30. November 2004
Als Tee sagt man ihr heilende Wirkung nach - in der Natur fürchten wir sie beinahe. Die scharfe Brennnessel (Urtica dioica) kennt wohl fast jeder, und es gibt kaum einen Menschen, der nicht früher oder später die Bekanntschaft mit ihren brennenden Eigenschaften macht.
(smog) Obwohl sie meist nicht höher ist als 45 Zentimeter, haben wir doch einen großen Respekt vor ihr: Jeder von uns erinnert sich an das unangenehme Brennen, wenn wir die Blätter einer Brennnessel berühren. Aber woher kommt das Brennen – warum tut es so weh? Schuld daran ist das Brennnesselgift, die so genannte Ameisensäure, auf die vor allem unsere Blutgefäße reagieren. Beim Berühren der Pflanze brechen verkieselte Brennhaare – eigentlich richtige Stacheln – ab. Die Spitzen bohren winzige Wunden in die Haut, in die sich dann das Nesselgift ergießt. Das Nesselgift ist außerordentlich wirkungsvoll, und es reicht schon ein zehnmillionstel Gramm, um das gefürchtete Brennen und Jucken hervorzurufen.
Die Haare brechen allerdings nur bei Berührung "gegen den Strich". Streicht man von unten nach oben über die Pflanze passiert gar nichts. Gefährlich ist diese Hautreizung nicht – aber immerhin doch so unangenehm, dass wir lieber einen Bogen um Brennnesseln machen.
Daher wird sie auch gerne gemieden, obwohl sie als wichtige Heilpflanze eigentlich einen Ehrenplatz in jedem Garten haben sollte. Diesen Ehrenplatz holt sie sich aber meistens schon selber, weil sie sehr ausdauernd und anspruchslos ist und fast überall wächst, wo man sie wachsen lässt.
Sie wurde bereits 63 n. Chr. zur Behandlung rheumatischer Beschwerden eingesetzt. Sogar das Peitschen der nackten Haut mit der Brennnessel wurde dabei empfohlen. Auch bei Gicht, Leber- und Gallenerkrankungen wurde ihre Heilkraft gerühmt.
Die Blätter verwendete man äußerlich zur Wundheilung und auch bei Venenentzündungen. Aus der Wurzel wurden Auszüge bereitet, denen nachgesagt wurde, das sie den Haarausfall des Mannes verlangsamen.
Viele der alten Anwendungsgebiete für die Brennnessel sind nur noch Medizingeschichte. Aber für einige Krankheiten hat sie als mildes Begleittherapeutikum ihre Aktualität nicht verloren: Denn sie enthält Acetylcholin, Scopoletin, Kieselsäure, Nitrat und Vitamin C. Brennnesselkraut steigert den Harnfluss und wird zur Durchspülungstherapie der Harnwege, bei Nierengrieß, bei der Behandlung von Rheuma und unterstützend bei Schlankheitskuren eingesetzt.
Die jungen Blätter der Brennnessel besitzen außerdem noch jede Menge Vitamin C. Deshalb ist das Kraut – vorher gut abgekocht – eine gesunde Bereicherung für jeden Salat – und es schmeckt dabei ein wenig nach Spinat. Auch als Suppe oder Tee, besonders aus frisch gesammelten Kraut entfaltet die Brennnessel ihren angenehmen Geschmack. Eine Studie der Universität Heidelberg hat beispielsweise bewiesen, dass es sich positiv auf die Hautbeschaffenheit auswirkt, wenn man regelmäßig Brennnesselsaft trinkt: Hautfeuchtigkeit und -elastizität verbessern sich.
Selbst für die Haarpflege hat die Nessel ihre gute Seiten: Dünnes Haar soll wieder kräftiger und glänzender werden, mixt man frische Brennnesselblätter mit gleichen Teilen Wasser und Essig. Der Sud wird dreimal täglich einmassiert und nach zehn Minuten müssen die Haare mit lauwarmem Wasser wieder ausgespült werden. Im Mittelalter soll Nesselbrei sogar gegen Glatzen geholfen haben. Gegen fettiges und schuppiges Haar verspricht ein Brennnesselshampoo Heilung.
Brennnesselsamen sind zudem eine wirkungsvolle Konkurrenz zu Viagra & Co. Diese anregende Wirkung lässt sich nicht nur bei uns Menschen beobachten. Will man alten Bauernregeln Glauben schenken, werden Pferde feuriger, mischt man ihnen das Kraut unters Heu, Kühe geben mehr Milch und Hühner legen mehr Eier.
Die angegebenen Anwendungen und Zubereitungen sind nur beispielhaft für die verschiedenen Wirkungsweisen der einzelnen Heilkräuter. Vor jeder Anwendung sollte man auf jeden Fall mit dem Arzt oder Apotheker über die Dosierung, etc. reden. Heilkräuter sind Drogen und haben auch unerwünschte Nebenwirkungen!
Tipp für Selbstpflücker: Die Brennhaare verlieren ihre Wirkung durch Trocknen, Erhitzen und feines Zerkleinern. Junge Pflanzen brennen noch nicht so stark, wie ältere – beim Sammeln Handschuhe tragen. Ernten Sie nur die jungen Triebspitzen noch nicht blühender Pflanzen oberhalb 20 Zentimeter!
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