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Damit es nicht weh tut - Moderne Kinderchirurgie: Schmerzen gar nicht erst entstehen lassen

Welches Kind ist schon gern im Krankenhaus oder freut sich auf eine Operation? Wohl keins! Trotzdem sind Eingriffe - und alles, was damit zusammen hängt - manchmal unvermeidlich. Und selbst bei guter Vorbereitung bleibt ein Klinikaufenthalt für Kinder ein Problem: Denn wenn es weh tut, bricht die heile Welt zusammen – da kann der Doktor noch so lustig und die Schwester noch so nett sein!


EKE - Der kleine Patient zeigt dem Kinderchirurgen Dr. Peter Liedgens sein operiertes Bein

Noch bis in die 80-er Jahre hinein vertraten viele Wissenschaftler die Meinung, dass Kinder aufgrund ihres noch unreifen Nervensystems bei Eingriffen weniger Schmerzen empfinden als Erwachsene. Operationen wurden damals bei den ganz Kleinen nicht selten fast ohne Schmerzbehandlung durchgeführt. Auch die Schmerzen nach Eingriffen wurden häufig unterschätzt und ungenügend beachtet. "Die Notwendigkeit einer ausreichenden Schmerzlinderung bei Kindern wird heute nicht mehr in Frage gestellt", konstatiert Dr. Peter Liedgens, Chefarzt der Abteilung für Kinderchirurgie im Elisabeth-Krankenhaus Essen. "Man weiß jetzt: Selbst Früh- und Neugeborene empfinden Schmerzen nicht viel anders als Erwachsene. Die Schmerzfreiheit ist daher heute eines der wichtigsten Ziele bei der Betreuung von Kindern im Rahmen einer OP."

Keine Lügen

Die vernünftige Schmerztherapie beginnt dabei bereits vor der eigentlichen Operation. Eine gute Vorbereitung auf die bevorstehenden Ereignisse ist sehr wichtig, denn Ängste vor Schmerzen beruhen häufig auf Unwissenheit. Deshalb ist es notwendig, die Eltern vor einem Eingriff an ihrem Kind umfassend zu informieren und ihnen die Abläufe zu erklären. Je mehr die Eltern wissen, desto mehr Sicherheit gewinnen sie und desto ruhiger können sie ihr Kind durch den OP-Tag begleiten. Wie viel das Kind über den bevorstehenden Eingriff wissen sollte oder wissen will, können seine Eltern in der Regel am Besten beurteilen. Grundsätzlich gilt: Das Kind nicht überfordern, aber auch nicht unterschätzen. Manchen Kindern muss vorher alles erklärt werden, anderen macht so eine Vorgehensweise Angst. "Ein Eingriff darf aber niemals eine komplette Überraschungspartie für das Kind werden", sagt der Kinderchirurg. "Auf Versprechen à la 'Es tut gar nicht weh' besser verzichten! Sie können nicht eingehalten werden und führen beim Kind zu einem Vertrauensverlust."

Schmerz ist ein Thema

Bei den Vorgesprächen zur Narkose sollte auch der mögliche Schmerz nach dem Eingriff thematisiert werden. "Eltern müssen wissen, welche Möglichkeiten der Schmerzbehandlung es heute gibt", sagt Prof. Dr. Klaus Lewandowski, Direktor der Klinik für Anästhesie, Intensivmedizin und Schmerztherapie des Elisabeth-Krankenhauses. "Das Prämedikationsgespräch vermittelt aber nicht nur Informationen über die Narkose, es soll auch Vertrauen schaffen – das gilt sowohl für die kleinen Patienten als auch für die Eltern." Im Gespräch mit dem Narkosearzt sollten die Eltern nicht nur alle bekannten Informationen über ihr Kind weitergeben, sondern auch über bisher gemachte Erfahrungen berichten: Gab es schon Eingriffe mit Narkose? Wie hat das Kind reagiert? Wie schnell hat es sich nach dem Eingriff wieder erholt? Diese Zusatzinformationen können helfen, für das Kind die Narkose und Schmerztherapie möglichst individuell zu gestalten, denn es stehen durchaus mehrere Möglichkeiten zur Auswahl.

Ein Pflaster gegen das 'Pieksen'

Vieles trägt dazu bei, die Angst vor dem Eingriff und vor möglichen Schmerzen zu mindern, denn in einer angenehmen Atmosphäre wird Schmerz weniger stark erlebt. Besonders wichtig ist natürlich die Anwesenheit der Eltern. "Wir versuchen aber auch, alle Vorgänge zur Operationsvorbereitung möglichst spielerisch an das Kind heranzutragen, damit erst gar keine Verunsicherung aufkommt", betont Dr. Liedgens. "Da viele Kinder besonders Angst vor dem 'Pieksen' haben, wird ihnen vor der Venenpunktion, die zur Narkoseeinleitung notwendig ist, ein Lokalanästhesiepflaster auf die Punktionsstelle geklebt – die Kleinen spüren auf diese Weise überhaupt nichts vom Einstich der Nadel. Manchmal wird dem Kind vor dem Eingriff auch ein Beruhigungsmittel verabreicht, damit es möglichst entspannt zur OP gebracht werden kann."

