7. Dezember 2004
Viele waschen und putzen zu viel, mit aggressiven Mitteln und an den falschen Stellen – als wollten sie Seuchen bekämpfen. Die Phobie vor Keimen und Krankheitserregern gipfelt in der antibakteriellen und desinfizierenden Behandlung von allem, mit dem wir körperlich Kontakt haben.
(dgk) Ein Blick in ein Supermarktregal weist uns den Trend: Von antibakteriellen Putz- und Spülmitteln bis hin zur antibakteriellen Zahncreme ist alles zu haben.
"Hygiene im Haushalt und für unterwegs, desinfizierend, beseitigt Bakterien, Pilze und spezielle Viren, für Haut und Oberflächen" – mit diesen und ähnlichen Slogans werben Produkte für die Sauberkeit. Und besonders Frauen legen anscheinend großen Wert auf Hygiene. Was die putz- und waschwütige Frau nicht bedenkt: Übertriebene Hygienemethoden behindern entscheidende Lernschritte, die unser Immunsystem braucht, um gestärkt zu werden.
Professor Dr. Eiko Petersen, Leiter der Abteilung für Infektiologie der Universitäts-Frauenklinik Freiburg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Sektion Frauengesundheit im Deutschen Grünen Kreuz e.V., weist darauf hin, dass die Angst vor Mikroorganismen weit verbreitet ist und zu völlig unnötigen und oftmals sogar krankmachenden "Hygienemaßnahmen" führt.
"Viele Menschen benutzen Desinfektionsmittel für die Wäsche und zum Putzen", so Petersen. Dies sei ebenso wie eine übertriebene Genitalhygiene oder die häufige Anwendung von Salben, die zu Ekzemen führt, völlig überflüssig. "Sehr verbreitet ist die Pilz-Phobie. Die Angst vor Mikroorganismen nimmt vielen Frauen die Lebensfreude, dabei gibt es nur wenige Erreger, vor denen man Angst haben muss."
Unsere Haut ist besiedelt von einem ganzen Mikrokosmos von Bakterien. Diese haben sich optimal an die Bedingungen angepasst und leben von Talg und Schweiß, den wir ständig absondern. Auf trockenen Hautpartien leben etwa 1.000 Bakterien pro Quadratzentimeter, auf feuchten leicht tausend bis zehntausend Mal mehr. Diese Keime, unsere so genannte Hautflora, sind nicht nur harmlose Nutznießer, sondern schützen vielmehr vor Infektionen, indem sie mögliche Angriffspunkte für Krankheitskeime blockieren. Das sensible Gleichgewicht unserer Haut- und Schleimhautflora wird durch übertriebene Hygiene leicht gestört.
Die regelmäßige Körperreinigung gehört zu den wichtigsten Hygienemaßnahmen. Allerdings wird in kaum einem Bereich derart übertrieben wie in dem der Körperpflege. Mittlerweile ist es normal geworden, sich täglich zu duschen oder zu baden. Allerdings kann ein Zuviel den natürlichen Schutz der Haut beeinträchtigen. Zu häufiges Duschen, Baden und Waschen entzieht ihr dabei Fett und Feuchtigkeit. Der wichtige Säureschutzmantel der Haut und die Hautflora werden zerstört. Oft ist dies die Ursache von Hautkrankheiten. Dermatologen bestätigen, dass diese in den vergangenen Jahren zugenommen haben und führen das auch auf häufiges Waschen mit ungeeigneten Mitteln zurück.
Bei normaler Verschmutzung reicht Duschen mit einfachem Wasser. Bei der täglichen Körperreinigung muss nicht der ganze Körper eingeseift werden. Eine gründliche Reinigung der "Tropenregionen" des Körpers, wie Achselhöhlen, Intimbereich und Füße, wo feuchtwarmes Klima herrscht, ist in den meisten Fällen ausreichend, da sich dort besonders viele Schweißdrüsen befinden. Waschen mit Seife entfernt 90 bis 95 Prozent der oberflächlichen Mikroorganismen. Daher sollte mit Seife sparsam umgegangen werden, Syndets oder milde Duschbäder gehen zudem schonender mit dem Säureschutzmantel um als Seifen. Produkten ohne oder mit möglichst wenigen Zusätzen von Parfümen und Duftstoffen sollte der Vorzug gegeben werden. Körperpflegeprodukte wie Enthaarungsmittel oder andere Chemikalien können aggressiv sein. Oft reagiert die Haut erst Jahre später auf diese Stoffe empfindlich.
Professor Petersen empfiehlt: "Ganz wichtig ist Fetten, beispielsweise mit speziell für den Intimbereich entwickelten Pflegecremes. Das beugt Schäden vor und normalisiert empfindliche Hautzonen". Die Behandlung mit Vaseline oder Melkfett sei zwar wirksam, aber diese Präparate hinterließen ein fettiges und leicht klebriges Gefühl auf der Haut.
Hausfrauen verfügen heutzutage über ein ganzes Waffenarsenal gegen Schmutz und Bakterien. Die Spanne reicht vom Allzweckreiniger bis zum hin zum Spezialbakterienkiller. Dabei genügen für einen normalen Hausputz harmlose und wirksame Reiniger wie Essig, Spülmittel und/oder Neutralseife völlig. Vor allem antibakterielle Produkte wirken nicht besser als herkömmliche Reiniger. Untersuchungen haben ergeben, dass sie Bakterien gar nicht oder nur für kurze Zeit verschwinden lassen. Stattdessen fördern sie aber die Entstehung von Allergien, schwächen das menschliche Immunsystem und belasten außerdem die Umwelt.
Das gilt erst recht für Desinfektionsmittel. Desinfektionsmaßnahmen im Bad- und Sanitärbereich sind nicht nur überflüssig, sondern sogar schädlich. Eine Desinfektion im Haushalt ist vergleichbar mit dem Einsatz von Insektiziden, Pestiziden und Fungiziden in der Landwirtschaft. Desinfektionsmittel vernichten vielmehr die für unser Leben nützlichen Mikroorganismen, führen zu Resistenzen bei krankheitsverursachenden Bakterien und können damit das menschliche Immunsystem schwächen, da es ohne Bakterien nicht ausreichend stimuliert wird.
Viele desinfizierende Mittel enthalten zudem Stoffe, die dem Menschen gefährlich werden können: Triclosan zum Beispiel kann über die Haut aufgenommen werden und in den Entgiftungsstoffwechsel der Leber eingreifen. Benzalkoniumchlorid, ein desinfizierender Zusatzstoff, gilt als allergieauslösend. Aus Natriumhypochlorid, einer Substanz die in vielen Reinigern zu finden ist, wird Chlor freigesetzt. Das wiederum kann Haut und Schleimhäute reizen.
Nur in Ausnahmefällen (z.B. bei ansteckenden Magen-Darm-Erkrankungen) sollte der eventuelle Einsatz von Desinfektionsmitteln mit dem Gesundheitsamt oder dem Hausarzt besprochen werden.
Zuviel Sauberkeit im Haushalt kann also sogar krank machen. Und: Auf der heimischen Toilette ist die Angst vor Ansteckungen unbegründet, denn Krankheitserreger gehen außerhalb des Körpers schnell zugrunde. Essigreiniger oder Zitronensäure zur Badreinigung genügen vollkommen, um ein Frischegefühl ins Örtchen zu zaubern. Auch die Umwelt wird uns den zurückhaltenden Einsatz aggressiver Putzmittel danken.
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