Kreative Möglichkeiten der Psychotherapie

Junge Frau liegt barfuss in weißem Hemd auf dem Boden und malt, sie ist voller Farbe

Funktion und Bestandteile der Kunsttherapie, Tanztherapie und Maltherapie

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  • von Paradisi-Redaktion

Einen kreativen Bestandteil der Psychotherapie stellt die künstlerische Therapie dar. Sie beruht auf kunsttherapeutischen Ansätzen.

Denkt man an eine Psychotherapie, fallen einem automatisch die Begriffe Psychoanalyse oder Verhaltenstherapie ein. Die Psychotherapie besteht jedoch aus einer Vielzahl von unterschiedlichen Methoden und Schulen. Dazu zählen auch kunstorientierte oder künstlerische Therapien.

Künstlerische Therapien

Unter künstlerischen oder kunstorientierten Therapien versteht man Behandlungsmethoden, bei denen mit künstlerischen Medien gearbeitet wird. Als typische künstlerische Therapien gelten:

  • die Kunsttherapie
  • die Tanztherapie
  • die Maltherapie
  • Musiktherapie
  • die Theatertherapie
  • die Dramatherapie
  • die Poesietherapie

Diese unterschiedlichen Methoden haben miteinander gemeinsam, dass sie sich aktiv mit künstlerischen Tätigkeiten befassen, wie:

Auswirkungen eines künstlerischen Mediums

Neben der für die Psychotherapie typischen Beziehung zwischen Patient und Therapeut spielt auch das künstlerische Medium eine bedeutende Rolle. So soll bei tiefenpsychologischen Therapieansätzen die künstlerische Gestaltung dazu genutzt werden, seelische Konflikte auszudrücken und über sie zu reden.

Dabei steht der therapeutische Aspekt im Vordergrund des künstlerischen Handelns.

Einsatzgebiete

Zur Anwendung können künstlerische Therapien sowohl für akute Behandlungen als auch zur Rehabilitation oder zur Vorbeugung kommen. Zu ihren unterschiedlichen Funktionen zählen vor allem:

  • die Krankheitsverarbeitung
  • das Bewältigen von Konflikten
  • das Aktivieren von Ressourcen

In der Regel orientieren sich künstlerische Therapien an der Verhaltenstherapie oder der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie. Mitunter folgen sie aber auch anthroposophischen Ansätzen.

Darüber hinaus finden künstlerische Therapien Anwendung in:

  • der Heilpädagogik
  • der Sozialpädagogik
  • der Sonderpädagogik

Im Folgenden stellen wir Ihnen die Kunsttherapie, Tanztherapie und Maltherapie im Detail vor.

Die Kunsttherapie

Zu den kreativen Verfahren der Psychotherapie zählt vor allem die Kunsttherapie. Dabei betätigen sich die Patienten künstlerisch, um ihre Probleme und Emotionen zu verarbeiten.

Geschichte

Bei der Kunsttherapie handelt es sich um eine relativ neue Behandlungsmethode, die erst im 20. Jahrhundert entwickelt wurde. In den Vereinigten Staaten von Amerika und Großbritannien ging sie vorwiegend aus der Kunsterziehung und der Entwicklungspsychologie hervor.

Erste Ansätze im Ausland

In Großbritannien entstand der Begriff "Art Therapy", der auf den Maler Adrian Hill zurückging. Dieser regte in einem Sanatorium, in dem er sich zur Behandlung befand, andere Patienten dazu an, sich künstlerisch zu betätigen.

Schließlich begann Hill mit Patienten künstlerisch zu arbeiten, was er im Jahr 1945 in einem Buch dokumentierte.

Ungefähr zu gleichen Zeit wurden auch in den USA von Margaret Naumburg und Edith Kramer kunsttherapeutische Ansätze entwickelt. So kreierte Margaret Naumburg in den 40er Jahren die Psychodynamische Kunsttherapie. Edith Kramer leitete hingegen die Kunsttherapie aus der künstlerischen Praxis ab, wobei sie vor allem mit Kindern arbeitete.

Im Jahr 1981 gründete der österreichische Psychiater Leo Navratil (1921-2006) bei Wien das Haus der Künstler, das als Zentrum für Kunsttherapie und Psychotherapie diente.

Ansätze in Deutschland

In den deutschsprachigen Ländern entstanden erste kunsttherapeutische Ansätze gleichzeitig mit der Entwicklung der anthroposophischen Medizin. So wurden in den 20er Jahren künstlerische Therapien wie bildnerisches Gestalten in die von Ita Wegman gegründete anthroposophische Klinik im schweizerischen Arlesheim integriert.

