4. März 2009
Schon im Eingangsbereich des Essener Seniorenstifts Haus Berge, einer Spezialeinrichtung der Contilia Gruppe für demenzkranke Menschen, riecht es heute verführerisch nach frischen Waffeln. Der Duft hat schon einige Bewohner und deren Angehörige in das Cafe des Hauses gelockt. Denn diesem intensiven Sinneseindruck kann man kaum widerstehen, er macht einfach Appetit. Ein durchaus gewünschter Effekt, denn Demenzkranke essen und trinken oft viel zu wenig.

EKE - Gemeinsame Mahlzeiten sind oft kleine soziale und kommunikative Ereignisse, die Freude am Leben vermitteln
"Mangelernährung ist eines der häufigsten Begleitprobleme bei Demenz", erklärt Prof. Dr. Hans Georg Nehen, Leiter des Geriatrie-Zentrums Haus Berge. "Verschiedene Studien gehen davon aus, dass bis zu 50 Prozent aller Pflegeheimbewohner in Deutschland eine Mangelernährung aufweisen oder zumindest im Risikobereich liegen. Der Grund: Viele alte Menschen haben Probleme mit dem Schlucken, andere haben keinen Appetit und die Lust am Essen verloren. Demenzkranke sind darüber hinaus oft nicht in der Lage, ihre Wünsche oder Abneigungen sprachlich auszudrücken oder vergessen ganz einfach zu essen. Häufig fehlt ihnen auch die Einsicht in die Notwendigkeit von Nahrungsaufnahme oder sie zeigen keine adäquaten Reaktionen mehr auf Durst und Hunger. Treten bei ihnen dann typische Krankheitszeichen wie Apathie oder Aggressivität auf, verstärkt sich dieser Effekt noch."
Dennoch ist es im Essener Seniorenstift nicht das oberste Ziel, dass die Bewohner um jeden Preis ihr Normalgewicht halten. Vielmehr gehört es hier zu den wesentlichen Grundsätzen, das Menschenrecht auf Selbstbestimmung zu wahren. "Jede Art von Zwangsernährung lehnen wir deshalb ab", betont Marita Neumann, Leiterin des Seniorenstifts. "Keinem Bewohner – und sei er noch so verwirrt – wird gegen seinen Willen Nahrung eingeflößt." Auch die mögliche Anlage einer PEG Sonde – ein Kunststoffschlauch, der durch die Bauchdecke in den Magen eingeführt wird und künstliche Ernährung ermöglicht – ist hier immer eine sorgfältige Einzelfallentscheidung, die zusammen mit den Angehörigen, dem behandelnden Arzt und ggf. einem Seelsorger getroffen wird. Neumann: "In Krisensituationen, in denen ein Bewohner nicht mehr ausreichend essen kann oder will, überlegen wir zusammen mit den Angehörigen, für welche Maßnahmen der Betroffene sich wohl selbst entscheiden würde. Hilfreich ist es natürlich immer, wenn aus der Zeit, als der Bewohner geistig noch nicht verwirrt war, eine Patientenverfügung vorliegt." Rund 140.000 PEG Sonden werden jedes Jahr in Deutschland gelegt, die Hälfte der Sondenträger ist demenzkrank. Von den 108 Bewohnern des Seniorenstifts Haus Berge haben derzeit sechs eine solche Ernährungssonde. "Die meisten kamen bereits mit der Sonde zu uns", erklärt Neumann. "Wir versuchen in solchen Fällen aber immer, dass der Bewohner trotz Sonde wieder beginnt, auch auf natürlichem Weg Nahrung zu sich zu nehmen. Oft gelingt das und die PEG kann entfernt werden."

