16. Mai 2006
Wenn Stress und Belastung in die Hose gehen.
Trauen Sie sich nicht, in aller Öffentlichkeit zu Husten? Unterdrücken Sie jedes niesen? Vermeiden Sie ausgelassenes Lachen? Sie gehen lieber mehrmals Einkaufen, um nicht große, schwere Taschen und Tüten tragen zu müssen? Auf der Arbeit trinken Sie möglichst wenig, um nicht plötzlich in der Konferenz oder im Kundengespräch schnell eine Toilette aufsuchen zu müssen? Sie haben gerade gedacht, stimmt, das könnte ich sein? Dann gehören Sie zu den rund vier Millionen Frauen in Deutschland, die an einer mehr oder weniger ausgeprägten Blasenschwäche, der Inkontinenz, leiden. Experten unterscheiden verschiedene Arten dieser Beeinträchtigung: So z.B. die Belastungsinkontinenz oder die so genannte Urge-Inkontinenz, bei der ein nicht zu unterdrückender Harndrang zu einem unfreiwilligen Verlust von Urin führt.
"Inkontinenz ist auch heute immer noch ein großes Tabu-Thema", so Prof. Dr. Stefan Niesert, Direktor der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe des Elisabeth-Krankenhauses in Essen. "Denn den meisten betroffenen Frauen ist die Erkrankung peinlich und sie verschweigen deshalb die auftretenden Probleme. Damit erhöht sich der Leidensdruck bei zunehmender Blasenschwäche. Einige Frauen trauen sich kaum noch auszugehen, aus Angst, durch ihre Inkontinenz in peinliche Situationen zu kommen oder unangenehm zu riechen."
Die Belastungsinkontinenz ist die häufigste Form der Blasenschwäche. Sie betrifft fast ausschließlich Frauen. Ursache dieser Inkontinenzform ist eine Schwäche der Beckenbodenmuskulatur. "Der Beckenboden besteht aus drei Muskelschichten, die zwischen Steißbein, Schambein, rechtem und linkem Sitzknochen aufgespannt sind", erläutert der Gynäkologe aus Essen. "Die Aufgabe dieser Muskulatur ist es, die Bauchorgane des kleinen Beckens von innen wie in einer Hängematte zu halten.
Es gibt verschiedene Gründe, die zu einer Erschlaffung und Schwächung der Beckenbodenmuskulatur führen: Ein Grund ist die Überdehnung des Unterbauchgewebes während einer Schwangerschaft und Geburt. Aber auch schwere körperliche Arbeit oder Übergewich können eine Belastungsinkontinenz zur Folge haben. In den Wechseljahren verstärken zudem die hormonelle Umstellung und der Östrogenmangel die Probleme. Durch die hormonellen Veränderungen erschlafft das Gewebe im Unterleib, wodurch es zu einer Verlagerung der Organe kommen kann, die dann auf den Harntrakt drücken. Kommt es nun, beispielsweise infolge von körperlichen Anstrengungen, zu einem erhöhten Druck im Bauchraum, kann die geschwächte Muskulatur die starke Belastung des Beckenbodens nicht auffangen und gibt einfach nach. Der Druck auf und in der Harnblase erhöht sich. Dabei ist der Druck in der Blase stärker als die Verschlusskraft des Harnröhrenschließmuskels. Die Folge: Es kommt zum unwillkürlichen Harnabgang. Da viele alltägliche Handlungen – ob nun Husten, Niesen, Lachen, Heben, Tragen, Sport treiben oder auch Treppensteigen und Laufen – den Druck in unterschiedlicher Weise im Bauchraum erhöhen, haben viele betroffene Frauen eigentlich ständig mit dem Problem zu kämpfen."
Eine Belastungsinkontinenz entsteht nicht von heute auf morgen. Sie entwickelt sich meistens über mehrere Jahre. Erste Symptome können beispielsweise Rückenschmerzen im Bereich des Kreuzbeins sein, die auf eine beginnende Gebärmuttersenkung hinweisen können. Die Symptome machen sich vor allem bei längerem Gehen oder Stehen bemerkbar. Ohne vorbeugende Maßnahmen würden die Probleme immer häufiger und schwerwiegender auftreten.
In leichten Fällen kann schon durch gezieltes Beckenbodentraining eine Besserung erzielt werden, in jedem Fall wird aber die Schließmuskelfunktion der Harnblase trainiert und einer Verschlechterung vorgebeugt. "Im Elisabeth-Krankenhaus beginnen die Frauen bereits wenige Tage nach der Entbindung mit der Rückbildungsgymnastik zur Stärkung der durch die Schwangerschaft und Geburt stark beanspruchten Beckenbodenmuskulatur", so Prof. Niesert. "Aber auch ohne vorangegangene Geburt kann und sollte eine Frau etwas für ihren Beckenboden tun. Besonders gut geeignet ist eine gezielte Gymnastik, die von vielen Physiotherapeuten angeboten wird und bei der Bauch-, Rücken-, Beckenboden und Gesäßmuskulatur gleichermaßen trainiert und gestärkt werden."
Neben der Gymnastik gibt es verschiedene andere Methoden, die Muskulatur des Beckenbodens aktiv und passiv zu trainieren. Beim so genannten Biofeedback werden über einen Sensor in der Scheide Muskelspannungen an einen Rechner weitergeleitet und auf einem Monitor grafisch sichtbar gemacht. Die Patientin kann so direkt den Erfolg ihres Trainings am Computerbildschirm verfolgen. Bei der Elektrostimulationsmethode wird die Muskulatur durch Reizstrom aktiv angeregt. Daneben gibt es verschiedene tamponförmige Gewichte, so genannte Konen, die in die Scheide eingeführt und von den Patienten durch Anspannen der Beckenbodenmuskulatur festgehalten werden.
Falls diese konservativen Maßnahmen erfolglos sind, stehen eine große Anzahl von Senkungsoperationen zur Verfügung. "Bei diesen Operationen wird die Scheidensenkung beseitigt und die Harnröhrenschwäche behandelt", erläutert Nieset. "Somit kann eine normale Blasenfunktion wiederhergestellt werden. In vielen Fällen ist durch die Einlage eines Bandes unter der Harnröhre bereits ein guter Erfolg zu erzielen."
Aber auch prophylaktisch können Frauen etwas für den Erhalt und die Gesundheit ihres Beckenbodens tun. Starkes Pressen beim Stuhlgang, beispielsweise bei einer chronischen Verstopfung, schwächt den Beckenboden zusätzlich. Mit Hilfe einer ballaststoffreichen Ernährung werden Verdauungsprobleme auf Dauer vermieden. "Richtiges Tragen und Heben von schweren Lasten schont den Beckenboden ebenso wie der Abbau von Übergewicht," rät Niesert außerdem. "Beides entlastet die Muskulatur und kann bei vorhandenen Problemen bereits eine deutliche Besserung mit sich bringen."
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Der Ratgeber Die anale Kontinenz und ihre Wiederherstellung von Eduard Heinrich Farthmann und Ludwig Fiedler.
