Gehirnhautentzündung Artikel

Kleine Biester: Sommerzeit ist Zeckenzeit

Als Klara S. vom Joggen nach Hause kam, hatte sie noch gar nichts bemerkt. Erst unter der Dusche fühlte sie den linsengroßen Knubbel in der Kniekehle. Beim genauen Hinschauen entdeckte sie, dass der Knubbel acht Beine hatte und mit dem Kopf in ihrer Haut steckte.

Obwohl sie solch ein Tier noch nie gesehen hatte, wusste sie gleich, was es war: Eine Zecke – ein Parasit, der sich vom Blut eines Wirtes ernährt. Aufgeregt rief Klara ihre Freundin an, die ihr riet, das Spinnentier mit Nagellackentferner zu bestreichen, denn so würde es absterben und von selbst abfallen. Solche und ähnliche Tipps zur Zeckenentfernung sind völlig falsch, warnt Dr. Gerd Claussen, chirurgischer Leiter der Zentralen Notaufnahme im Elisabeth-Krankenhaus Essen: "Versuchen Sie niemals, Zecken mit Klebstoff, Öl, Alkohol oder ähnlichen Lösungen abzutöten. Die Tiere können Krankheitserreger enthalten. Wenn sie im Todeskampf ihren Darminhalt in die Hautwunde entleeren, steigt das Risiko einer Infektion erheblich an."


EKE - Oberarzt der Unfallchirurgie in der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Unfallchirurgie

Drehen verboten

Am besten entfernt man Zecken mit einer spitzen Pinzette oder einer speziellen Zeckenzange. "Greifen Sie das Tier am Kopf, ganz dicht an der Haut. Halten Sie es unter leichtem Zug für eine Minute fest. In der Regel lässt es dann von selbst los", erklärt Claussen. "Wenn nicht, ziehen Sie die Zecke gerade – eventuell unter leichter Hin- und Herbewegung – heraus. Oft bedarf dies einiger Kraft, denn die Parasiten verschaffen sich durch Widerhaken festen Halt in der Haut. Herausdrehen sollte man Zecken nicht. Dabei besteht die Gefahr, dass der Kopf im Gewebe zurückbleibt. Achten Sie auch darauf, dass das Tier beim Herausziehen nicht zerquetscht wird, da so infektiöser Inhalt in die Wunde gelangen kann." Nach dem Entfernen sollte die Einstichstelle gereinigt werden – ist kein Desinfektionsmittel zur Hand, tun es auch Wasser und Seife. Schafft man es nicht, die Zecke herauszuziehen oder bleiben Teile ihres Körpers in der Hautwunde zurück, ist es ratsam, einen Arzt aufzusuchen. Meistens sind Zeckenstiche harmlos. Da die Spinnentiere aber Krankheitserreger übertragen können, muss das Areal rund um die Stichstelle in den folgenden Tagen gut beobachtet werden.

Auf Rötungen achten

In Deutschland haben vor allem zwei durch Zecken übertragbare Erkrankungen Bedeutung: die Borreliose und die Frühsommer-Meningoenzephalitis, kurz FSME. Borelliose ist eine Infektion mit den bakterienähnlichen Borellien, welche sich im Verdauungstrakt der Parasiten befinden können. Je schneller und sachgerechter die Zecke entfernt wird, desto geringer ist das Risiko einer Infektion. 60.000 Krankheitsfälle werden pro Jahr weltweit bekannt. Gegen die europäische Form der Borelliose gibt es keinen Impfstoff; die Erkrankung kann aber mit Antibiotika behandelt werden. Man unterscheidet drei Stadien der Erkrankung. Die Inkubationszeit nach dem Zeckenbiss variiert stark: Tage bis Wochen für das erste Stadium oder auch Monate bis Jahre für Stadium drei. "Die Symptomatik der Borreliose kann vielgestaltig sein. In etwa 70 Prozent der Fälle entsteht zunächst ein roter Fleck um die Stichstelle. Dieser wird immer größer und ist in der Mitte zumeist bleich. Zugleich fühlt man sich abgeschlagen wie bei einer Grippe", konstatiert der Chirurg aus Essen. "Suchen Sie nach einem Zeckenstich beim Auftreten einer jeglichen Rötung oder der anderen Symptome immer einen Arzt auf. Ohne rechtzeitige Behandlung kann die Borelliose Gelenke, Herz und Nerven schädigen."

