Dienstag 29.05.2012 05:52

8. September 2011

Esskultur Artikel

Diätgeheimnisse aus dem Reich der Mitte - Warum Chinesen selten zu Übergewicht neigen

Von Andreas Hadel

Von Tradition und Notwendigkeit geprägt, gilt die chinesische als eine der gesündesten der Welt. Bei unserem Abstecher in die Volksrepublik nennen wir Ihnen eine Reihe von Gründen, warum Chinesen selten mit Übergewicht zu kämpfen haben.

Zwei chinesische Gerichte

Chinesen zählen keine Kalorien

In der chinesischen Sprache gibt es kein Wort für Kalorien. Sie betrachten Lebensmittel schlicht als Nahrung und nicht als potentielles Hüftpolster. Eine Erhebung im Jahr 1990 hat gezeigt, dass Chinesen durchschnittlich 30 Prozent mehr Kalorien zu sich nehmen als Amerikaner, dabei aber auch nicht unbedingt körperlicher aktiver waren. Warum zählen die US-Bürger dann trotzdem zu den Spitzenreitern bei Adipositas und nicht das Volk der Mitte? - Weil Chinesen deutlich weniger von den sogenannten leeren Kalorien zu sich nehmen. Eine aktuelle Studie hat bestätigt, dass eine Ernährungsweise mit Augenmerk auf einen niedrigen glykämischen Index effektiver im Kampf gegen Übergewicht ist, als sich auf eine geringe Fettaufnahme zu konzentrieren. Und chinesische Gerichte haben fast alle einen eher niedrigen glykämischen Index.

Das Zählen von Kalorien kann außerdem trügerisch sein. Ein aufklärendes Beispiel: Eine Cola Light hat eine Kalorie. Eine Avocado kommt mit beachtlichen 340 Kalorien daher. Was ist für Ihr Diätbestreben besser? - Zugegeben, es ist eine Fangfrage. Die Avocado ist per se besser als jede Diätlimo, obwohl sie deutlich mehr Energie liefert und damit potentiell als Hüftgold enden kann. Aber Avocados enthalten jede Menge ungesättigter Fettsäuren und Omega-6-Säuren. Beides ist gut für Ihr Herz und erhöht Ihre Stoffwechselrate.

Chinesen sehen Gemüse als vollständige Mahlzeit an

In China werden Gemüse als gleichwertiges Nahrungsmittel zu Fisch und Fleisch verstanden. In westlichen Kulturen ist es hingegen üblich, die pflanzlichen Produkte auf die Verwendung als Beilage zu reduzieren. Im Wandel der Zeit und dem Vormarsch der Vegetarier, emanzipieren sich Bohnen und Co. aber auch bei uns zunehmend von ihrer ursprünglich zugedachten Rolle.

Schale Reis mit Stäbchen

Chinesen vertrauen auf Grundnahrungsmittel

Ohne Reis oder andere faserreiche Pflanzenerzeugnisse ist es nahezu unmöglich, sich auf gesunde Weise satt zu essen. Kein chinesisches Mahl kommt daher ohne Reis aus. Sogenannte Low-Carb-Diäten versprechen zwar, Körperfett zu verbrennen, aber kann es wirklich eine langfristige Antwort auf Übergewicht sein, Kohlenhydrate durch Nahrungsmittel zu ersetzen, das einen hohen Fettgehalt und kaum zusätzliche Nährstoffe wie Vitamine und Mineralien liefert? - Offenbar nicht, wenn man die Tatsache berücksichtigt, dass Low-Carb nun bereits seit fast 10 Jahren immer wieder tausende Anhänger findet, sich aber die Fettleibigkeit in westlichen Zivilisationen nicht reduziert hat.

Chinesen essen sich satt

In einer chinesischen Familie wird solange gegessen, bis man sich gut gesättigt fühlt und hört dann auf. Die westliche Essmentalität hat sich eher zu einem Pendel entwickelt, dass immer wieder zwischen Gelage und Hungern hin und her zu schwingen scheint. Das wir zudem immer weniger einen festen Rhythmus für das Essen einhalten und eine Bratwurst mal eben ein Mittagessen ersetzen muss, ist eine weitere Eigenschaft, die uns von den Chinesen trennt. Im Reich der Mitte werden in den meisten Fällen jeden Tag drei ausgewogene Mahlzeiten zu sich genommen. Ein Weg, der auch uns fort von spontanen Hungerattacken führen würde.

Chinesen bevorzugen Essen, das reich an Flüssigkeit ist

Suppe oder Brei steht in der asiatischen Volksrepublik auf jeden Mittagstisch. Dabei ist es ganz egal, was die eigentliche Hauptspeise ist. Westliche Ernährungsweisen können hingegen sehr trocken sein. Ernährungsberater versuchen das zu kompensieren, indem Sie das häufige Trinken von Wasser propagieren. Etwas, das Chinesen während des Essens niemals tun würden. Speisen, die viel Flüssigkeit enthalten, haben ein großes Volumen und füllen so den Magen schneller, was letztendlich zu einer geringeren Kalorienaufnahme führt.