In den 30er Jahren kam bildnerisches Gestalten auch zunehmend in psychiatrischen Therapien zum Einsatz. So wurden die Patienten zu künstlerischen Tätigkeiten angeregt, was die Psychiater sich für Diagnose und Therapie zunutze machten.

Anwendungsgebiete

Zur Anwendung kommt die Kunsttherapie auf klinischen, heilpädagogischen, pädagogischen und soziokulturellen Gebieten. ausgeübt wird sie in:

Die Wertschätzung der Kunsttherapie innerhalb der Gesundheitsversorgung ist von Staat zu Staat unterschiedlich. So stellt sie in Großbritannien einen festen Bestandteil in klinischen Einrichtungen dar, was in Deutschland jedoch weniger der Fall ist.

Allerdings hat auch hierzulande die Bedeutung der Kunsttherapie erheblich zugenommen. Zu ihren Anwendungsbereichen gehören:

  • die Psychiatrie
  • die Psychosomatik
  • die Geriatrie
  • die Sozial-Pädiatrie
  • die Neurologie
  • die Onkologie/Hämatologie

Angewandt wird die Kunsttherapie sowohl bei Kindern und Jugendlichen als auch bei erwachsenen Menschen.

Wirkungsprinzip

Im Rahmen der Kunsttherapie benutzt der Patient bildnerische Medien wie

um sich auszudrücken. Im Zentrum der Behandlung stehen seine inneren Bilder und seine Sicht auf die Welt. Darüber hinaus sollen

  • neue Fähigkeiten entwickelt
  • Ressourcen genutzt und
  • Lösungswege gefunden

werden. Vor allem die inneren Bilder sind für die tiefenpsychologische Kunsttherapie von Bedeutung. So können innere Bilder von traumatischen Erlebnissen oder kritischen Situationen psychische Störungen hervorrufen.

Durch das Malen oder Zeichnen solcher Situationen hat der Patient die Möglichkeit, einen gestalterischen Dialog mit den inneren Bildern zu führen und sie durch neue, positivere Bilder zu ersetzen.

Des Weiteren lassen sich durch das bildnerische Gestalten auch Geschichten erzählen und Stimmungen beschreiben. So bietet die Kunsttherapie die Möglichkeit, die Entwicklung des Patienten, seine sinnliche Wahrnehmung sowie seine Selbstverwirklichung zu fördern.

Kunsttherapeutische Methoden

Mithilfe der Kunsttherapie lassen sich seelische Konflikte erkennen, was es wiederum Patienten und Therapeuten ermöglicht darüber zu sprechen sowie Lösungsmöglichkeiten und neue Perspektiven zu entdecken.

Zeichentest

Im Rahmen der Kunsttherapie können unterschiedliche Methoden zur Anwendung kommen. Dazu gehören zum Beispiel Zeichentests. Da diese für die Diagnostik bestimmt sind, muss der Therapeut über eine entsprechende psychologische Qualifikation verfügen.

Gängige Zeichentests sind

  • der Roschbach-Test
  • der Wartegg-Zeichentest sowie
  • der thematische Apperzeptionstest (TAT).

Speziell für Kinder entwickelt wurde die Untersuchungsmethode "Familie in Tieren". Dabei zeichnet das Kind seine Familienangehörigen in Form von Tieren.

Messpainting

Eine andere Methode ist das so genannte Messpainting. Dieses spontane Malen dient zur Anregung der Kreativität. Zu den verwendeten Materialien zählen

  • Zeitungspapier
  • Pinsel sowie
  • Dispersions-, Finger- oder Kleisterfarben.

Typisch für diese Methode ist, dass die Malereien sehr schnell entstehen. So wird alle paar Minuten ein neues Bild gemalt. Außerdem muss das Papier zu 80 Prozent mit Farbe bedeckt werden.

Ausdrucksmalerei

Eine in den 50er Jahren entstandene Kunsttherapie-Methode ist die Ausdrucksmalerei. Dabei steht das spielerische Hervorbringen von Spuren auf Papier im Zentrum des Geschehens. Eine künstlerische Gestaltungsabsicht besteht nicht. So ist das Malen selbst wichtig und nicht das Resultat.

Dialogisches Malen

Auf heilpädagogischen bzw. kunstpädagogischen Ansätzen basiert das Dialogische Malen. Es wird nonverbal ein Dialog zwischen zwei Personen, bei denen es sich um Therapeut und Klient handeln kann, durch das Gestalten eines gemeinsamen Bildes entwickelt. Dieses Bild kann eine Geschichte erzählen oder eine abstrakte Komposition bilden. Sinn der Methode ist das

  • Entwickeln
  • Gestalten und
  • Sichtbarmachen

von sozialen Interaktionen.

