Bipolare Störung - Ursachen, Symptome und Behandlung

Die bipolare Störung bzw. bipolare affektive Störung (BAS) oder manisch-depressive Störung zählt zu den psychischen Erkrankungen. Die Patienten sind abwechselnd ungewöhnlich gut gelaunt und fröhlich und dann wieder depressiv; dabei sind auch Todesgedanken möglich. Die Diagnose ergibt sich aus den vorliegenden Symptomen. Lesen Sie über die Ursachen und Merkmale der bipolaren Störung und informieren Sie sich über mögliche Behandlungsmaßnahmen.

Die Entstehung einer bipolaren Störung und wie man sie behandeln und erkennen kann

Krankheitsbild

Bipolare Störung gilt als abkürzende Bezeichnung für die bipolare affektive Störung (BAS). Es handelt sich um eine psychiatrische Krankheit des Gefühllebens, welche sich durch zwei Extreme - depressiv und manisch - äußert. Zwischen diesen extremen Intervallen gibt es auch Episoden, die symptomfrei ablaufen.

Die bipolare Störung wird auch als

  • Zyklothymie
  • manisch-depressive Störung und
  • Reaktionspsychose

bezeichnet. Man unterteilt bipolare Störungen nach folgendem Schema:

  • Bipolar-I-Störung: der/die Betroffene hatte mindestens eine manische Episode über 2 Wochen sowie mindestens eine depressive Phase
  • Bipolar-II-Störung: der/die Betroffene hatte mindestens eine manische Episode über 2 Wochen sowie mindestens eine leichtere Form der Manie, die so genannte hypomane Episode
  • Zyklothyme Störung: der/die Betroffene hat über einen Zeitraum von mindestens zwei Jahren ständig leichte depressive und manische Stimmungsschwankungen, welche jedoch weder Depression noch Manie in allen Kriterien erfüllen

Ursachen

Besteht eine bipolare Störung, so gibt es ein Ungleichgewicht zwischen den beiden Neurotransmittern Serotonin und Noradrenalin im so genannten limbischen System, also dem Gefühlszentrum des Hirns. Es kommt zu den besagten Stimmungsschwankungen: in einer manischen Phase herscht ein Transmitterüberschuss, während es in depressiven Phasen daran mangelt. Die symptomfreien Episoden gehen mit einer normalen Konzentration der Transmitter einher.

Verschiedene Studien haben ergeben, dass die Veranlagung für eine bipolare Störung vererbt werden kann. Zusammen mit dieser Erbanlage müssen jedoch noch weitere Faktoren wie zum Beispiel Umwelteinflüsse hinzukommen, so dass dies die psychische Krankheit auslöst.

Anhand verschiedener Untersuchungen haben Ärzte herausgefunden, dass bei Patienten, die unter einer bipolaren Störung leiden, so genannte Botenstoffe im Gehirn nicht richtig verteilt werden.

Unabhängig von der Erbanlage können auch einige Medikamente, wie zum Beispiel solche mit Kortison oder Arzneimittel zur Behandlung von Epilepsie ebenfalls die Krankheit auslösen. Auch der Konsum von Drogen wie zum Beispiel LSD oder Marihuana kann zu einer bipolaren Störung führen.

Häufiger und übermäßiger Alkoholkonsum verursacht ebenfalls eine höhere Wahrscheinlichkeit für die Entstehung dieser Krankheit. Möglicherweise haben auch Patienten, die zum Beispiel aufgrund eines Unfalles eine schwere Hirnverletzung erlitten haben, ein höheres Risiko, an der bipolaren Störung zu erkranken.

Traumatische Erlebnisse, wie diese bei körperlicher Gewalt, sexuellem Missbrauch oder dem Tod eines geliebten Menschen erfahren werden, können ebenfalls dazu beitragen, dass sich im Laufe des Lebens eine bipolare Störung entwickelt. Gleiches gilt für übermäßig viel Stress.

