3. August 2004
Jedes Kind hat irgendwann einmal Bauchschmerzen. Meist werden diese durch Blähungen, Verstopfung, verdorbene Lebensmittel, eine Darminfektion oder einfach übermäßiges Essen hervorgerufen. In solchen Fällen sind Bauchschmerzen in der Regel harmlos und verschwinden, sobald die Infektion überstanden ist und der Magen-Darm-Trakt sich wieder beruhigt hat.
Besonders kleine Kinder können alle möglichen Schmerzen in den Bauch projizieren. So kann es bei Grippe, Mandelentzündungen, Masern, Röteln oder Scharlach auch zu Bauchweh kommen. Auch Kummer, Aufregung oder Angst lösen bei manchen Kindern Bauchschmerzen aus. Wenn eine Klassenarbeit bevorsteht oder andere Probleme auftauchen, macht sich schon mal der Bauch bemerkbar. Manchmal steckt bei Bauchschmerzen allerdings auch eine ernsthafte Erkrankung wie beispielsweise eine Blinddarmentzündung, die Appendizitis, dahinter.

EKE - Der Kinderchirurg Dr. Peter Liedgens auf der Kinderstation
"Wenn im Allgemeinen von Blinddarmentzündung gesprochen wird, handelt es sich dabei genaugenommen um eine Entzündung des Wurmfortsatzes, einem kleinen Anhang des eigentlichen Blinddarms", erklärt Dr. Peter Liedgens, Chefarzt der Kinderchirurgie am Essener Elisabeth-Krankenhaus. "Dieser Appendix hat einen Eingang, aber keinen Ausgang, deshalb können sich darin Verdauungsrückstände ansammeln. Eine lokale bakterielle Entzündung des Wurmfortsatzes wird dann häufig durch einen Verschluss an seiner Mündungsstelle in den Blinddarm verursacht. Der Verschluss kann durch Kotsteine, Fremdkörper wie Obstkerne, Würmer, einen Knick oder eine Schleimhautschwellung ausgelöst werden." Die Appendizitis kommt in allen Altersgruppen vor. Am häufigsten betrifft sie allerdings Kinder und Jugendliche zwischen vier und 15 Jahren; Jungen erkranken häufiger als Mädchen. Kinder unter drei Jahren bekommen selten eine Blinddarmentzündung. "Das größte Problem bei der Behandlung der Krankheit ist das rechtzeitige und richtige Erkennen des akuten Entzündungsstadiums", so der Kinderchirurg. "Denn schneller als beim Erwachsenen kann die Entzündung fortschreiten und zum Platzen des Wurmfortsatzes führen."
Wichtigstes Anzeichen für eine akute Blinddarmentzündung sind anhaltende, krampfartige Schmerzen, die häufig im Mittelbauch beginnen, schnell an Heftigkeit zunehmen und nach rechts unten wandern. Manchmal tritt der Schmerz allerdings auch in der oberen Bauchhälfte auf. Der gesamte Bauchbereich ist meistens extrem berührungsempfindlich. "Die Körperhaltung des Kindes kann ebenfalls Hinweise auf eine Appendizitis geben", erläutert Dr. Liedgens. "Damit die Schmerzen erträglicher werden, ziehen die Kinder auf der rechten Seite das Bein an oder beugen die Hüfte vor. Die Schmerzen verstärken sich vor allem beim Gehen, und ein Hüpfen auf dem rechten Bein ist meist nicht mehr möglich." Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen und leichtes Fieber gehören ebenfalls zu den typischen Krankheitszeichen. "Grundsätzlich gilt: Klagt Ihr Kind über Bauchschmerzen, die länger als drei Stunden anhalten, sollten Sie umgehend den Arzt oder ein Krankenhaus aufsuchen", appelliert der Essener Kinderchirurg. "Leider sind die Beschwerden nicht in allen Fällen so typisch wie beschrieben. Bei Kindern kann man sich nicht immer auf Schmerzen als sicheres Anzeichen für eine akute Blinddarmentzündung verlassen. Gerade Kleinkinder zeigen häufig kein typisches Krankheitsbild. Die Erkrankung wird daher oft erst spät diagnostiziert."
"Die Vorgeschichte, die von den kleinen Patienten und den Eltern geschildert wird, ist eins der wichtigsten Kriterien für die Diagnose", konstatiert Dr. Liedgens. "Der Arzt wird das Kind dann sehr genau untersuchen, um den Schmerz zu lokalisieren. Beim Abtasten des Bauches weisen typische Schmerzpunkte auf eine Blinddarmentzündung hin. Die Messung der Körpertemperatur kann einen Hinweis auf die Appendizitis geben. In der Regel gibt es eine Differenz von 0,8°C zwischen der in der Achselhöhle und der im Po gemessenen Temperatur. Fast immer zeigt die Blutuntersuchung eine Erhöhung der weißen Blutkörperchen als Entzündungszeichen an. Diese Symptome können alle oder nur einzeln vorhanden sein. Das Fehlen einiger Zeichen schließt eine Appendizitis nicht aus. Insbesondere bei kleinen Kindern ist eine sichere Diagnose oft nicht leicht, weil sie ihre Beschwerden noch nicht so genau beschreiben können."

