15. Dezember 2008
(dgk) Nicht nur in Kitschromanen, sondern auch in der Kardiologie gibt es das: Ein gebrochenes Herz. Plötzlich starke Schmerzen in der Brust, im Hals und linken Arm begleitet von Atemnot, Übelkeit und Schwitzen. Der Fall scheint klar: Herzinfarkt.
Die 50-jährige Susanne wird mit diesem Verdacht in die nahe gelegene Uniklinik eingeliefert. Auch EKG und Ultraschall zeigen, dass die linke Herzkammer praktisch nicht mehr arbeitet. Die große Überraschung: Alle Herzkranzgefäße sind vollständig normal, offen und werden durchblutet. Von Verstopfung keine Spur. Es ist kein Blutgerinnsel nachzuweisen. Dafür aber zeigt sich eine Bewegungs- und Funktionsstörung der linken Herzkammer, eine Lähmung des Herzmuskels. Warum also streikt das Herz? Die Antwort: Es ist "gebrochen". Eine dramatische Trennung von Susannes Ehemann war die Ursache.
Seit Anfang der 1990er-Jahre ist dieses Phänomen unter dem Begriff Tako-Tsubo- oder Stress-Kardiomyopathie, auch als "Broken-Heart-Syndrom" (Gebrochenes-Herz-Syndrom) bekannt. Das Krankheitsbild wurde 1991 erstmals beschrieben. Auslöser der Symptome, die denen eines Herzinfarktes gleichen, können extremer Stress, ein heftiger Schock sowie außerordentliche emotionale oder körperliche Belastung sein, aber auch erfreuliche Überraschungen wie ein größerer Lottogewinn. Das Besondere daran: Die akute und oft schwerwiegende Funktionsstörung des Herzens verschwindet meist schon nach wenigen Tagen oder Wochen von alleine. Im Gegensatz zum Infarkt, bei dem Teile des Muskelgewebes unwiderruflich absterben, bleiben in der Regel keine Schäden zurück. Die Betroffenen müssen jedoch einige Tage auf der Intensivstation überwacht werden, da in dieser Phase gefährliche Herzrhythmusstörungen, Kammerflimmern oder Schock auftreten können. Solche Komplikationen sind allerdings selten: "Zwar wurden auch Todesfälle bereits beobachtet, doch liegt deren Häufigkeit mit geschätzten 1 bis 8 Prozent erheblich niedriger als beispielsweise beim Herzinfarkt mit nahezu 50 Prozent", sagt Dr. Harald Kühl, Oberarzt am Universitätsklinikum Aachen.
Bekannt ist das Krankheitsbild erst seit wenigen Jahren, und Kardiologen rätseln immer noch, was genau dahinter steckt. Was man bislang weiß: Das Herz von Frauen "bricht" öfter als das von Männern – durch Liebeskummer, die Trennung von einem geliebten Partner, den Tod eines nahestehenden Menschen, einen Unfall, den Verlust des Arbeitsplatzes, die Diagnose einer schweren Krankheit oder durch Gewalterlebnisse. In mehr als 90 Prozent der Fälle sind Frauen zwischen 50 und 70 Jahren betroffen, wie eine Fallserie im New England Journal of Medicine (NEJM 2005; 352: 539-548) zeigt. Warum das so ist, kann bislang niemand sagen. "Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass ein relativer Mangel an Östrogenen nach der Menopause zur verstärkten Aktivierung des sympathischen Nervensystems führt", sagt der Kardiologe Professor Dr. Karl-Heinz Kuck vom Hanseatisches Herzzentrum Hamburg. In extremen Belastungssituationen schütten die Nebennieren zu viele Stresshormone aus.
Sicher ist: Den meist deutlich erhöhten Blutspiegeln von Stresshormonen, besonders den körpereigenen Noradrenalin und Dopamin, scheint eine entscheidende Bedeutung zuzukommen. Als Folge hört der untere Teil der linken Herzkammer einfach auf, sich zu bewegen, der Herzmuskel wird vorübergehend regelrecht in seiner Pumparbeit gelähmt. Möglicherweise ziehen sich dabei die winzigen Blutgefäße im Herzen als Reaktion auf die Stresshormone zusammen, möglicherweise wirken die Hormone aber auch giftig auf die Herzmuskelzellen – weder das eine noch das andere konnte bislang bestätigt oder widerlegt werden. Anders als beim Herzinfarkt trifft die Stress-Kardiomyopathie fast ausschließlich ältere Frauen. Warum das so ist, kann bislang niemand sagen.
Da die Patienten meist normale Herzkranzgefäße haben, steigt das Infarkt-Risiko im Sinne des klassischen Infarktes mit Verschluss der Herzkranzgefäße nicht. "Die Patienten sollten wie alle Personen, die vom Herzinfarkt gefährdet sind, nach einem solchen Ereignis ihre Risikofaktoren reduzieren, also beispielweise das Rauchen aufgeben, auf Blutdruck und Cholesterinwerte achten", rät Prof. Kuck.
Eine gezielte Vorbeugung ist nicht oder kaum möglich, weil die Patienten plötzlich mit einer nicht vorhersehbaren, überraschenden Lebenssituation konfrontiert werden. Vor diesem "Herzschock" kann man sich leider nicht schützen, aber im Akutfall schnell und buchstäblich beherzt handeln. Denn je früher ein "gebrochenes" Herz therapiert wird, desto schneller heilt es auch wieder.
Quellen:
Grawe H et al.: Stress cardiomyopathy mimicking acute coronary syndrome: case presentation and review of the literature. Clin Res Cardiol (2006) 96: 179-185. www.ncbi.nlm.nih.gov/
Pilgrim TM, Wyss TR. Takotsubo cardiomyopathy or transient left ventricular apical ballooning syn-drome: A systematic review. Int J Cardiol. 2008 Mar 14; 124(3): 283-92. www.ncbi.nlm.nih.gov/
Schneider B: Tako-Tsubo-Kardiomyopathie - was steckt dahinter?. Kardiologie up2date (2006) 2: 131-136.
Wedekind H et al.: Tako-Tsubo-Kardiomyopathie. Inzidenz bei Patienten mit akutem Koronarsyndrom. Herz (2006) 31: 339-346. www.ncbi.nlm.nih.gov/
Ilan S. Wittsteinet al: Neurohumoral Features of Myocardial Stunning Due to Sudden Emotional Stress. NEJM 2005; 352: 539-548. http://content.nejm.org/
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