EKE - Demenzkranke essen und trinken oft viel zu wenig
Menschen mit Demenz bei der Nahrungsaufnahme zu unterstützen ist eine anspruchsvolle Aufgabe, die gut ausgebildetes Fachpersonal erfordert. Es muss erkennen können, wie sich Altersveränderungen und die Erkrankung bei jedem Einzelnen auf das Essverhalten auswirkt und welche individuellen Möglichkeiten sich anbieten, um Gewichtsverlust zu vermeiden. Im Haus Berge weiß man, dass ein angenehmes und vertrautes Ambiente während des Essens sich positiv auf die Menge der Nahrungsaufnahme auswirken kann. Gemeinsame Mahlzeiten sind oft kleine soziale und kommunikative Ereignisse, die Freude am Leben vermitteln sowie den Tagesablauf strukturieren und zeitliche Orientierung geben können. "Dennoch darf Leben in einem Seniorenstift nicht bedeuten, dass der Bewohner den Regeln des Hauses angepasst wird", gibt Neumann zu bedenken. "Zuhause kann jeder Mensch bestimmen, wann und was er essen möchte und mit wem er seine Mahlzeiten einnimmt. Und das ist auch bei uns so. Überall, wo Bewohner noch die Fähigkeit haben, selbst zu entscheiden, wird ihnen dies ermöglicht. Natürlich kann man mit Demenzkranken den Speiseplan nicht für eine Woche im Voraus besprechen. Wir bereiten deshalb vor jeder Mahlzeit 'Showteller' mit den jeweiligen Gerichten vor, und die Bewohner können sich direkt ein Angebot aussuchen. Wichtig dabei: Die Portionen werden appetitlich präsentiert, sind nicht zu groß und müssen gut erkennbar sein. Wenn jemand zu einer bestimmten Mahlzeit nichts möchte, bieten wir es ihm später einfach noch einmal an. Bei uns im Haus besteht rund um die Uhr die Möglichkeit, etwas zu essen zu bekommen. Zwischen den Hauptmahlzeiten werden zusätzlich Snacks gereicht. So steht beispielsweise für die Nacht immer ein klassischer Schnittchenteller bereit. Überall im Haus sind außerdem Leckereien wie Mausespeck oder Salzstangen so platziert, dass die Bewohner jederzeit zugreifen können. Vor allem Getränke müssen immer wieder angeboten werden. In den Gemeinschaftsräumen stehen deshalb überall Zapfanlagen – beispielsweise mit schwarzem Johannisbeersaft. Der ist bei den Senioren besonders beliebt."
Auch die Küche richtet ihr Angebot an den besonderen Bedürfnissen Demenzkranker aus. Der Schwerpunkt liegt auf traditionellen Gerichten, die die Bewohner noch aus ihrer Kindheit und Jugend kennen. "Bei uns gibt es keine 'Spanische Woche' oder Sushi", so Neumann. "Die Menschen lieben typische Hausmannskost der Region wie z.B. Sauerkraut und Haxe. Das kann es gar nicht oft genug geben." Da sich die Geschmackswahrnehmung im Alter ändert, kann stärkeres Würzen der Speisen zu einer Steigerung der Nahrungsaufnahme beitragen. Viele alte Menschen lieben besonders Süßspeisen, da die Geschmacksnerven für Süßes am längsten erhalten bleiben. Im Haus Berge steht daher oft auch ein süßes Mittagsgericht – z.B. Milchreis – auf dem Plan. Insgesamt ist das Nahrungsangebot an die vorhandenen Kompetenzen, aber auch an das Unvermögen der Bewohner angepasst. "Es gibt beispielsweise keine Spagetti und die Speisen werden auch nicht in kleine Bröckchen geschnitten. Viele alte Menschen haben schon genug Probleme damit, das Besteck zu halten und würden mit solchen Gerichten gar nicht zurecht kommen", erläutert Neumann. "Einige Demenzkranke erkennen auch den Sinn von Messer und Gabel nicht mehr. Lebensmittel wie Frikadellen oder auch Kartoffeln lassen sich dann auch einfach mit den Fingern essen." Erkrankten mit einem verstärkten Bewegungsdrang fällt es schwer, bis zum Ende der Mahlzeit am Tisch sitzen zu bleiben. Gleichzeitig ist ihr Energiebedarf deutlich höher. "Auch hier sind vor allem Speisen sinnvoll, die man in die Hand nehmen und unterwegs verzehren kann", weiß Neumann. "Ab und zu findet man dann auch schon mal eine Hähnchenkeule im Pantoffel wieder, aber das ist ja auch nicht tragisch." Speziell für Menschen mit starken Schluckstörungen gibt es heute eine Auswahl an Speisen mit veränderter Konsistenz – beispielsweise industriell gefertigtes Brot, dass aussieht und schmeckt wie normales Brot, aber auf der Zunge zergeht und nicht gekaut werden muss.
Demenzkranke Menschen leben und erleben ihre eigene Realität. Herkömmliche Konventionen und Tabus können für sie ungültig und unbrauchbar geworden sein. "Für Angehörige ist es schwer zu begreifen und zu ertragen, dass beispielsweise die Mutter, die früher immer sehr reinlich und ordentlich war, plötzlich mit den Fingern isst, schlürft, sabbert, ihr Brot in den Kaffee tunkt oder auch schon mal in den Teller der Nachbarn greift", so Neumann. "Auch die Angehörigen brauchen in solchen Situationen Unterstützung und Aufklärung, um sich von skurrilen Essgewohnheiten nicht abschrecken zu lassen. Sie müssen wissen, dass Kritik und Ermahnungen bei einem Demenzkranken nichts bringen. Er wird sich dadurch nur abgewertet und verunsichert fühlen." Prof. Nehen spricht sich deshalb auch sehr für eine generelle Trennung von Dementen und Nichtdementen in Senioreneinrichtungen aus: "Alte Menschen, die nur an einer leichten Demenz leiden, werden weiterhin mit Messer und Gabel essen und möchten, dass ihr Gegenüber ebenfalls entsprechende Tischmanieren hat. Demente, die dies nicht mehr leisten können, werden dann von anderen Bewohnern als Ferkel beschimpft. Beide Gruppen sind in einer solchen Situation nicht glücklich." Im Haus Berge leben die Bewohner deshalb je nach dem Schweregrad ihrer Demenz in vier verschiedenen Wohngruppen.

EKE - Demenzkranke lieben vor allem Speisen und Getränke, die sie noch aus ihrer Kindheit und Jugend kennen
Menschen, die nur noch wenig essen, kann man mit ihren Lieblingsspeisen häufig doch noch dazu bewegen, etwas zu sich zu nehmen. Wenn ein Bewohner seine Wünsche nur noch schwer äußern kann, versucht man im Haus Berge zusammen mit den Angehörigen herausfinden, wo die kulinarischen Vorlieben liegen. So erzählt Prof. Nehen von einer Dame, die nicht mehr essen wollte. Nur wenn es ihre Leibspeise Erdbeerquark gab, griff sie zu. Daher wurde ihr einfach jeden Tag Erdbeerquark angeboten. Oft mit Sahne oder mit Vitaminen angereichert. So bekam die alte Dame ausreichend Kalorien und Nährstoffe und war außerdem glücklich. Neumann: "Wir haben auch Bewohner, die morgens nur noch die Marmelade und Butter von ihrem Brötchen lecken. Das Brötchen wird dann eben besonders dick bestrichen und ihnen nacheinander mehrere dieser Brötchen hingestellt." "Eine ausgewogene und gesunde Ernährung ist das zwar nicht," fährt Prof. Nehen fort, "aber die ist bei dieser Personengruppe zweitrangig. Wichtig ist, dass überhaupt ausreichend gegessen wird."
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