EKE - Dr. Rudolf Mallmann (li.) bei der Ultraschalluntersuchung
Bei der Appendizitis-Diagnose gewinnt in den letzten Jahren immer mehr die Ultraschalluntersuchung, auch Sonographie genannt, an Bedeutung. "Diese Untersuchung ist völlig ungefährlich und tut nicht weh", erklärt Dr. Dariusz Michna, Kinderarzt am Elisabeth-Krankenhaus in Essen. "Der Arzt fährt bei der Untersuchung mit einem Schallkopf, der Ultraschallwellen aussendet, über den Bauch des kleinen Patienten. Die Schallwellen werden im Körper je nach Gewebeart aufgenommen oder zurückgeworfen. Die zurückgeworfenen Schallwellen werden empfangen und auf einem Bildschirm dargestellt. Wir erhalten so zweidimensionale Bilder, die eine räumliche Vorstellung von Größe, Form und Struktur der untersuchten Organe vermitteln. Mit hochauflösenden Ultraschallgeräten können häufig sogar leichte Schwellungen des zwei bis sechs Millimeter dünnen Appendix gesehen werden." Als deutliche Entzündungszeichen werden Flüssigkeitsansammlungen, ein starrer Wurmfortsatz oder ein Durchmesser von mehr als zehn Millimeter gewertet. Die Ultraschalldiagnostik ist aber nur bei normalgewichtigen Kindern aussagekräftig. "Bei Erwachsenen und bei dicken Kindern liegt der Blinddarm meist zu tief im Bauchraum, um vom Ultraschall gesehen werden zu können", so der Kinderarzt.
Auch für die Differenzialdiagnostik ist die Ultraschalluntersuchung sehr wichtig. Andere Erkrankungen, die eine ähnliche Symptomatik wie eine Appendizitis entwickeln können, werden durch die Sonographie ausgeschlossen. "Wenn man überlegt, wie viele Organe sich im Bauchraum befinden, kann man sich leicht vorstellen, dass Bauchschmerzen sehr viele Ursachen haben können", erklärt Dr. Michna. "Erkrankungen wie Steinbildung in Niere oder Gallenblase, Eierstockentzündung, Infekte der Harnwege, Entzündungen einzelner Darmabschnitte oder ein Darmverschluss kommen bei Kindern glücklicherweise selten vor. Trotzdem sind wir in Einzelfällen gezwungen, nach diesen Krankheiten zu forschen."
Jeder zehnte Erwachsene hat keinen Blinddarm mehr. Die meisten lassen ihn als Kind oder Jugendlicher im Operationssaal. Bei etwa 15 bis 30 Prozent der Operationen stellt sich anschließend heraus, dass der Wurmfortsatz nicht entzündet war. Der Grund dafür: Auch heute gibt es keine Untersuchung, die mit hundertprozentiger Sicherheit eine Blinddarmentzündung bestätigen oder ausschließen kann. "Der Arzt muss anhand der verschiedenen Diagnoseergebnisse entscheiden, ob der Appendix durch eine Operation entfernt werden muss oder nicht", erläutert der Kinderchirurg Dr. Liedgens. "Mit Hilfe der Ultraschall-Diagnostik kann die Rate der überflüssigen Operationen reduziert werden. Vorraussetzung ist natürlich ein erfahrener Untersucher. Bestehen allerdings nach der Ultraschalluntersuchung immer noch Zweifel, ob der Wurmfortsatz entzündet ist oder nicht, sollte auf jeden Fall operiert werden. Die Engländer sagen: If in doubt, take it out. Denn bei einer frischen Entzündung ist eine rasche Operation notwendig, um den Durchbruch des Blinddarms und die damit zumeist verbundene Bauchhöhlenvereiterung zu verhindern."
Im Fall von immer wiederkehrenden Bauchschmerzen, die keine Anzeichen einer Blinddarmentzündung aufweisen, wird zur Abklärung der Ursache eine Bauchspiegelung (Laparoskopie) durchgeführt. Bei diesem kleinen Eingriff kann gleichzeitig eine laparoskopische Blinddarmentfernung vorgenommen werden. "Oft stellt sich heraus, dass zwar keine akute Entzündung, aber eine chronische Reizung des Wurmfortsatzes vorlag", berichtet Dr. Liedgens. "Nach der Entfernung des Appendix sind die Beschwerden dann zumeist verschwunden."
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10.01.12 | |
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07.10.11 | |
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Das Buch Appendix und Appendizitis zu der Erkrankung Blinddarmentzündung von Niels Krack.
