15. Mai 2010
Von Andreas Hadel
Sie kommen nicht rechtzeitig aus dem Büro und schaffen die geplante Laufeinheit nicht mehr und fühlen sich deshalb für den Rest der Woche unter den Druck, die fehlenden Kilometer wieder auszugleichen? Oder haben Sie bei einem Rennen die ersten Kilometer verschlafen und sich bis zur Ziellinie mit Selbstvorwürfen bestraft, weil der persönliche Rekord nicht mehr zu erreichen war? - Wenn Ihnen diese und ähnliche Szenerien bekannt vorkommen, gehören Sie vermutlich zu den Perfektionisten unter uns Läufern.
Die Umfrage eines Laufmagazins hat ergeben, dass rund 40 Prozent der Läufer im Breitensport perfektionistische Charakterzüge tragen. Ein Perfektionist zu sein, ist an sich nicht weiter schlimm. Das Streben nach Exzellenz sorgt dafür, dass man sich hohe Ziele setzt und den nötigen Antrieb entwickelt, hart und regelmäßig zu trainieren. Perfektionisten neigen jedoch dazu, sich permanent selbst unter Druck zu setzen und sich für alle negativen Umstände verantwortlich zu machen. Anstatt zur Ziellinie laufen sie deshalb häufig in die Übertrainingsfalle hinein oder werden für das Burn-Out-Syndrom anfällig.
Neben der physischen Vorbereitung ist es beim Laufen daher auch genauso wichtig, sich psychisch richtig einzustellen. Die folgenden Tipps helfen Ihnen dabei, wie Sie ambitioniert und dennoch entspannt die Ziellinie überqueren.
DAS SZENARIO: In der Nacht vor dem Rennen schmeißen Ihre Nachbarn eine lautstarke Party. Sie haben Mühe Schlaf zu finden und kommen nur für wenige Stunden zur Ruhe.
DER WEG INS ZIEL: Jeder Wettkampf hat seine eigenen Gesetze und Probleme. Sie werden wahrscheinlich nie an der Startlinie stehen und mit allen Dingen zufrieden sein. Sei es die unruhige Nacht oder die stressige Anfahrt, machen Sie das Beste aus dem Hier und Jetzt. Sehen Sie sich zum Beispiel Sabrina Mockenhaupt an. Deutschlands erfolgreiche Langstreckenläuferin trat im letzten Jahr bei den Weltmeisterschaften unter sengender Hitze an die Startlinie. Sie wusste, dass sie bei der Wärme keine Bestleistung abrufen kann und begann das Rennen sehr konservativ. Nach und nach nahm sie das Tempo auf und arbeitete sich von der 28. Position letztendlich auf den beachtlichen Rang 17 vor. Sie können nicht alle äußeren Einflüsse kontrollieren, aber Sie können immer darauf angemessen reagieren.
DAS SZENARIO: Sie haben keine Laufeinheit ausfallen lassen und dennoch können Sie im Wettkampf nicht annähernd mit der Spitzengruppe mithalten.
DER WEG INS ZIEL: Gerade bei Volksläufen, wo verschiedene Altersgruppen gleichzeitig an der Startlinie stehen, neigen Perfektionisten dazu, sich mit den falschen Konkurrenten zu vergleichen. Wenn Sie ein 40-jähriger Familienvater mit Vollzeitjob sind, können Sie nicht erwarten, mit dem 21-jährigen Sportstudenten mithalten zu können. Bei Wettkämpfen wie diesen, macht es Sinn, sich auf seine eigene Zeit und seinen eigenen Laufrhythmus zu konzentrieren, als sich verbohrt an einen "Mitläufer" zu haften, der ohnehin nicht in der gleichen Wertungskategorie läuft. Wenn Sie einen Gegenspieler brauchen, um sich über die lange Strecke zu tragen, halten Sie sich an die 5-Meter-Regel. Wenn Sie Ihr Lauf-Tempo aufgenommen haben, schauen Sie, welcher Läufer 5 Meter vor Ihnen ist und "attackieren" ihn. Sind Sie an ihn vorbei, suchen Sie sich den nächsten "Gegner" im 5-Meter-Radius aus. Nicht selten findet man so ebenbürtige Konkurrenten und hilft sich durch kleinere Laufduelle in einer persönlichen Bestzeit über die Ziellinie.
DAS SZENARIO: Sie haben sich eine bestimmte Zeit als Ziel gesetzt und arbeiten mit Intervall-Läufen, Tempo-Einheiten und Sprints am Hang darauf hin.
DER WEG INS ZIEL: Ein ehrgeiziger und gut durchdachter Trainingsplan ist ein zuverlässiges und unabdingbares Werkzeug für das Erreichen einer ambitionierten persönlichen Bestleistung. Doch neben all den Trainingseinheiten, die Sie immer wieder an den Rand der körperlichen und psychischen Grenze treiben, sollten Sie eines nicht vergessen. Das Laufen aus Spaß. Ist das nicht der Grund, warum wir uns für das Laufen entschieden haben und nicht auf einem Fahrradergometer im Fitness-Studio geendet sind? Uns Läufern wohnt eine ursprüngliche Freude inne, die im Schrittwechsel ihren Ausdruck findet. Wenn wir diese im Eifer nach kleineren Ziffer auf der Stoppuhr verlieren, drohen wir damit auch das Feuer zu löschen, dass uns fast jeden Tag in die Laufschuhe schlüpfen lässt. Planen Sie neben all den auf Sekunden und Tempo fixierten Laufeinheiten auch regenerative Läufe ein, wo Sie einfach sich und den trabenden Klang Ihrer Füße geniessen können.
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