserkrankungen) zusammenrechnet, kommt man bei weitem nicht auf eine so hohe Zahl.

EKE - Prof. Dr. Georg V. Sabin
"Aber Frauen verdrängen den Herztod noch immer", konstatiert Prof. Dr. Georg Sabin, Leiter der Kardiologie im Elisabeth-Krankenhaus in Essen. "Doch genau diese Einstellung ist verhängnisvoll, denn nur das Wissen über die Krankheit kann die Situation für die Frauen verbessern und Leben retten!" Der Herzinfarkt gilt hierzulande immer noch als typische Männerkrankheit. – Auch das ist falsch! Derzeit sterben in Deutschland und anderen westlichen Industrieländern mehr Frauen an einem Infarkt als Männer. Aber woran liegt das? Wie konnten die Frauen die Männer in diesem Bereich überholen?
Natürlich haben die Risikofaktoren, denen sich Frauen in den letzten Jahren aussetzen, zugenommen. Rauchen, Übergewicht, ein hoher Cholesterinspiegel im Blut, ein unbehandelter Bluthochdruck, die Anti-Baby-Pille, Bewegungsmangel, Stress – all das sind Faktoren, die einen Infarkt begünstigen können. Auch die Hormonersatztherapie, von der man früher annahm, sie könnte Frauen nach den Wechseljahren vor einem Herzinfarkt schützen, ist heute umstritten. Aber das sind nicht allein die Gründe, warum Frauen häufiger am Infarkt sterben als Männer. Die Unwissenheit vieler Frauen um diese Krankheit ist eine der Hauptursachen.
Bei einem Herzinfarkt stirbt ein Teil des Herzmuskels durch den Verschluss eines Herzkranzgefäßes ab. Diese so genannten Koronararterien versorgen normalerweise das Herz mit Nährstoffen und Sauerstoff. Wird eines dieser Gefäße durch ein Blutgerinnsel verstopft, stirbt das nicht mehr versorgte Herzmuskelgewebe relativ schnell ab. Das kann nur verhindert werden, wenn es Medizinern gelingt, innerhalb weniger Stunden nach einem solchen Ereignis das verschlossene Gefäß wieder zu öffnen. Daher sollte jeder bei Verdacht auf einen Herzinfarkt so rasch wie möglich im Krankenhaus behandelt werden: Denn die Chance zu überleben, aber auch die Belastbarkeit und Lebensqualität danach hängen unter anderem davon ab, wie schnell der Verschluss der Herzkranzgefäße mit Medikamenten beseitigt oder mit einem Ballonkatheter aufgedehnt werden kann.
Der Herzinfarkt gehört zu denjenigen lebensbedrohlichen Erkrankungen, bei denen jede Minute zählt. Und hier liegt einer der Gründe, warum die Prognose einer Frau nach einem Infarkt derzeit noch deutlich schlechter ist als bei Männern. Jede dritte Frau über 65 stirbt am Infarkt, noch bevor sie die Klinik erreicht. Bei Frauen vergeht häufig zu viel kostbare Zeit, bis der Rettungsdienst gerufen und der Infarkt diagnostiziert wird. Die Ursachen hierfür: Erstens rechnen viele Frauen selbst nicht damit, dass ihre Herzkranzgefäße gefährlich eng geworden sind und ihnen ein Infarkt droht. Zweitens erlebt die Betroffene einen Infarkt und dessen Vorzeichen häufig anders als ein Mann.
Frühwarnzeichen, mit denen sich ein Herzinfarkt ankündigt, sind bei Frauen und Männern anders. Viele Frauen würden wahrscheinlich eher einen Herzinfarkt bei ihrem Mann erkennen als bei sich selbst. Gut für die Männer! Die Symptome des männlichen Infarkts sind auch hinreichend bekannt. Wie oft hat man schon in Arztserien Männer gesehen, die sich an den Brustkorb greifen und dann zusammenbrechen. Schmerzen in der Brust, die in den linken Arm, den Kiefer oder den Rücken ausstrahlen, sind die häufigsten Symptome eines drohenden Infarkts beim "starken Geschlecht". Frauen hingegen verspüren nur selten Enge oder Schmerzen in der Brust. Viel häufiger macht sich bei ihnen ein drohender Herzinfarkt durch extreme Müdigkeit, Schlafstörungen, einen Knick in der Leistungskurve, Kurzatmigkeit bei Anstrengungen, schwere Schwindelgefühle, Schmerzen im Oberbauch oder zwischen den Schulterblättern sowie durch Appetitlosigkeit, Erbrechen und Übelkeit bemerkbar. Aber auch untypische Beschwerden wie Schweißneigung oder Angstgefühl können Hinweise auf einen Infarkt sein.
Aktuelle amerikanische Studien zeigen, dass zwei Drittel aller Frauen, die einem plötzlichen Infarkt erliegen, zuvor über keinerlei Herzbeschwerden klagten. "Die Symptome werden von den betroffenen Frauen oft als Magenverstimmung, Verspannung oder bronchialer Infekt missgedeutet. Aber bei Patientinnen über 50 Jahren mit mehreren Risikofaktoren sollten solche Symptome auch immer als mögliches Indiz einer koronaren Herzerkrankung ins Kalkül gezogen werden", so Prof. Dr. Sabin. "Bedenken Sie auch, dass 10 bis 20 Prozent der Herzinfarkte gar keine Schmerzen verursachen," erklärt der Kardiologe. "Wir bezeichnen diese deshalb als stumme Infarkte; sie sind besonders häufig bei Patienten mit Diabetes mellitus. Der Herzinfarkt wird dann, wenn überhaupt, erst im Nachhinein festgestellt."
Die American Heart Association startete in diesen Tagen die Kampagne "Go Red For Women". Man will in den USA mit der Farbe Rot Zeichen setzen. Überall dort, wo im Alltag diese Farbe auftaucht, soll sie Frauen erinnern, an ihr eigenes Herz zu denken und daran, dass der Ladykiller No. 1 auch auf sie lauert. "Der Kampf gegen kardiologische Erkrankungen muss so früh wie möglich begonnen werden", mahnt Prof. Dr. Sabin. "Unsere Erfahrungen im Elisabeth-Krankenhaus zeigen, Frauen rechnen nicht mit einem Infarkt und warten bei auftretenden Symptomen häufig erst einmal ab. Das kann ihnen leicht zum Verhängnis werden." Der renommierte Herzspezialist aus Essen appelliert an alle Frauen, die aufgezeigten Beschwerden ernst zu nehmen: "Jede Frau sollte sich darüber bewusst werden, dass auch ihr ein Herzinfarkt drohen kann. Sie sollte sowohl die Frühwarnzeichen als auch die spezifisch weiblichen Symptome eines Infarktes kennen, damit im Ernstfall nicht wertvolle Zeit verstreicht! Es ist gut, dass Frauen in Gesundheitsfragen nicht solche Vorsorgemuffel und häufig so desinteressiert sind wie viele männliche Patienten. Sie sollten ihren Focus aber erweitern und nicht nur geschlechtsspezifische Krankheiten im Auge haben. Vergessen Sie nicht Ihr Herz unter der Brust!"
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