Arbeiten am Tonfeld

Eine andere kunsttherapeutische Methode ist das Arbeiten am Tonfeld, die von Heinz Deuser entwickelt wurde. Dabei blickt der Patient auf ein Tonfeld in einem Holzkasten, das aus formbarem Ton besteht, und soll den Ton mit möglichst geschlossenen Augen gestalten. Als gestaltende Kraft wirken die Bewegungen der Hände.

Formenzeichnen

Aus der anthroposophischen Kunsttherapie stammt das Formenzeichnen, dessen Vorbild die Kunst der Kelten sowie die Steinmetzkunst der alten Iren und Langobarden ist. Beim Formenzeichnen kommt es zu einem rhythmischen Bewegungsablauf. Die Linie dient als Bewegungsspur.

Der Patient soll nun vorgegebene Linienverläufe aktiv und aus freier Bewegung nachvollziehen. Der Rhythmus zwischen Verfestigung und Auflösung bewirkt dabei einen Ausgleich.

Die Tanztherapie

Als Tanztherapie bezeichnet man ein psychotherapeutisches Verfahren, das zu den künstlerischen Therapien zählt. Durch frei improvisierten Tanz können die Patienten Gefühle und Beziehungen ausdrücken, verstehen und verarbeiten. Darüber hinaus sollen Körper- und Selbstwahrnehmung gesteigert werden.

Geschichte

Ihre Wurzeln hat die Tanztherapie im Deutschland der 20er Jahre. Wichtige Impulse für diese Therapieform gingen von Schülerinnen des ungarischen Tänzers und Choreografen Rudolf von Laban (1879-1958) aus. Zu diesen gehörte vor allem Mary Wigman (1886-1973) mit ihrem Buch "Die Sprache des Tanzes".

Darin beschrieb die deutsche Tänzerin den Ausdruckstanz. Andere Schülerinnen wie Liljan Espenak, Franziska Boas, Mary Whitehouse und Irmgard Batenieff, die in die USA emigrierten und dort mit behinderten und psychisch kranken Menschen arbeiteten, trugen ebenso maßgeblich zur Entwicklung der Tanztherapie bei.

Dabei entdeckten sie neue Therapiemöglichkeiten durch Tanzen. Zusammen mit den Bühnentänzerinnen Marian Chase und Trudi Schoop, die ebenfalls tanztherapeutische Ansätze bei schwer psychisch kranken Menschen entwickelten, gelten Franziska Boas, Mary Whitehouse und Liljan Espenak als Mütter der Tanztherapie.

Im Laufe der Zeit entwickelte sich die Tanztherapie weiter, sodass es in der Gegenwart zahlreiche unterschiedliche Konzepte gibt. In Deutschland entstand 1995 der Berufsverband der Tanztherapeuten. Dieser setzt die Standards für die vierjährige Ausbildung zum Tanztherapeuten fest.

Allerdings ist der Begriff "Tanztherapie" nicht als Berufsbezeichnung geschützt, wodurch auch unzureichende Fortbildungen angeboten werden können. Bislang zählt die Tanztherapie in Deutschland nicht zu den anerkannten Psychotherapie-Verfahren. Daher müssen die Kosten für die Behandlung vom Patienten selbst übernommen werden.

Wirkungsprinzip

Im Rahmen der Tanztherapie werden Tanz und Bewegung psychotherapeutisch genutzt, um emotionale, kognitive und physische Prozesse zu integrieren und die Persönlichkeit des Menschen zu erweitern. Dabei lassen die Therapeuten psychotherapeutische Erkenntnisse in ihre Arbeit einfließen.

Zu den Zielen der Tanztherapie gehört:

  • vorsprachliche Erlebnisse durch Körpersprache zu integrieren
  • die Wahrnehmung des Körpers zu fördern
  • ein realistisches Körperbild zu entwickeln
  • die Eigenwahrnehmung zu verbessern
  • emotionale Erlebnisse zu verarbeiten
  • psychischen Konflikten entgegenzuwirken

Durchführen lässt sich die Tanztherapie sowohl als Einzeltherapie als auch als Gruppentherapie. Auch für Paar- oder Familientherapien gilt sie als geeignet.

Wissenschaftliche Studien belegen die Wirksamkeit der Tanztherapie. So kann sie die Lebensqualität des Patienten verbessern und dabei helfen, Stress zu bewältigen.

