Medikamentenabhängigkeit - Ursachen, Symptome und Behandlung

Die Medikamentenabhängigkeit kann verschiedene Ursachen haben. Wie die Krankheit verläuft, hängt von der Einsicht des Patienten ab. Die Medikamentenabhängigkeit äußert sich durch verschiedene Symptome. Die Diagnose stellt – je nach Art des Medikamentes - der Haus- oder Facharzt.

Die Entstehung einer Medikamentenabhängigkeit und wie man die Arzneimittelsucht erkennen und behandeln kann

Krankheitsbild

Der schnelle Griff zur Kopfschmerztablette im Büro, eine Beruhigungstablette in Extremsituationen oder ein Schlafmittel bei Einschlafproblemen gehören schon lange zum Alltag, und fast jeder hat eine Auswahl an Medikamenten zu Hause, um schnelle Hilfe zur Hand zu haben. Wer Medikamente gezielt und überlegt einnimmt, ist auch bei regelmäßiger Einnahme nicht unbedingt tablettensüchtig.

Doch die Grenze ist fließend und immer mehr Menschen greifen vorbeugend zur Tablette und benötigen immer größere Mengen in immer kürzeren Abständen, um eine Wirkung zu spüren. Zu den Arzneimittelgruppen, die ein Abhängigkeitspotenzial aufweisen, zählen

  • Benzodiazepine
  • Barbiturate
  • Opiate und Opioide
  • Stimulanzien
  • Kopfschmerz- und Migränemittel
  • nicht-verschreibungspflichtige Hypnotika
  • Abführmittel
  • Entwässerungsmittel
  • vasokonstriktorische Rhinologika
  • alkoholhaltige Arzneimittel

Natürlich ist nicht jeder, der Tabletten einnimmt gleich süchtig, doch die Grenze ist sehr verschwommen und so bekommt selbst das nächste Umfeld oft Jahre lang nichts von einer Tablettensucht mit. Tablettensucht kommt in allen Bevölkerungsschichten vor, auch wenn des Öfteren von einer Oberschichtsucht die Rede ist.

Viele Betroffene schlittern unbewusst in die Tablettensucht und sind sich oft lange Zeit selbst nicht im Klaren darüber, dass sie von den Medikamenten längst abhängig sind. Die Beschaffung der Tabletten ist für die Betroffenen sehr einfach, da viele Medikamente frei verkäuflich in der Apotheke zur Verfügung stehen; mit der Zeit gewöhnen sich Abhängige an, mehrere Apotheken zu nutzen, um Nachfragen durch den Apotheker zu vermeiden.

Verbreitung

Die Medikamentenabhängigkeit stellt neben der Alkoholabhängigkeit eine sehr weit verbreitete Sucht dar. Schätzungen zufolge leiden ca. 1,5 bis 1,9 Millionen Bundesbürger an einer Tablettensucht und sind sich dieser Tatsache oft selbst nicht bewusst. Während früher häufig Frauen unter einer Tablettensucht litten, sind heute auch immer mehr Männer betroffen und auch Altersgrenzen gibt es kaum.

Mit zunehmenden Alter wird der Anteil der Tablettenabhängigen jedoch höher, da hier aus gesundheitlichen Gründen häufig ein regelmäßiger Tablettenkonsum schon vorgegeben ist und auch die Einnahme von Schmerz-, Beruhigungs- und Schlafmitteln steigt. Gerade im Alter wird der zusätzliche Tablettenkonsum gerne übersehen und so sind sich Betroffene selten bewusst, dass sie oft schon Jahre unter der Abhängigkeit leiden, denn Gründe für die Einnahme von Tabletten gibt es aus der Sicht der Betroffenen immer.

Ursachen

Bevor die Patienten medikamentenabhängig werden, steht meist ein psychisches oder körperliches Problem im Vordergrund, das durch die Einnahme eines Medikamentes gebessert werden soll. Teilweise besorgen sich die Betroffenen dieses Medikament rezeptfrei in der Apotheke, teilweise wird es auch vom Arzt verordnet.

