26. Mai 2008
(dgk) Ältere Menschen schlucken häufig zu viele Medikamente. Für nicht wenige besteht dabei ein Risiko für ihre Gesundheit, denn vielfach werden die möglichen, zum Teil noch unbekannten Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Präparaten nicht berücksichtigt. Hinzu kommt, dass einige der Mittel sogar unnötig oder ungeeignet sein können.

Senioren bekommen oft zu viele unnötige Medikamente verschrieben
Verschiedene neuere Studien bestätigen diese Fakten. So untersuchte eine Forschergruppe der Medizinischen Hochschule Hannover um Peter Mand bei insgesamt über 70.000 Patientinnen und Patienten aus 47 deutschen Praxen, wie oft sie mehrere verschiedene Medikamente pro Tag einnahmen. Ergebnis: Über die Hälfte der 75- bis 84-Jährigen schluckte mehr als acht verschiedene Arzneimittel am Tag! In manchen Seniorenhaushalten finden sich wahre Berge von Tablettenschachteln, Pillen und Tropfen.
Auch Anne Spinewine vom Centre for Clinical Pharmacy an der Université catholique de Louvain in Brüssel beklagte in zwei Artikeln in der Fachzeitschrift "The Lancet", dass älteren Menschen zu oft und zu viele Medikamente verordnet würden. Eine europäische Studie an 1.600 älteren Patienten habe ergeben, dass bei fast der Hälfte von ihnen mindestens eine Medikamenten-Wechselwirkung auftrat – bei einem Zehntel davon sogar mit ernsthaften Folgen.
Dabei sind an dem riskanten Medikamenten-Mix nicht immer Ärzte und Apotheker schuld: Laut Spinewine habe eine europäische Erhebung gezeigt, dass 37 Prozent der untersuchten Patienten Medikamente entgegen der ärztlichen Verordnung falsch und 6 Prozent sogar Medikamente ohne Wissen des Arztes einnahmen.
Experten warnen grundsätzlich vor einer übertrieben hohen Zahl an Medikamenten: Je mehr verschiedene Arzneien ein Patient einnehme, desto öfter können ungünstige Wechselwirkungen auftreten, zumal ältere Menschen Medikamente teilweise anders verstoffwechseln als jüngere. Fachleute schätzen, dass mindestens 10 bis 15 Prozent der Klinikseinweisungen älterer Menschen auf Medikamentengebrauch und dadurch bedingte Nebenwirkungen zurückgehen. Eine der Ursachen dafür liege darin, dass alte Menschen kaum in klinische Studien für Arzneimittel einbezogen würden, bei denen Wirksamkeit und Unbedenklichkeit getestet werden. Die meisten Substanzen seien nur bis zum Alter von 65 Jahren gut untersucht. Oft konsultieren die Patienten zudem mehrere Ärzte, die von den Verordnungen ihrer Kollegen gar nichts wissen.
Älteren Menschen rät Apothekerin Irene von Majewski vom Deutschen Grünen Kreuz e.V. daher, eine vollständige Liste aller von Hausarzt und Fachärzten verschriebenen Medikamenten sowie sonstiger verwendeter frei erworbener Präparate zu erstellen und diese auch immer zu aktualisieren. Diese Aufstellung sollte bei jedem Arzt- und Apothekenbesuch – am besten auch sonst – mitgeführt werden. Auf keinen Fall dürften verordnete Arzneimittel, auch wenn es noch so viele sind, eigenmächtig abgesetzt oder die Dosierung geändert werden. Zusätzliche Mittel aus Drogerie oder Versandhandel sollten nicht ohne Rücksprache mit Arzt oder Apotheker angewendet werden.
Quellen:
Medical Tribune, Ausgabe 45, 2007: Zu viele Pillen für Senioren, www.medical-tribune.de/
The Lancet, 13.07.2007, Bessere Verschreibungspraxis bei älteren Menschen notwendig, http://www.thelancet.de/ (Zusammenfassung der Beiträge von Anne Spinewine zu dem Thema in The Lancet - Vol. 370, Issue 9582, 14 July 2007, Seiten 173-184 und Seiten 185-191)
DIE ZEIT, Ausgabe 51, 2007, Vorsicht Überdosis, www.zeit.de/
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