Legasthenie - Ursachen, Symptome und Behandlung

Es werden verschiedene Ursachen für die Entstehung einer Legasthenie vermutet. Wie die Entwicklungsstörung verläuft, hängt vom Umfang der Behandlung ab. Legasthenie äußert sich durch konkrete Symptome. Die Diagnostik ist umfangreich und findet bei verschiedenen Berufsgruppen statt.

Die Entstehung einer Legasthenie und wie man die Lese- und Rechtschreibstörung erkennen und behandeln kann

Krankheitsbild

Legasthenie oder Lese-Rechtschreibschwäche ist eine Entwicklungsstörung der Lese-Rechtschreibfähigkeit, die nicht auf einer allgemeinen intellektuellen Beeinträchtigung beruht, sondern unterschiedliche organische Ursachen hat. Dazu zählen unter anderem Hör- und Sehprobleme, leichte Gehirndefekte oder veränderte Gene.

Danach und nach der unterschiedlichen Ausprägung richten sich auch die Therapiemaßnahmen. Die Symptome von LRS, an der etwa fünf bis zwölf Prozent der Schulkinder leiden, sind unter anderem, dass das Kind Schwierigkeiten hat, Laute den Buchstaben zuzuordnen, Buchstaben beim Lesen zu Wörtern zu verschmelzen, oder dass Buchstaben verdreht werden.

Ursachen

Genaue Ursachen für eine Legasthenie sind noch nicht bekannt. Jedoch kommt die Lese-/Rechtschreibschwäche in einigen Familien gehäuft vor, so dass man davon ausgeht, dass die Erkrankung vererbt wird.

Bereits während der Schwangerschaft oder der Geburt können minimale Schädigungen am Gehirn auftreten, so dass die Entstehung der Legasthenie bereits dann vorprogrammiert ist. Diagnostiziert werden kann die Erkrankung zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht.

Ausgelöst wird die Legasthenie durch eine Störung in der Verarbeitung von visueller und sprachlicher Information im Gehirn: das, was mit den Augen wahrgenommen wird, kann nicht richtig über die Sprache übertragen werden. Keinerlei Einfluss auf die Entstehung einer Legasthenie haben familiäre Umstände oder die schulische Bildung des Kindes. Je besser das Kind jedoch gefördert wird, desto besser kann die Lese-/Rechtschreibschwäche ausgeglichen werden.

Erkenntnisse aus der Neurowissenschaft

Um die Ursachen für LRS besser einschätzen zu können, sind Erkenntnisse aus der Neurowissenschaft besonders hilfreich. Vor allem die Anwendung der Magnetresonanztomographie (MRT) macht deutlich, dass von Legasthenie Betroffene im Gegensatz zu Nichtbeeinträchtigten Unterschiede in der Hirnstruktur und zwischen den Verbindungen innerhalb der Netzwerke aufweisen. Neue Forschungsprojekte beziehen sich vor allem auf Untersuchungen der Hirnareale bei Kindern mit Legasthenie.

Bisher sind die Funktionen der Hirnregionen, die an der Entwicklung von Lese- und Schreibfähigkeiten beteiligt sind, noch relativ unbekannt. Deshalb ist es von besonderer Bedeutung, die Unterschiede der neuronalen Verschaltungen bei Kindern mit und ohne Legasthenie genauer zu erforschen. Neue Hinweise dienen der Entwicklung und Verbesserung von Therapieverfahren.

Verlauf

Je früher die Legasthenie erkannt wird, desto früher kann eine Behandlung beginnen. Legastheniker können zwar nie perfekt lesen und schreiben, jedoch kann die Lese-/Rechtschreibschwäche entscheidend verbessert werden. Im Vergleich zu anderen Menschen sind Legastheniker etwa um 1/4 langsamer beim Lesen und Schreiben.

Sind Kinder sehr schwer an Legasthenie erkrankt und erfolgt nur eine unzureichende Behandlung, gehen diese Kinder oft vorzeitig ohne Abschluss von der Schule ab. Auch eine Berufsausbildung ist dann oft schwierig.

Grundsätzlich haben Legastheniker-Kinder es oft schwer in der Schule, da sie für alle Aufgaben längere Zeit benötigen und bei Tests oft unter Zeitdruck geraten. Kinder versuchen, schneller zu schreiben, was in einer oft unleserlichen Schrift mit sehr vielen Fehlern endet.

Legastheniker leiden auch psychisch unter ihrer Lese-/Rechtschreibschwäche. In der Schule werden die Kinder oft von Mitschülern gehänselt. Folge ist daher häufig ein Absacken in der Schule.