Chinesen bringen Yin und Yang auch in der Küche zum Einklang

Die Ernährungsweise im Reich der Mitte berücksichtigt eine Kombination von Zutaten, die in Balance mit Yin (feucht und saftig) und Yang (trocken und knusprig) stehen. Yin-Essen (Klare Brühen, Gemüse) kühlt Ihren Körper, während Yang (Fleisch, würziges Essen, Wein, Nüsse) Ihren Körper erhitzt. Auch wenn diese Beschreibung etwas metaphorisch verklärt ist, hilft sie jedoch sich vor Augen zu führen, was ein chinesisches Mahl ausmacht und warum es in der Regel sehr gesund ist. Denn die meisten proteinreichen Nahrungsmittel gelten werden Yang zugeordnet. Kohlenhydrate eher Yin. Kombinieren Sie in jeder Mahlzeit beides miteinander, erhalten Sie ein Gericht, dass Ihren Blutzucker stabilisiert und Sie dadurch für mehrere Stunden ein agiles und energiegeladenes Gefühl verschafft.

Chinesen mögen selten Rohkost

"Je roher, desto besser", propagieren westliche Ernährungsberater bereits seit den frühen achtziger Jahren. In China kommt man nur in seltenen Fällen auf die Idee, Gemüse und Früchte nicht in irgendeiner Art und Weise zu garen. Tatsächlich ist Rohkost reicher an Vitaminen und Mineralstoffen, allerdings ist es für den menschlichen Organismus auch schwerer zu verdauen und kann unter Umständen zu Blähungen und Magenproblemen führen. Obwohl wir an dieser Stelle nicht empfehlen wollen, gänzlich auf frische Salate zu verzichten, sollten Sie darüber nachdenken, Ihr Gemüse vor dem Genuss sanft zu garen, falls es Ihnen Verdauungsprobleme bereitet.

Chinesen betrachten Nahrungsmittel als Medizin

In der asiatischen Medizin werden zahlreichen Gewürzen und Pflanzen medizinische Wirkungen zugeschrieben. Chili unterstützt zum Beispiel die Verdauung und hilft, Erkältungen schneller zu überstehen. Knoblauch wird als Anti-Toxikum verwendet. In unserer westlichen Kultur hatte vor 2000 Jahren Hippokrates gesagt: "Lasst Essen unsere Medizin sein." Im Laufe des technischen Fortschritts haben sich seine Enkel jedoch zunehmend von dieser Geisteshaltung entfernt. Eine Entwicklung, die wir angesichts des gesunden Lebensstils Chinas überdenken sollten.

Grüner Tee auf Bastmatte

Chinesen trinken grünen Tee

Grüner Tee spült nicht nur Giftstoffe aus unseren Organismus, er ist auch ein perfekter Appetitzügler und hilft ebenso gut bei der Verdauung mit. Studien haben außerdem gezeigt, dass grüner Tee freie Radikale bekämpft und so krebsvorbeugend aktiv ist. Der Einwand, dass grüner Tee auch einiges an Koffein in den Körper trägt, gilt nicht. Denn in der chinesischen Küche werden Teeblätter mehrmals aufgebrüht. Damit verliert sich der Koffeingehalt, je öfter Teewasser aufgegossen wird.

Chinesen trainieren auf erholsame Weise

Während wir uns in Fitness-Studios so lange schinden, bis uns der Schweiß in Strömen aus den Poren schießt, erholen sich Chinesen mit Tai Chi. Intensives Trainieren ist an und für sich eine gute Sache, wenn man bedenkt, dass sich unser Leben hauptsächlich im Sitzen abspielt. Dennoch müssen wir uns bewusst machen, dass wir mit einem ambitionierten Fitness-Training für unseren Körper und auch unsere Seele eine neue Front eröffnen, an der wir mit Eifer kämpfen müssen. Nach einem 10 Stunden langen Arbeitstag im Büro noch 90 Minuten im Fitness-Studio zu schuften, ist nicht wirklich der beste Weg, um einen Ausgleich zum Berufsleben zu finden. Geben Sie deshalb sanftere Sportarten wie Gymnastik, Tai Chi oder Yoga einen berechtigten Platz in Ihrer Freizeit und schenken Sie sich und Ihrem Körper Aufmerksamkeit ohne Druck, die oder der Beste sein zu müssen.

QUELLENANGABEN

  • Bildnachweis Bild 1: chinesse food © Ramon Grosso - www.fotolia.de
  • Bildnachweis Bild 2: bowl of rice © Suprijono Suharjoto - www.fotolia.de
  • Bildnachweis Bild 3: Auszeit © Carmen Steiner - www.fotolia.de
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