Verlauf

Die bipolare Störung beginnt meist im Jugend- oder jungen Erwachsenenalter. Die so genannten manischen Phasen sind in der Regel kürzer als die depressiven Krankheitsphasen. Wenn die Patienten sich behandeln lassen und regelmäßig ihre Medikamente einnehmen sowie die Termine bei ihrem Therapeuten wahrnehmen, so kann die Krankheit heutzutage recht gut behandelt werden.

Die Krankheitseinsicht ist jedoch das Problem bei dieser psychischen Erkrankung. Die Patienten wollen meist nicht einsehen, dass sie professionelle Hilfe benötigen und verweigern daher eine Behandlung.

Mit ärztlicher Behandlung können die Patienten die Krankheitsphasen gut überstehen und zwischen den Phase wieder ein relativ normales Leben führen und auch ihrer beruflichen Tätigkeit nachgehen.

Folgen

Patienten, die sich nicht behandeln lassen oder die Therapie nur unzureichend wahrnehmen, leiden oftmals unter Selbstmordgedanken und sind in einer depressiven Phase auch dazu in der Lage, diese Gedanken umzusetzen. Die Folge dieser psychischen Krankheit kann der Verlust des Arbeitsplatzes sein oder auch bleibende Konzentrationsstörungen ebenso wie dauernde Müdigkeit.

Symptome

Bezüglich der Symptome einer bipolaren Störung unterscheidet man zwischen der depressiven Phase sowie der manischen Phase.

Depressive Phase

Befinden sich die Patienten in der depressiven Phase, so sind sie extrem hoffnungslos und fühlen sich antriebslos. Die Patienten können sich dann nicht aufraffen, aus dem Bett aufzustehen, sich anzuziehen oder auch nach draußen zu gehen.

Sie schlafen in dieser Krankheitsphase schlecht und haben keine Freude mehr am Leben. Zudem leiden die Patienten auch unter Appetitmangel und nehmen daher stark an Gewicht ab.

Die Patienten haben kein Selbstvertrauen mehr und neigen zu Selbstmordgedanken. Zu den weiteren möglichen Symptomen zählen

  • tiefe Trauer
  • Gedankenreisen
  • Schuldgefühle
  • Angst (diffus sowie konkret)
  • wortarmes, stockendes Sprechen
  • sexuelle Unlust
  • verschiedenste körperliche Schmerzen

Manische Phase

In der anderen, manischen (oder euphorischen) Krankheitsphase geben sich die Patienten zu 100% verwandelt. In dieser Phase sind die Patienten ruhelos und möchten ständig etwas tun. Sie schlafen wenig (meist nur etwa drei Stunden pro Nacht) und sind trotzdem nicht müde.

Die Patienten reden ständig und mit fester Stimme. Selten leiden die Patienten in dieser Phase der bipolaren Störung auch unter Halluzinationen.

Sie überschätzen sich leicht, wollen dies jedoch nicht einsehen. Auch verlieren sie in dieser Phase das Gespür für die Gefühle anderer Menschen. Weitere mögliche Symptome sind

  • Aggressivität
  • Gedankensprunghaftigkeit
  • Angstfreiheit
  • gesteigertes sexuelles Interesse
  • Größenwahn
  • fehlende Krankheitseinsicht

Auch an der Kleidung kann man feststellen, in welcher Phase der bipolaren Störung sich der Patient befindet. In der manischen Phase kleiden sich die Patienten meist in auffälligen Farben, wie zum Beispiel in rot.

Diagnose

Die Krankheit kann nicht durch bestimmte Untersuchungen diagnostiziert werden. Wenn jedoch der Patient oder dessen Angehörigen die genannten Symptome einem Psychiater schildert, so vermutet dieser bereits eine bipolare Störung.

Um körperliche Ursachen für die Symptome auszuschließen, erfolgen verschiedene Untersuchungen, wie zum Beispiel

Auch eine Untersuchung bei einem Neurologen gehört zur Diagnostik. Im Rahmen seiner Anamneseerhebung fragt der Psychiater den Patienten nach eingenommenen Medikamenten und Vorerkrankungen sowie eventuellen körperlichen Beschwerden.

