19. März 2010
Von Andreas Hadel
Früher war Gut und Böse leichter auseinanderzuhalten. Genauso wie sich im kalten Krieg die Klassenfeinde eindeutig zuordnen liessen, waren Wohl- und Übelteller auch in der Speisekammer eindeutig zu identifizieren. Kohlenhydrate füllen unsere Energiespeicher zuverlässig wieder auf und Fett führt uns ohne Umwege in die Übergewichtshölle. Doch wie es die Ironie der Weltgeschichte will, verlor mit dem Ende des kalten Krieges nicht nur das Dogma über böse Kommunisten, sondern auch der schlechte Ruf der Fette an Boden. Wissbegierige Diätiker sehen sich nun mit einer Vielzahl von Ernährungsformen konfrontiert, die nicht mehr so recht in das über Jahrzehnte gepredigte Schema passen.
Wie oft haben wir gehört, dass Fett die Wurzel fast allen Übels ist, an denen die Bevölkerungen westlicher Nationen kranken? Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes, Gicht und andere sogenannte Zivilisationskrankheiten werden mit dem übermäßigen Verzehr von Fetten in Verbindung gebracht. Seit den späten 70er Jahren wurde das Mantra des schlechten Fettes so oft wiederholt, dass wir es als gegebenen Fakt hinnahmen. Die Low-Carb-Bewegung hatte es dementsprechend schwer, sich gegen die wie in Stein gemeisselten Meinungen durchzusetzen. Doch selbst viele von denen, die sich Dr. Atkins und anderen Verfechtern einer fettreichen Ernährung angeschlossen haben, sehen in gesättigten Fettsäuren den verführerischen Feind eines gesunden und aktiven Lebensstils.
Tatsächlich jedoch ist die vermeintlich schädliche Wirkung von gesättigten Fettsäuren kaum wissenschaftlich bewiesen. Es gibt nur wenige Studien, die einen Verdachtsmoment belegen können, allerdings nicht viel mehr als das. In den meisten Fällen solcher Studien sind die gesättigten Fettsäuren nur ein Faktor von vielen gewesen, die zu einer schlechten Gesundheit führen können. Übergewicht, ein Lebensstil ohne regelmäßige körperliche Betätigung und allgemein eine Ernährungsweise, die nicht viele Vitamine und Mineralien zur Verfügung stellt, können selbst bei einer fettarmen Diätform zu einer schlechten Fitness führen.
Auf der anderen Seite jedoch konnte eindeutig bewiesen werden, dass eine verringerte Kohlenhydratzufuhr zu niedrigeren Triglyceridwerten (Fette im Blut) führen können, da unser Organismus überschüssige Kohlenhydrate in gesättigte Fettsäuren umwandelt.
Eine weitere Studie, die vor kurzer Zeit im "American Journal of Clinical Nutrition" veröffentlicht wurde, wertete eine Vielzahl von Untersuchungen und Experimenten aus, die sich mit der Beziehung zwischen gesättigten Fettsäuren und Herzinfarkten sowie Schlaganfällen auseinandersetzten. Die Autoren der Studie berücksichtigten dabei 21 Studien, die insgesamt 347.747 Probanden umfassten. Man kann also durchaus von einer repräsentativen Untersuchung sprechen.
Das Ergebnis ist Wasser auf den Mühlen der Low-Carb-Verfechter: Es konnte zwischen gesättigten Fettsäuren und Herzerkrankungen kein eindeutiger Zusammenhang nachgewiesen werden. Wie oben erwähnt, spielt offenbar die Kombination von mehreren Faktoren eine weitaus größere Rolle, wenn es um unsere Gesundheit geht.
Wir dürfen bei der Diskussion zudem nicht vergessen, dass unser Gehirn auf gesättigte Fettsäuren angewiesen ist. Es macht daher Sinn, gesättigte Fette nicht kategorisch abzulehnen, sondern sich mit ihnen zwar kritisch, aber dennoch neutral auseinanderzusetzen.
Obwohl ernährungsmäßig betrachtet alles etwas komplexer und schwieriger geworden ist, weil sich die Makronährstoffe nicht mehr so leicht in Gut und Böse unterteilen lassen, so leben wir ambitionierten Fitness-Enthusiasten doch gerade in einer ziemlich spannenden Zeit, in denen mit alten und mitunter falschen Ernährungsdogmen aufgeräumt wird.
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