Die Patienten nehmen das Medikament ein und bemerken häufig eine Besserung ihrer Beschwerden. Wird das Medikament nun lange Zeit eingenommen, gewöhnt sich der Körper in gewissem Maße an die Inhaltsstoffe und benötigt schließlich eine höhere Dosis davon, damit die gleiche Wirkung erzielt wird.

Viele Patienten, die abhängig von Medikamenten sind, haben das Medikament ursprünglich zur Behandlung von Schlafstörungen oder Schmerzzuständen eingenommen. Besonders Patienten mit chronischen Schmerzen benötigen derartige Medikamente auf lange Zeit hinweg. Der Körper gewöhnt sich somit an die im Medikament enthaltenen Substanzen und benötigt nach einiger Zeit eine höhere Dosis, bis die Schmerzfreiheit erreicht wird.

Risikofaktoren

Menschen können aus ganz unterschiedlichen Gründen abhängig von einem Medikament werden. Häufig spielen beispielsweise Probleme im Beruf oder Privatbereich eine Rolle. Es kommt nicht selten zu großem Stress, der wiederum zu depressiven Verstimmungen sowie Schlafstörungen führen kann. Betroffene probieren, diese Situation mit entsprechenden Mitteln zu bekämpfen.

Wie bei allen Suchtkrankheiten ist auch bei der Tablettensucht oft eine persönliche Überforderung die Grundlage, damit es überhaupt zur Sucht kommt. Der psychische und psychosoziale Aspekt ist bei einer Tablettensucht nicht zu vernachlässigen, denn wie bei jeder Sucht, ist auch die Tablettensucht ein Hilfsmittel, den Alltag zu bewältigen und den Anforderungen des Umfelds stand zu halten.

Auch das zunehmende Alter gilt als Risikofaktor. Ältere Menschen nehmen mitunter mehrere Mittel gleichzeitig ein; auch hier kann es im Laufe der Zeit zur Abhängigkeit kommen.

Verlauf

Patienten, die medikamentenabhängig sind, benötigen in der Regel immer ärztliche Hilfe für den Entzug. Nur ein äußerst geringer Prozentsatz schafft den Entzug ohne ärztliche Behandlung.

Für die Patienten ist es äußerst schwierig festzustellen, dass durch die Einnahme der Medikamente ihre Situation zwar kurzzeitig gelindert, nicht jedoch dauerhaft verbessert wird. Spätestens wenn die Wirkung des Medikamentes nachlässt, verspüren die Patienten auch die Symptome wieder.

Die Patienten empfinden die Beschwerden dann oftmals als noch schlimmer und nehmen noch mehr Medikamente ein. Es entsteht daraus ein Teufelskreis.

Symptome

Eine Abhängigkeit kann nach den verschiedensten Medikamenten bestehen. Dazu gehören

und viele weitere. Dabei entstehen sowohl psychische als auch körperliche Symptome. Im Verlauf ihrer Abhängigkeit müssen die Betroffenen die Medikamentendosis immer weiter erhöhen, um die gleiche Wirkung zu erzielen. Folge einer Medikamentenabhängigkeit sind häufig Erkrankungen der inneren Organe.

Durch ihre Abhängigkeit wirken die Patienten abwesend und stellen häufig eine Gefahr im Straßenverkehr dar, da sie sich nicht mehr richtig konzentrieren können. Auch das Reaktionsvermögen ist durch die Medikamentenabhängigkeit verlangsamt.

Die dauerhafte Einnahme von Medikamenten kann auch dazu führen, dass sich die Muskeln unkontrolliert entspannen. Folge davon ist, dass der Patient stürzt.

Patienten entwickeln verschiedene Symptome, wenn sie abhängig von Medikamenten sind. Dies sind zum Beispiel Wesensveränderungen und Krampfanfälle.

Den Patienten ist übel und sie haben häufig Wahnvorstellungen. Viele Patienten entwickeln auch eine ungewöhnliche Gleichgültigkeit.

Die meisten dieser Symptome treten dann auf, wenn der Patient das Medikament nicht oder zu spät einnimmt. Der Körper entwickelt dann Entzugssymptome.

Vielen Patienten ist nicht bewusst, dass sie abhängig von Medikamenten sind. Auch die Angehörigen merken lange Zeit nichts davon, wenn die Betroffenen regelmäßig die benötigte Dosis des Medikamentes einnehmen können.

