23. Oktober 2005
Adenome im Rektum – ein Thema, über das man doch eigentlich gar nichts wissen will, oder? Sollte man aber! Denn die Anzahl der Betroffenen ist höher als man denkt. Fast zwanzig Prozent der über 50-jährigen Mitteleuropäer haben Polypen im Darm. Mit fortschreitendem Alter nimmt die Zahl noch zu.
Darmpolypen sind gutartige Schleimhautgeschwülste, die in den Hohlraum des Dickdarms hineinragen. Sie können verschiedene Formen und Größen haben sowie einzeln oder in größerer Zahl auftreten. Besonders im Rektum, dem letzten Darmabschnitt, sind diese zunächst gutartigen Tumore zu finden. Man unterscheidet je nach Gewebeart verschiedene Arten von Polypen. In den meisten Fällen sind dies Adenome. Diese Adenome können sich zu Vorstufen von Dickdarmkrebs entwickeln. Das Entartungsrisiko liegt je nach Typ bei bis zu 50 Prozent. Adenome verursachen zumeist keine Beschwerden und werden daher kaum bemerkt. Nur gelegentlich führen große Polypen zu einer schmerzhaften Verstopfung, abwechselnd dünnem und festem Stuhl, Blähungen oder Koliken. Selten können auch auffällige Schleimabsonderungen festgestellt werden, aber solche Symptome treten erst spät und bei beträchtlichem Umfang des Tumors auf.
Bei Hermann G., einem 54-jährigen Architekten aus der Nähe von Gladbeck, war es der Hausarzt, der seinen Patienten, der lediglich über Hämorrhoiden klagte, zu einer genauen Untersuchung der unteren Darmabschnitte ins Krankenhaus schickte. "Meinen Patienten über 50 empfehle ich alle fünf Jahre eine Darmspiegelung machen zu lassen, da sie die sicherste Methode zur Früherkennung der doch relativ häufigen Tumore ist", sagt der niedergelassene Arzt.
Das bestätigt Prof. Dr. Peter Markus, Direktor der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Unfallchirurgie des Essener Elisabeth-Krankenhauses. "Keine andere Screeningmethode ist effektiver für die frühzeitige Erkennung von Adenomen im unteren Darmabschnitt als die Rektoskopie und die Koloskopie. Tests auf nicht sichtbares Blut im Stuhl sind zu ungenau und ein manuelles Abtasten des Enddarms ist nur in den ersten Zentimetern möglich." Werden bei einem rektoskopischen oder koloskopischen Check Adenome gefunden, kommt ein endorektaler Ultraschall zum Einsatz. Bei dieser Untersuchung wird ein kleiner Schallkopf rektal eingeführt; die so aufgenommen Bilder der Darmschleimhaut erscheinen auf einem Monitor. "Wir können mit Hilfe des endorektalen Ultraschalls sehen, wie tief der Tumor in die Darmwand eingedrungen und ob er bereits bösartig geworden ist", erläutert Prof. Dr. Markus die sehr viel Übung erfordernde Untersuchungsmethode.
Bei Hermann G. werden bei der Vorsorgeuntersuchung mehrere Adenome im Rektum festgestellt, welche dort bereits zu einer beachtlichen Größe herangewachsen, aber noch nicht tief in die Darmwand eingedrungen sind. Zur Entfernung der Rektumadenome stehen zwei Therapieverfahren zur Auswahl. "Je nach Diagnose werden im Elisabeth-Krankenhaus entweder die endoskopische Schlingenabtragung oder die transanale endoskopische Mikrochirurgie – kurz TEM – eingesetzt", so Prof. Dr. Markus. "Die beiden unterschiedlichen Methoden sind aber keine konkurrierenden Verfahren. Welche ausgewählt wird, wird individuell entschieden. Das Ziel ist immer die komplette Entfernung des Adenoms. Die Schlingenabtragung eignet sich jedoch nur für oberflächliche Polypen mit einem Basisdurchmesser von weniger als drei Zentimetern. Ist die Entfernung mit der Schlinge nicht durchführbar oder war eine Schlingenabtragung unvollständig, müssen Rektumadenome operativ entfernt werden."
Aufgrund der Größe seiner Adenome entschied man sich bei Herrn G. für die transanale endoskopische Mikrochirurgie. "Die operative Entfernung von großen oder sehr breitbasigen Adenomen und Frühstadien des Mastdarmkrebses ist mit der Einführung der TEM revolutioniert worden", so Prof. Dr. Markus. "In bis zu 15 Zentimeter Abstand vom Anus kann so operiert werden. Bei gutartigen Tumoren hat das Verfahren die konventionellen chirurgischen Techniken in diesem Bereich weitgehend verdrängt." Mit einem Operationsrektoskop blickt der Chirurg beim Eingriff mit Hilfe einer Optik in das Rektum und führt so die für diese Methode entwickelten Instrumente. Durch Beleuchtung, Vergrößerungseffekt des optischen Systems und Aufdehnung des Darmabschnitts mit Hilfe von CO2 ist eine exakte mikrochirurgische Präparation möglich. Der Patient liegt auf einem drehbaren Operationstisch, so dass er stets in die für den Operateur günstigste Lage zu bringen ist. Im Unterschied zur Schlingenabtragung ist bei der TEM eine Vollnarkose oder eine Rückenmarksanästhesie notwendig. "Für den Patienten ist dieses Verfahren dennoch schonend und mit nur geringer Belastung verbunden", so Prof. Dr. Markus. "Komplikationen während oder nach dem Eingriff sind äußerst selten und die Rezidivrate – also die Zahl von Tumorneubildungen nach Anwendung dieser Operationsmethode – ist sehr niedrig. Der größte Vorteil für die Patienten ist sicher, dass die vollständige Entfernung von großen Polypen oder von Mastdarmkrebs im Frühstadium bei der TEM ohne Bauchschnitt und ohne Anlegen eines künstlichen Darmausganges möglich ist."
Auch Hermann G. konnte das Krankenhaus bereits wenige Tage nach dem Eingriff wieder verlassen. Seinem Hausarzt, der ihn zur Darmspiegelung in die Klinik geschickt hatte, ist er dankbar, hatte er doch gar nichts von den Adenomen bemerkt. "Wenn sich das Rektumadenom durch Symptome bemerkbar macht, ist es häufig bereits bösartig geworden", hatte Prof. Dr. Markus im Elisabeth Krankenhaus Essen zu Herrn G. gesagt. In seinem Fall war aber alles noch einmal gut gegangen. Hermann G. ist heute vom Nutzen der konsequenten Vorsorgeuntersuchung fest überzeugt, denn er weiß jetzt: Die rechtzeitige Entfernung der Polypen stellt eine der wirksamstem Krebsprophylaxen dar.
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