Auch die Angehörigen werden meist befragt. Liegen alle Untersuchungsergebnisse vor, so kann der Arzt die Diagnose "bipolare Störung" oder auch "manisch-depressive Erkrankung" stellen.

Differenzialdiagnose

Auszuschließen sind mitunter

  • Hyperthyreose
  • eine Medikamenten- oder Drogenwirkung sowie
  • Demenz.

Des Weiteren sollte eine unipolare, depressive Störung abgegrenzt werden. Liegt lediglich eine "unipolare Manie" vor, ist von einer bipolaren Störung auszugehen, da eine manische Phase so gut wie nie alleine auftritt.

Hamilton-Depressions-Skala

Mithilfe der Hamilton-Depressions-Skala ist es möglich, die Schwere der Erkrankung festzustellen. Dabei kann man beispielsweise auf die folgenden Symptome eingehen, die dann dementsprechend mit Punkten bewertet werden:

Depressive Verstimmung (Traurigkeit, Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit):

  • keine: 0
  • nur auf Befragen genannt: 1
  • spontan vom Patienten geäußert: 2
  • erkennbar aus dem Verhalten (Körperhaltung, Gesichtsausdruck, Stimme...): 3
  • ständig anhand verbaler und nicht verbaler Kommunikation zu erkennen: 4

Suizid:

  • keiner: 0
  • Lebensüberdruss: 1
  • Gedanken an eigenen Tod, Todeswunsch: 2
  • Suizidgedanken oder entsprechendes Verhalten: 3
  • Suizidversuche: 4

Schlafstörungen am Morgen:

  • keine: 0
  • vorzeitiges Erwachen mit nochmaligem Einschlafen: 1
  • vorzeitiges Erwachen ohne nochmaliges Einschlafen: 2

Behandlung

Patienten, die unter einer bipolaren Störung leiden, benötigen zum einen eine spezielle Therapie für die manischen und depressiven Phasen, zum anderen eine Langzeittherapie zur Vorbeugung neuer Krankheitsphasen.

Behandlung in den depressiven Phasen

Patienten, die sich gerade in der depressiven Phase befinden, benötigen zwingend eine Behandlung bei einem Psychiater. Hier erfolgt meist eine Einzel- oder Gruppentherapie.

Je nach Schwere der Krankheitsphase erhält der Patient zusätzlich stimmungsaufhellende Medikamente, so genannte Antidepressiva. Hierbei kommen beispielsweise

  • ältere trizyklische Antidepressiva mit dem Wirkstoff Amitriptylin
  • MAO-Hemmer mit dem Wirkstoff Moclobermid
  • ein SSRI mit dem Wirkstoff Citalopram

zum Einsatz. Ist der Patient stark selbstmordgefährdet, so erfolgt die Behandlung im Rahmen einer stationären Therapie in einem speziellen Krankenhaus. Die Patienten werden hier rund um die Uhr von Ärzten und Pflegekräften überwacht.

In manchen Fällen kann auch eine Wachtherapie hilfreich sein. Im Rahmen dieser Behandlung verzichtet der Patient eine Nacht lang auf seinen Schlaf, kann dies die depressiven Symptome lindern. Allerdings ist eine ärztliche Beaufsichtigung sehr wichtig, da es unter Umständen auch zu einer manischen Phase kommen kann.

Behandlung in den manischen Phasen

Auch die manische Krankheitsphase wird oft stationär behandelt. Die Patienten erhalten auch hier spezielle Medikamente, wie zum Beispiel typische und modernere atypische Neuroleptika, die teilweise auch intramuskulär injiziert werden. Wenn sich der Patient nicht freiwillig behandeln lässt, kann die Behandlung durch einen richterlichen Beschluss auch gegen den Willen des Patienten in einem dafür geeigneten Krankenhaus durchgeführt werden.

