17. Juni 2005
Vor drei Jahren brachte Carola L. aus Mühlheim ihr erstes Kind in der 31. Schwangerschaftswoche zur Welt. Lange kämpften die Ärzte um das Überleben des viel zu früh geborenen Jungen, der auch heute noch deutlich Entwicklungsstörungen aufweist. Der Frauenarzt stellte nach der Geburt fest, dass Keime in der Gebärmutter von Frau L. die Frühgeburt ausgelöst hatten. In ihrer zweiten Schwangerschaft verwendete die 34-jährige deshalb einen Test, mit dem sie sich selbst – zusätzlich zu den ärztlichen Vorsorgekontrollen – auf drohende Infektionen hin untersuchen konnte.
"Trotz umfassender Vorsorge ist es in den letzten Jahren nicht gelungen, die Anzahl der Frühgeburten zu senken, eher ist eine Zunahme zu beobachten", sagt Prof. Dr. Stefan Niesert, Direktor der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe des Elisabeth-Krankenhauses Essen. "In der Bundesrepublik kommen rund sieben Prozent aller Babys zu früh und mit Untergewicht zur Welt." Natürlich haben sich die Chancen für diese Kinder durch die moderne Medizin gravierend verbessert. Dennoch ist eine Frühgeburt zumeist eine große Belastung für die Familie und stellt hohe Anforderungen an die betreuenden Mediziner und Pflegekräfte: Die Frühgeborenen sind oft nicht fähig, die wichtigsten Lebensfunktionen aufrecht zu erhalten. Daher müssen in manchen Fällen medizinische Hilfsmittel wie Brutkästen, Sauerstoffbeatmung oder künstliche Ernährung eingesetzt werden. "Ernsthaft gesundheitlich gefährdet sind alle Babys, die vor der 32. Schwangerschaftswoche geboren werden", so Darius Michna, Leitender Arzt der neonatologischen Intensivstation des Elisabeth-Krankenhauses. "Diese Neugeborenen wiegen zumeist weniger als 1.500 Gramm. Die moderne Medizin kann sie zwar am Leben halten, doch ca. 30 Prozent dieser Frühchen sind von bleibenden Störungen betroffen. Seh- und Hördefizite sind nicht selten und auch Epilepsie, Entwicklungs- und Konzentrationsstörungen treten bei diesen Kindern später häufiger auf."

EKE - Leiter der neonatologischen Intensivstation bei der Untersuchung eines Frühchens im Inkubator
Mehr als die Hälfte aller Früh- und Fehlgeburten werden durch eine Vermehrung infektionsauslösender Keime in der Scheide der Mutter verursacht. "Normalerweise herrscht in der Scheide ein saurer – also niedriger – pH-Wert, der von Milchsäurebakterien aufrecht erhalten wird", erklärt Prof. Dr. Niesert. "Diese Bakterien unterstützen die körpereigene Abwehr, indem sie Milchsäure produzieren. Die Säure sorgt dafür, dass sich krankmachende Keime nicht so leicht ausbreiten können. Wenn dieser natürliche Schutz aus irgendeinem Grund gestört ist, steigt der pH-Wert und infektionsauslösende Keime können sich in der Scheide vermehren. Oft wird eine solche Scheideninfektion von den Frauen gar nicht bemerkt und daher auch nicht behandelt. Die Keime können dann in die Gebärmutter aufsteigen und dort Wehen oder einen vorzeitigen Blasensprung hervorrufen."

EKE - Der Leiter der neonatologischen Intensivstation untersucht einen vier Wochen alten Säugling
Mit einem einfachen Säuretest bei Schwangeren könnte nach Ansicht von Medizinern die Zahl der Früh- und Fehlgeburten drastisch gesenkt werden. Um eine Infektion in der Scheide rechtzeitig diagnostizieren zu können, wird dazu ein speziell beschichteter Einmalhandschuh aus Plastik eingesetzt. Mit ihm können Frauen selbst – unabhängig vom Arzt – zu Hause erste Anzeichen einer Infektion feststellen. "Um eine Störung des Säuregehaltes frühzeitig zu erkennen, führen Frauen mit diesem Handschuh eine Messung des ph-Werts ihrer Scheidenflüssigkeit durch", so Prof. Dr. Niesert. "Diese Messung ist einfach und ungefährlich. Der Zeigefinger mit dem Handschuh wird etwa drei Zentimeter in die Scheide eingeführt wird. Auf der Fingerspitze des Handschuhes befindet sich ein Messfeld, das entsprechend des Säuregehaltes seine Farbe verändert. Anhand einer Vergleichsskala kann dann der pH-Wert abgelesen werden." Die Verfärbung bietet also Aufschluss über eine eventuell vorliegende Infektion. Ist der Säuregehalt der Scheidenflüssigkeit zu niedrig, sollte der behandelnde Frauenarzt aufgesucht werden, um die Ursache abzuklären und ggf. mit einer Behandlung zu beginnen. "Je später bei einer Infektion therapeutisch eingegriffen wird, umso schwieriger wird es, eine Frühgeburt zu vermeiden," erklärt der Gynäkologe aus Essen. "Deshalb ist es wichtig, öfter zu kontrollieren als nur einmal im Monat bei der ärztlichen Vorsorgeuntersuchung." Verschiedene wissenschaftliche Studien in Deutschland haben den Nutzen des Handschuhtests belegt: Bei den untersuchten Frauen ist es gelungen, die Zahl der Frühgeburten vor der 32. Schwangerschaftswoche fast zu halbieren.
Die Testhandschuhe gibt es in der Apotheke. Ein Set kostet etwa 50 Euro und reicht für eine ganze Schwangerschaft aus. Einige Krankenkassen übernehmen für ihre Versicherten bereits die Kosten dieses Selbstvorsorgetests. So auch die Kasse von Carola L.. Die junge Frau stellte im Lauf ihrer zweiten Schwangerschaft dreimal erhöhte pH-Werte fest und suchte dann jedes Mal ihren Frauenarzt auf. Der behandelte sie erfolgreich mit Scheidenzäpfchen, die Milchsäurebakterien enthielten. Vor fünf Monaten brachte Carola L. in der 38. Schwangerschaftswoche eine gesunde Tochter zur Welt.
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