Im Süden und Osten

Die Erreger der Frühsommer-Meningoenzephalitis befinden sich in den Speicheldrüsen der Zecke und werden sofort beim Stich in die Wunde übertragen. Bis zu 300 dieser Viruserkrankungen gibt es jährlich in der Bundesrepublik. Die Infektion tritt allerdings nur in bestimmten Regionen auf: Vor allem in Bayern und Baden-Württemberg – aus dem Saarland, Rheinland-Pfalz, Hessen, Thüringen und Sachsen werden vereinzelt Fälle gemeldet. Außerhalb Deutschlands sind in erster Linie Österreich und Osteuropa betroffen. Eine FSME-Infektion beginnt zunächst mit Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen. "Bei einem Teil der Infizierten befallen die Viren das zentrale Nervensystem", erläutert Claussen. "Es kann zu einer Hirnhautentzündung kommen, die mit hohem Fieber, starken Kopfschmerzen und Nackensteifigkeit einher geht. Entwickelt sich eine Gehirnentzündung, kann es zu Bewusstseins-, Sprach- und Schluckstörungen, zu psychischen Veränderungen oder Lähmungserscheinungen kommen. Bis zu 20 Prozent der Patienten behalten bei dieser schwereren klinischen Verlaufsform der FSME langanhaltende oder bleibende Schäden. Auch Todesfälle durch FSME sind bekannt. Im Vergleich zum Erwachsenen ist der Krankheitsverlauf bei Kindern in der Regel wesentlich leichter und es kommt kaum zu Folgeschäden." Eine ursächliche Therapie gegen FSME gibt es nicht. Ist die Erkrankung ausgebrochen, kann man nur versuchen, die Symptome zu lindern. Daher ist es besonders wichtig, Infektionen möglichst von vorneherein zu verhindern.

Wanderer und Co.

Anders als bei der Borreliose ist gegen die FSME eine Impfung möglich. Sie wird allen empfohlen, die in einem gefährdeten Gebiet leben oder dorthin reisen, um sich in der Natur aufzuhalten. "Da die beruflich gefährdeten Personengruppen wie Förster oder Waldarbeiter heute in der Regel geimpft sind, infizieren sich derzeit die meisten Personen bei Freizeitaktivitäten – z.B. beim Wandern, Radfahren, Picknicken oder Arbeiten im Garten", weiß Claussen. "Für eine komplette FSME-Impfung werden drei Injektionen benötigt: Die ersten beiden Impfungen werden im Abstand von etwa drei Monaten durchgeführt. Eine dritte Injektion schließt etwa nach einem Jahr die Grundimmunisierung ab und verleiht einen Schutz für mindestens drei Jahre. Wenn kurzfristig ein Urlaub in einem FSME-Risikogebiet geplant ist, kann auch ein verkürztes Impfschema angewandt werden."

Zwischen März und November

Neben einer Impfung kann man sich auch sonst noch auf vielfältige Art vor Zecken schützen: Zecken sind nur bei Temperaturen ab 10 Grad aktiv – in unseren Breitengraden also zwischen März und November. Die Tiere lauern dann bis zu einer Höhe von etwa anderthalb Metern im Gestrüpp, im Unterholz und in hohen Gräsern ihren Opfern auf. Wer sich jetzt hier bewegt, sollte Kleidung wählen, die möglichst viel Körperoberfläche bedeckt. Lange Hosen, langärmelige Hemden und festes Schuhwerk reduzieren das Risiko eines Zeckenbefalls erheblich. Dr. Claussen: "Die Spinnentiere erkennen potenzielle Opfer u.a. an Körperwärme und Duftstoffen. Aus diesem Grund wirken Insektenschutzmittel, wie sie auch gegen Mückenstiche eingesetzt werden, auch in gewissem Umfang gegen Zecken. Allerdings lässt ihre Wirkung nach etwa zwei bis drei Stunden nach. Da Zecken mit ihrem Speichel einen schmerzstillenden Stoff injizieren, wird der Stich zumeist nicht sofort bemerkt. Deshalb ist es wichtig, nach Aufenthalt in gefährdeten Gebieten den Körper – vor allem auch bei Kindern – sorgfältig nach den Parasiten abzusuchen."

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