Die Patienten werden hier in den so genannten geschützten Bereichen der psychiatrischen Kliniken behandelt. Patienten, Angehörige und Mitarbeiter können diese Station nur durch Aufschließen der Türen betreten und verlassen. Eine Elektrokrampftherapie hilft sowohl in der depressiven, als auch in der manischen Phase.

Ablauf der Langzeittherapie

Zwischen den beiden Krankheitsphasen erfolgt eine Langzeittherapie. Der Patient erhält während dieser Zeit eine Lithiumprophylaxe.

Während der Behandlung wird dem Patienten auch regelmäßig Blut abgenommen und kontrolliert, um das Medikament für jeden Patient individuell richtig zu dosieren. Durch die Behandlung bei ihrem Therapeuten lernen die Patienten, wie wichtig ein geregelter Tagesablauf für ihre Erkrankung ist.

Die Patienten müssen ausreichend schlafen und erhalten eine Psychotherapie. Zusätzlich ist es für die erfolgreiche Therapie wichtig, dass die Patienten keinen Alkohol und keine Drogen zu sich nehmen und nicht rauchen. Auch Kaffee sollte aufgrund des enthaltenen Koffeins nicht oder nur sehr wenig getrunken werden.

Viele Patienten, die unter einer bipolaren Störung leiden, schließen sich auch Selbsthilfegruppen an. Hier treffen sich gleichgesinnte Patienten regelmäßig auf neutralem Boden und sprechen über ihre Sorgen und Probleme. Die Patienten erfahren hier, dass auch andere Menschen die gleichen Probleme haben und fühlen sich hier verstanden.

Teil der Therapie ist auch, den Patienten klarzumachen, wie wichtig eine Vollmacht ist, wenn sich der Patient wieder in einer manischen oder depressiven Krankheitsphase befindet. Die Patienten können hier festlegen, welche Art der Behandlung sie in einer nicht zurechnungsfähigen Krankheitsphase wünschen und welche Person ihre Interessen vertreten soll.

Vorbeugung

Vorbeugen kann man der Entstehung einer bipolaren Störung nicht. Sollte man ungewöhnliche Beschwerden und Symptome bemerken, so sollte man diese umgehend von einem Arzt abklären lassen, um die Krankheit gegebenenfalls so früh wie möglich behandeln zu können.

Quellen:

  • Uwe Beise, Uwe Beise, Werner Schwarz: Gesundheits- und Krankheitslehre: Lehrbuch für die Gesundheits-, Kranken- und Altenpflege, Springer Medizin Verlag, 2013, ISBN 9783642369834
  • Susanne Andreae, Peter Avelini, Peter Avelini, Martin Hoffmann, Christine Grützner: Medizinwissen von A-Z: Das Lexikon der 1000 wichtigsten Krankheiten und Untersuchungen, MVS Medizinverlage Stuttgart, 2008, ISBN 3830434545
  • Susanne Andreae, Peter Avelini, Melanie Berg, Ingo Blank, Annelie Burk: Lexikon der Krankheiten und Untersuchungen, Thieme Verlagsgruppe, 2008, ISBN 9783131429629
  • Frank H. Netter: Netter's Innere Medizin, Thieme Verlagsgruppe, 2000, ISBN 3131239611
  • Gerd Herold: Innere Medizin 2019, Herold, 2018, ISBN 398146608X
  • Gerd Herold: Innere Medizin 2020, Herold, 2019, ISBN 3981466098
  • Malte Ludwig: Repetitorium für die Facharztprüfung Innere Medizin: Mit Zugang zur Medizinwelt, Urban & Fischer Verlag/Elsevier GmbH, 2017, ISBN 3437233165
  • Stefan Gesenhues, Anne Gesenhues, Birgitta Weltermann: Praxisleitfaden Allgemeinmedizin: Mit Zugang zur Medizinwelt (Klinikleitfaden), Urban & Fischer Verlag/Elsevier GmbH, 2017, ISBN 3437224476
  • Reinhard Strametz: Grundwissen Medizin: für Nichtmediziner in Studium und Praxis, UTB GmbH, 2017, ISBN 3825248860

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