Einsatzgebiete

Die Tanztherapie kommt in unterschiedlichen Bereichen zur Anwendung. Dazu gehören zum Beispiel:

  • die Psychotherapie
  • die Psychiatrie
  • sonderpädagogische Einrichtungen
  • Einrichtungen für Suchtkranke
  • Tageskliniken
  • ambulante Praxen für Tanztherapien
  • Neurologie
  • Onkologie
  • die Rehabilitation

Methodische Elemente

Die Tanztherapie greift auf unterschiedliche methodische Elemente zurück. Dabei handelt es sich vor allem um:

  • die Tanztechnik
  • die Nachahmung
  • die Improvisation
  • die Gestaltung
Tanztechnik

Die Tanztechnik setzt auf einfache Bewegungen wie Gesten oder Drehungen, mit denen Hemmungen überwunden werden können. Welcher Tanzstil zur Anwendung kommt, hängt von der Stimmung und der Situation des Patienten ab.

Nachahmung und Improvisation

Bei der Nachahmung soll der Patient bestimmte Bewegungen imitieren, um den Gefühlen anderer Personen näher zu kommen und sich besser auszudrücken. Im Rahmen der Improvisation muss der Patient seine Selbstkontrolle ausschalten, um sich Zugang zum Unbewussten zu schaffen. Auf diese Weise lassen sich verdrängte oder vergessene Emotionen oder Erlebnisse wieder zutage fördern.

Gestaltung

Die Gestaltung stellt eine Mischung aus Tanztechnik und Improvisation dar und soll beide Extreme ausgleichen. Der Patient kann dabei Stimmungen und Gefühle durch beherrschte Bewegungen bei passender Musik ausdrücken. Gleichzeitig kontrolliert er stets, welche Gefühle er zeigen möchte.

Die Maltherapie

Als Maltherapie bezeichnet man einen Teilbereich der Kunsttherapie. Sie kommt im Rahmen von tiefenpsychologischen, gestaltungspsychologischen oder anthroposophischen Verfahren zur Anwendung.

Tiefenpsychologische Verfahren

In den meisten Fällen beruht die Maltherapie auf tiefenpsychologischen Ansätzen. So bilden die Werke, die der Patient malt, oftmals den Ausgangspunkt für ein therapeutisches Gespräch. Die Therapie beinhaltet also einerseits das Malen und andererseits das Gespräch über das fertige Bild.

Die entstandenen Bilder gelten als visuelle und symbolische Ausdrücke von unbewussten Abläufen. So wirken sich verdrängte oder vergessene Erlebnisse oftmals negativ auf die Psyche aus, die sich durch das Malen jedoch wieder zum Vorschein bringen und vielleicht sogar heilen lassen.

Darüber hinaus kann der Patient durch den kreativen Prozess des Malens

  • seine inneren Ressourcen entdecken und
  • Lösungsansätze für bestehende Probleme finden.

Beim Malen hat er die Gelegenheit, seine Gefühle auszudrücken, ohne sie in Worte fassen zu müssen. Im günstigsten Fall nimmt er seine Welt wieder positiver wahr.

Anwendungsgebiete

Die Maltherapie ist Bestandteil von zahlreichen Therapiemethoden. Angewandt wird sie zum Beispiel in:

  • psychologischen Praxen
  • psychosomatischen Kliniken
  • Psychiatrien

Sie eignet sich besonders gut für Menschen, die nicht gerne viel reden oder Schwierigkeiten haben, ihre Gefühle verbal auszudrücken. Sie kann auch von Menschen durchgeführt werden, die nicht künstlerisch veranlagt sind, da es nicht um die Schönheit der Bilder geht, sondern um ihre Aussagen und die Auseinandersetzung mit ihnen.

Als sinnvoll gilt die Maltherapie für:

Aber auch für gesunde Menschen, die

  • Stress bewältigen
  • sich weiterentwickeln oder
  • sich selbst mehr wahrnehmen wollen,

kann eine Maltherapie hilfreich sein. Außerdem kommt sie bei Kindern, die unter ADHS leiden, zur Anwendung, um deren Konzentration zu fördern.

Durchführung

Das Wichtigste an der Maltherapie ist das Malen an sich, nicht das Resultat, das dabei herauskommt. So geschieht der Heilungsprozess durch das Malen und nicht durch das fertige Bild.

Der Patient kann während des Malens Zusammenhänge zwischen sich und seiner Umwelt erkennen und gemeinsam mit dem Therapeuten Lösungswege für seine Probleme finden. Als sinnvoll gelten Gruppensitzungen, da die Beschäftigung mit den Problemen anderer Patienten oftmals auch zu eigenen hilfreichen Erfahrungen führt.

Grundinformationen zur Psychotherapie

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Quellenangaben

  • Bildnachweis: beautiful young woman painting © Jaimie Duplass - www.fotolia.de

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