Wenn eine Teilleistungsschwäche nicht als Legasthenie erkannt wird, geraten Kinder häufig in einen Teufelskreis mit gravierenden psychischen Folgen. Sie

  • ziehen sich zurück
  • entwickeln Selbstzweifel und
  • fühlen sich ausgeschlossen.

Talente auf emotionaler und sozialer Ebene drohen zu verkümmern. Nicht nur im Fach Deutsch sinken die Leistungen, auch in Schulfächern wie Mathematik oder Physik verschlechtern sich die Noten, da Lesen und Schreiben für fast alle Fächer Voraussetzung ist. Eine nicht behandelte Lese-Rechtschreibschwäche führt auch im Erwachsenenalter zu erheblichen Schwierigkeiten.

Symptome

Unter Legasthenie versteht man die gleichzeitige Schwäche im Bereich des Lesens und der Rechtschreibung. Anzeichen im Kindergarten- und Vorschulalter:

  • Verzögerungen und Störungen in der Sprachentwicklung
  • Schwierigkeiten mit der Artikulation und verminderter Wortschatz
  • Probleme bei der Wortfindung und Suche nach Ersatzwörtern
  • beeinträchtigtes Sprachverständnis und Verwechseln von Wörtern
  • Schwierigkeiten beim Lernen von Reimen oder Kinderliedern

Leseschwäche

Die Legasthenie äußert sich ab Beginn des Schulalters. Kinder und Erwachsene mit einer Leseschwäche können Texte nicht flüssig vorlesen. Sie verwechseln Zeilen, Wörter und Sätze und lesen sehr langsam.

Texte und Teile des Textes können nur unzureichend betont werden. Betroffene verstehen auch nicht richtig, was sie gerade gelesen haben. Der Mediziner nennt diese Leseschwäche, die Teil der Legasthenie ist, Dyslexie.

Rechtschreibschwäche

Neben der Leseschwäche haben Legastheniker auch eine Rechtschreibschwäche. In der Fachsprache wird die Rechtschreibschwäche Agraphie genannt. Kinder und Erwachsene mit einer Rechtschreibschwäche machen immer wiederkehrend die gleichen Fehler in der Rechtschreibung.

Diese können unterschiedlich sein. Meist werden jedoch

  • einzelne Buchstaben oder ganze Wörter ausgelassen
  • die Groß- und Kleinschreibung nicht beherrscht
  • Buchstaben verwechselt (zum Beispiel d und t)
  • Buchstaben in einem Wort vertauscht oder verdreht usw.

Betroffene können auch nach mehrmaligem Üben bestimmte Wörter noch nicht richtig schreiben. Müssen die Kinder in der Schule einen Text nur abschreiben, gelingt dies meist fehlerlos. Wird ihnen jedoch ein Text diktiert oder müssen sie selbst einen Test verfassen, treten die genannten Rechtschreibfehler auf.

Rechenschwäche

Einige Betroffene haben zusätzlich zur Legasthenie auch noch eine Rechenschwäche (Dyskalkulie). Kinder und Erwachsene mit einer Rechenschwäche haben Probleme

  • beim Zählen
  • beim Einmaleins
  • bei den Grundrechenarten wie Subtrahieren und Dividieren

usw. Diese Schwäche muss jedoch nicht immer im Zusammenhang mit der Legasthenie auftreten.

Leiden Kinder unter einer Lese- und Schreibschwäche zeigen sich häufig weitere Begleiterscheinungen wie

Diagnose

Die Diagnosestellung ist umfangreich. Es findet eine Untersuchung durch Ärzte und Psychologen statt. Auch die Schule und die Eltern werden miteinbezogen.

Die Kinder müssen bei diesen Tests zum Beispiel ein Diktat schreiben, bei dem die für die Legasthenie typischen Rechtschreibfehler diagnostiziert werden können. Auch ein Intelligenztest ist für die Diagnosestellung wichtig. Theoretisch kann eine Lese-/Rechtschreibschwäche auch an einer verminderten Intelligenz liegen.

Des Weitern müssen körperliche Erkrankungen wie zum Beispiel Sehfehler oder Hörschäden vom Arzt ausgeschlossen werden. Diese wären ebenfalls ein Grund für die Lese- und Rechtschreibschwäche. Schließlich werden auch noch Konzentrationsübungen durchgeführt, um feststellen zu können, ob die Fehler möglicherweise an einer mangelnden Konzentration liegen können.

Abzugrenzen ist die Legasthenie von

  • erworbenen Schreib- und Lesestörungen, z.B. aufgrund einer Enzephalitis
  • einem insgesamt schwachen Leistungsprofil in schulischen Anforderungen
  • graphomotorischen Schwierigkeiten, bei denen Kinder das geförderte Schreibtempo nicht einhalten können).