Schmerzfrei erwachen

Das wichtigste Prinzip der modernen Kinderchirurgie heißt: Schmerzen möglichst gar nicht entstehen lassen. Um die Schmerzen nach einem Eingriff bei Kindern gering zu halten, werden heute häufig bereits noch unter der Narkose Schmerzmittel verabreicht. "Schon vor OP-Beginn können Schmerzzäpfchen eingeführt werden", so Prof. Dr. Lewandowski. "Wenn nach dem Eingriff größere Schmerzen zu erwarten sind, verabreichen wir noch während der Operation wirkungsvolle Medikamente über die Venen. Bei Eingriffen – wie z.B. beim Leistenbruch – werden zusätzlich zur Narkose örtliche Betäubungsmittel im Operationsgebiet eingesetzt. Dank der uns heute zur Verfügung stehenden Möglichkeiten und Medikamente erwachen die meisten unserer kleinen Patienten nach einer Operation zum Glück ohne wesentliche Schmerzen."

Schmerzen wegdrücken

Auch postoperative Schmerzen müssen immer ernst genommen werden. "Es ist ein Fehler, Kindern ihre Schmerzen ausreden zu wollen", erklärt Dr. Liedgens. "Schmerzmittel sollten nach Eingriffen großzügig verabreicht werden. Es gibt heute zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen, die eine sichere Anwendung von verschiedensten wirksamen Medikamenten bei Kindern ermöglichen."

Nach größeren Operationen bekommen die Patienten auf der Kinderstation des Elisabeth-Krankenhauses von den Anästhesisten programmierbare Pumpen. Diese dosieren die Wirkstoffe genau nach Bedarf und Körpergewicht: Immer, wenn die Kinder Beschwerden haben, drücken sie einen Knopf und die Pumpe gibt über den ohnehin vorhandenen Venentropf eine genau eingestellte Menge Schmerzmittel ab. "Kinder haben mit der Bedienung der Schmerzpumpen keine Probleme", sagt Prof. Dr. Lewandowski. "Sie sind mit Technik aufgewachsen und schon im Alter von fünf bis sechs Jahren können die meisten mit einem Gameboy umgehen. Die kleinen Patienten kommen deshalb oft mit den Pumpen besser zurecht als ältere Menschen." Bei jüngeren Kindern werden die Schmerzpumpen vom Pflegepersonal oder von den Eltern bedient. Da die jüngsten Patienten ihr Schmerzempfinden oft nicht genau angeben können, ist es wichtig, dass sie in der Klinik von Personal betreut werden, das durch eine spezielle Ausbildung und Erfahrung befähigt ist, die körperlichen und seelischen Bedürfnisse von Kindern zu erkennen und entsprechend darauf zu reagieren.

Negative Auswirkungen vermeiden

Es gibt Eltern, die der Gabe von Schmerzmedikamenten skeptisch gegenüber stehen. Ihnen erklärt Dr. Liedgens, dass die negativen Auswirkungen einer mangelhaften Schmerzlinderung nach einem operativen Eingriff wesentlich größer einzuschätzen sind als die kurzzeitige Verabreichung eines Medikaments. Eine unzureichende Schmerztherapie führt zum Anstieg von Stresshormonen, einer Verschlechterung der Immunabwehr und zur Verlangsamung der Wundheilung. Schmerzen bestimmen beim Kind, viel stärker als bei einem Erwachsenen, das Gefühlsleben. Neuere Untersuchungen lassen deshalb vermuten, dass es bei Kindern, deren starke Schmerzen nicht ausreichend behandelt wurden, langfristig zu Verhaltensauffälligkeiten – wie beispielsweise nächtlichen Albträumen oder erneutem Einnässen – kommen kann. Einige Wissenschaftler gehen heute sogar davon aus, dass starke Schmerzzustände Kinder so ungünstig beeinflussen können, dass Auswirkungen bis ins Erwachsenenalter nachweisbar sind.

"Ein völlig 'schmerzfreies Krankenhaus' wird es auch zukünftig nicht geben", sagt Dr. Liedgens, "aber wir können mit den Mitteln, die uns heute zur Verfügung stehen, dafür sorgen, dass unsere kleinen Patienten so wenig Schmerzen wie möglich erleiden müssen und dass sie mit den Schmerzen, die sie haben, gut umgehen können."

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