Muskeltraining Artikel | Dem Muskelwachstum auf der Spur - Warum Muskeln durch Training wachsen

Sonntag 21.03.2010 07:15

Muskeltraining Artikel

Dem Muskelwachstum auf der Spur - Warum Muskeln durch Training wachsen

Von Andreas Hadel

Bodybuildern und Kraftsportlern wird von unbedarften Beobachtern gern die Abwesenheit von Intellekt unterstellt. Zu simpel und anspruchslos sei das, was wir da täglich im Studio an den Hanteln und Maschinen treiben. In der Wirklichkeit ist das Stimulieren von Muskelwachstum so komplex, dass es die Wissenschaft bis heute nicht vermocht hat, alle beteiligten physiologischen Vorgänge aufzudecken und in einen Zusammenhang zu stellen.

Der allgemeine Konsens besteht darin, dass man das Muskelwachstum im Wesentlichen als eine "Black Box" betrachtet, bei der man nur eine ungefähre Vorstellung davon hat, welche Wirkung man erwarten kann, wenn man bestimmte Dinge tut. Auch in einem Zeitalter, wo das Klonen von Menschen und genetisches Doping zum Greifen nah zu sein scheinen, bleibt Versuch und Irrtum die regierende Taktik, wenn es um den Aufbau eines herausragenden Körpers geht.

Im Wirrwarr der vielen wissenschaftlichen Erklärungsversuche haben sich bisher nur zwei Theorien dauerhaft durchsetzen können. Zum einen, dass Hypertrophie (Gewebszunahme) durch Zellschäden stimuliert wird und zum anderen, dass Substrate und Stoffwechselreaktionen Muskelzellen zum Wachstum veranlassen.

Hypertrophie als Folge von Zellschäden

Die Verfechter dieser Theorie gehen davon aus, dass Muskelzellen, die einer hohen physikalischen Belastung ausgesetzt werden, Micro-Traumata erfahren. Mit anderen Worten entstehen im Muskelgewebe mikroskopisch winzige Risse. Und diese sind auch die Ursache, die hinter dem Phänomen des Muskelkaters stehen. Noch bis in den späten 90er Jahren ging die Sportwissenschaft davon aus, dass Muskelkater durch Milchsäure entsteht, die sich auch nach dem Training noch im Muskel befinde. Heute sieht man es jedoch als gesicherte Erkenntnis an, dass die Milchsäure lediglich eine Signalfunktion hat und uns zeigen soll, dass wir an unsere Grenzen stossen. Sobald wir das Gewicht wieder in die Hantelablage legen, arbeiten Herz, Leber und die langsam zuckenden Muskelfasern wie besessen daran, die Milchsäure zu beseitigen. Und das gelingt ihnen in der Regel so gut, das schon wenige Minuten nach dem Training alle Milchsäurereste aus der gepeinigten Muskulatur verschwunden sind. Der Muskelkater rührt also nach aktuellem Erkenntnisstand ausschließlich von den Micro-Traumata her.

Doch wie entstehen diese Traumata eigentlich? Nun, wenn wir uns an einer Kurzhantel zu schaffen machen, setzen wir auf zellulärer Ebene Tausende von Prozessen in Gang. Für unsere Betrachtung ist es zunächst nur wichtig zu wissen, dass es während einer Muskelkontraktion nicht nur Reibung auftritt, die auf unsere Zellen einen vergleichbaren Effekt hat, wie der Asphalt auf einen Autoreifen. Sondern dass auch etliche chemische Substanzen an der Kontraktion beteiligt sind, die Löcher in die Zellwände reissen, damit wiederum weitere Substanzen den Prozess der Muskelverkürzung unterstützen können. Kalzium, Phospholipase, ATP und freie Radikale seien hier nur als Schlagworte genannt, um Ihnen die Namen der Hauptakteure in diesem biochemischen Kleinkrieg zu nennen. Flapsig ausgedrückt könnte man sagen, dass unsere Muskeln in den Selbstzerstörungssmodus schalten, wenn wir von ihnen Höchstleistungen abverlangen. Einige Stunden nach dem Training pumpt unser Organismus entzündungsfördende Substanzen in das gemarterte Muskelgewebe, um Stoffwechselrestprodukte abzutransportieren. Obwohl dies eine hehre Absicht ist, sorgen die Entzündungen auf kleinster Ebene für ein Anschwellen und teilweisen Aufbrechen der Zellstrukturen. Und genau das ist der Grund, warum wir uns zwei Tage nach einer harten Trainingseinheit besonders steif fühlen und der Muskelkater noch einmal einen Ticken schmerzhafter geworden ist.

Durch die geschädigten Zellstrukturen werden Wachstumsfaktoren und Wachstumshormone freigesetzt, die schließlich die ersehnten Reperaturprozesse in Gang setzen. In anderen Worten: der Muskel wächst.

Obwohl diese Theorie in sich schlüssig ist und allgemein in der Sportwissenschaft als Erklärungsmodell anerkannt ist, lässt sie dennoch viele Fragen offen. Denn ihre Kernaussage lautet, dass ohne die Zerstörung von Zellgewebe kein Wachstum eintreten könne. Hinzu kommt die Tatsache, dass der Grad der Zellschädigung durch Supplements wie HMB und L-Glutamin deutlich reduziert werden kann und trotzdem das Muskelwachstum beschleunigt. Das wir außerdem nicht immer Muskelkater nach einer Trainingseinheit verspüren, aber trotzdem Fortschritte an unseren Muskeln sehen, ist ein weiteres Anzeichen dafür, dass Hypertrophie nicht allein mit Zellschäden erklärt werden kann.

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