12. Dezember 2008
Von Andreas Hadel
Eine gute Freundin hatte in ihrer Jungend mit hohem Übergewicht zu kämpfen. Nach dem Abitur versprach sie sich selbst, bis zu ihrer Vordiplom-Prüfung sich nicht nur geistig weiterzuentwickeln, sondern auch etliche der übermäßigen Pfunde loszuwerden. Beide Ziele hat sie auch erreicht, doch seither hadert sie mit den letzten fünf Kilogramm, die sie von ihrer Idealfigur trennen und verfällt von einer Diät in die nächste. Sie vertraute sich einem Personal Trainer an, der mit ihr gemeinsam ihre Essgewohnheiten analysierte und zu einem erstaunlichen Schluss kam: Ihr Essverhalten ist stark von ihren Emotionen abhängig. Die besagte Freundin ist eine Gefühlsesserin.

Der nächtliche Gang zum Kühlschrank ist oftmals eine Folge der Gefühlslage
Gefühlsesser essen in erster Linie, um sich zu trösten, aufzumuntern oder zu beruhigen. Ähnlich wie ein Raucher, der von den Zigaretten loskommen will, aus Gewohnheit Bonbons, Kaugummis oder Pralinen in den Mund steckt, wenden sich Gefühlsesser dem Essen zu, um auf bestimmte Emotionen zu reagieren. Manche greifen nach einem harten Arbeitstag zu einer großen Portion Eis oder lassen sich eine Jumbo-Pizza liefern, um sich zu entspannen. Viele werden sicher auch das Bedürfnis nach Schokolade kennen, wenn sie in einer melancholischen Gemütslage sind. Gefühlsesser haben es ungleich schwerer, ihre Diätziele zu erreichen, weil sie nicht nur gegen den während einer Diät immer wieder aufkommenden Appetit ankämpfen müssen, sondern im wahrsten Sinne des Wortes, auch ihre Gefühlswelt unter Kontrolle halten müssen.
Warum es Menschen gibt, die über die Nahrungsaufnahme bestimmte Gefühle kompensieren ist übrigens noch nicht vollkommen geklärt. Es scheint jedoch mehr als nur einen Grund für dieses Verhalten zu geben. Einige Psychologen glauben, dass Gefühlsesser als Kinder häufig mit Essen belohnt wurden und so sich eine emotionale Verknüpfung entwickelt hat, die in ihrer Wirkung mit dem Pawlowschen Reflex stark ähnelt. Der sogenannte Pawlowsche Reflex geht auf einem Experiment von Iwan Petrowitsch Pawlow zurück, wo der Naturwissenschaftler Hundewelpen Futter verabreichte und dabei gleichzeitig eine Glocke erklingen liess. Nach einer Weile setzte bei den jungen Hunden der Speichelfluss ein, wann immer die Glocke ertönte. Auch dann, wenn kein Futter gegeben wurde. Psychologen glauben, dass dies in ähnlicher Weise auch bei Gefühlsesser passiert, bei denen sich aus ihrer Kindheit heraus Essen als positive Belohnung empfunden wird. Wer gestresst ist, verspürt durch diese Verknüpfung eher den Drang von einer disziplinierten Ernährungsweise abzuweichen, als jemand, der Essen stets als mehr oder weniger neutrale Tätigkeit wahrgenommen hat.
Wie können Sie herausfinden, ob Sie auch zu den Gefühlsessern gehören?
Dazu ist etwas Beobachtungsgabe am eigenen Verhalten notwendig. Achten Sie darauf, in welchen Situationen Sie über die Stränge schlagen. Handelt es sich um gelegentliches Schlemmen oder um eine schematische Reaktion, der immer eine bestimmte Begebenheit vorausgeht? Wenn Sie beispielsweise in Zeiten beruflicher Belastung eher zu- als abnehmen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Sie ein Gefühlsesser sind und das Essen bewusst oder unbewusst als Mittel zum Stressabbau und zur Entspannung benutzen.
Gibt es Hilfe für Gefühlsesser?
Nun, zunächst sollten wir klarstellen, dass die meisten Gefühlsesser weit von einer psychisch krankhaften Essstörung entfernt sind. Sollten Sie sich zu diesen Personenkreis zählen, müssen Sie sich deswegen keine schwerwiegenden Sorgen machen. Es ist jedoch unbestreitbar, dass Sie für das Erreichen ihrer Diätziele mehr und härter kämpfen müssen.
Gefühlsessen ist nichts anderes als ein über Jahre eingeschliffenes Verhalten. Und jede Verhaltensweise kann über kurz oder lang verändert werden. Für Gefühlsesser kommt es hauptsächlich darauf an, die bestimmten Momente zu erkennen, die zu einer Esslust führen und diese zu kompensieren. Für Stressesser, könnte ein warmes Bad einen ähnlichen Grad an Entspannung bringen, den sie wahrscheinlich durch das Essen von Süßigkeiten bekommen hätten.
Alternativen zum Essen gibt es viele, verteufeln Sie jedoch nicht jede Lust am Essen. Letztendlich gilt es ein ausgewogenes Essverhalten zu entwickeln und nicht in das entgegengesetzte Extrem zu verfallen.
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