Behandlung

Die Therapie sollte so früh wie möglich beginnen. Im optimalen Fall ist das bereits etwa ab der zweiten Grundschulklasse.

Im Rahmen der Therapie ist es außerordentlich wichtig, das Kind über seine Lese-/Rechtschreibschwäche aufzuklären. Es muss begreifen, dass seine Schwäche nicht an mangelnder Intelligenz liegt, sondern dass es sich um eine Erkrankung handelt.

Die Legasthenie wird bei den betroffenen Kindern im Rahmen von umfangreichen Tests beurteilt. Sprechen die Tests für eine Legasthenie, müssen die Schulen darauf Rücksicht nehmen. Da laut unserem Grundgesetz "niemand durch eine Behinderung benachteiligt werden darf", muss die Erkrankung bei der Notengebung berücksichtigt werden.

In der Schule werden Legastheniker besonders gefördert. An vielen Schulen werden sie im Deutschunterricht beispielsweise in Gruppen zusammengefasst und gesondert unterrichtet, oder der Notendruck wird von ihnen genommen.

Auch spezielle Förderkurse werden für Legastheniker-Kinder angeboten. Zur Behandlung der Lese-/Rechtschreibschwäche erlernt das Kind spezielle Schreib- und Leseübungen. Oft ist auch eine psychologische Behandlung des Kindes notwendig, wenn es psychisch sehr stark unter der Legasthenie leidet.

Individuelles Training für jedes Kind

Eine allgemeine Therapie bei Lese- und Rechtschreibstörungen gibt es nicht. Jedes Kind braucht ein individuelles Training, das sich an den jeweiligen Bedürfnissen orientiert.

Moderne Therapieverfahren werden unter Berücksichtigung des vorhandenen Wissens zusammengestellt und haben die Verbesserung von Konzentration, Wahrnehmung und Aufmerksamkeit zum Ziel. Auch die Bearbeitung von wiederkehrenden Fehlern fließt in das Training ein. Gute Therapeuten verfügen über geeignete Räumlichkeiten, arbeiten mit hochwertigen Diagnoseverfahren und bieten Einzelförderungen, ganzheitliche Therapiemethoden und Elternberatungen an.

Außerhalb der Schule können als Therapie unter anderem

  • Training des Gehörs
  • rhythmische Übungen zusammen mit Lesen
  • Schreibübungen
  • Arbeiten am PC und
  • begleitendes Training gegen Angst

dienen.

Bei der Einschulung sollten Kinder keine auffälligen Sprachstörungen zeigen. In Kindergärten und logopädischen Praxen wird heute das Bielefelder Screening (BISC) durchgeführt, um bereits frühzeitig Risiken zu erkennen, die zu einer Lese- und Schreibschwäche führen. Bei Auffälligkeiten werden umgehend Maßnahmen für eine Förderung eingeleitet.

Vorbeugung

Eine Vorbeugung der Legasthenie ist nicht möglich. Jedoch kann die Lese-/Rechtschreibschwäche bis zu einem gewissen Maße gut therapiert werden, wenn sie frühzeitig erkannt wird.

Sollte man demnach bei seinem Kind eine derartige Schwäche vermuten, sollte man es frühzeitig einem Arzt vorstellen. Meist fällt bereits im Vorschulalter auf, dass sich Legastheniker schlechter konzentrieren können oder das Alphabet schlechter schreiben können, als die anderen Kinder.

Quellen:

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  • Susanne Andreae, Peter Avelini, Peter Avelini, Martin Hoffmann, Christine Grützner: Medizinwissen von A-Z: Das Lexikon der 1000 wichtigsten Krankheiten und Untersuchungen, MVS Medizinverlage Stuttgart, 2008, ISBN 3830434545
  • Susanne Andreae, Peter Avelini, Melanie Berg, Ingo Blank, Annelie Burk: Lexikon der Krankheiten und Untersuchungen, Thieme Verlagsgruppe, 2008, ISBN 9783131429629
  • Frank H. Netter: Netter's Innere Medizin, Thieme Verlagsgruppe, 2000, ISBN 3131239611
  • Gerd Herold: Innere Medizin 2019, Herold, 2018, ISBN 398146608X
  • Gerd Herold: Innere Medizin 2020, Herold, 2019, ISBN 3981466098
  • Malte Ludwig: Repetitorium für die Facharztprüfung Innere Medizin: Mit Zugang zur Medizinwelt, Urban & Fischer Verlag/Elsevier GmbH, 2017, ISBN 3437233165
  • Theresa Förg: BASICS Pädiatrie, Urban & Fischer Verlag/Elsevier GmbH, 2019, ISBN 3437422197

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