Diagnose

Bis die Diagnose Medikamentenabhängigkeit gestellt wird, vergeht daher meist lange Zeit. Der Arzt muss sich ein umfassendes Bild über seinen Patienten machen können.

In einigen Fällen fällt dem Hausarzt eine Medikamentenabhängigkeit auf, wenn sich ein Patient in regelmäßigen Abständen Unmengen an bestimmten Medikamenten verordnen lässt. Der Arzt untersucht den Patienten körperlich und kann dabei häufige Blutergüsse feststellen, die durch die unkontrollierten Stürze entstanden sind. Häufig kann auch eine bereits verheilte Wunde auf der Zunge entdeckt werden, die durch einen Krampfanfall entstanden ist.

Oft wird die Diagnose Medikamentenabhängigkeit erst dann gestellt, wenn ein Patient Entzugssymptome zeigt. Er zittert dann am ganzen Körper, schwitzt stark, hat einen Krampfanfall etc.

In jedem Fall untersucht der Arzt auch Blut und Urin des Patienten. In der Regel kann man die Medikamentenabhängigkeit durch eine Urinuntersuchung bestätigen, da die Inhaltsstoffe der Medikamente zum Teil mit dem Urin wieder ausgeschieden werden.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert eine Medikamentenabhängigkeit mit verschiedenen Kriterien; mindestens drei davon müssen im Laufe des vergangenen Jahres erfüllt worden sein:

  • der Patient hat einen starken Wunsch/Zwang, das Mittel zu konsumieren
  • der Patient kann weder Einnahmebeginn, noch -menge, noch -ende kontrollieren
  • der Patient leidet unter körperlichen Entzugssymptomen
  • der Patient benötigt eine immer größere Menge, um eine Wirkung zu erzielen
  • der Patient nimmt einen hohen Zeitaufwand in Kauf, um das Mittel zu besorgen oder sich von den Folgen der Einnahme zu erholen; andere Interessen werden vernachlässigt
  • der Patient setzt den Konsum trotz Folgeschäden fort

Behandlung

Zu Beginn der Behandlung sollte der Patient einsichtig sein; dies erleichtert die Behandlung enorm. Die Therapie einer Medikamentenabhängigkeit dauert meist lange Zeit und findet häufig in einem Krankenhaus statt.

Handelt es sich nur um eine leichte Abhängigkeit, kann der Entzug in einigen Fällen auch ambulant durchgeführt werden. Schwere Entzugssymptome werden jedoch in der Regel unter stationärer Beobachtung behandelt.

Entzug

Zu Beginn der Behandlung steht der körperliche Entzug von dem Medikament. Das Absetzen des Wirkstoffes wird in der Regel langsam durchgeführt; Schritt für Schritt wird die Dosierung reduziert.

Es hat sich gezeigt, dass ein abruptes Absetzen und eine plötzliche Umstellung auf ein anderes Medikament kontraproduktiv ist, denn auf diese Weise schaffen es die wenigsten Patienten, auf das ursprüngliche Mittel zu verzichten. Außerdem fallen so auch die Entzugserscheinungen stärker aus. AUch diese werden natürlich von den Ärzten behandelt.

Behandlung in der Entwöhnungsphase

Im Anschluss erfolgt eine mehrwöchige oder mehrmonatige Weiterbehandlung, teilweise ambulant, teilweise ebenfalls stationär. In der so genannten Entwöhnungsphase müssen die Patienten lernen, auch ohne die Medikamenteneinnahme zurecht zu kommen.

Den Betroffenen werden beispielsweise alternative Beruhigungsmethoden aufgezeigt, die sie sich unter professioneller Anleitung aneignen können. Des Weiteren spielen

eine Rolle. Auch die Behandlung möglicher psychischer Begleiterkrankungen muss angegangen werden. Dazu erhalten die Patienten psychotherapeutische Therapien, oft auch in Form einer Gruppentherapie. Die Angst, ohne das Medikament nicht klar zu kommen, wird in speziellen Trainings zur Angstbewältigung abgebaut.

Viele Patienten schließen sich auch einer Selbsthilfegruppe an. Hier erhalten sie Kontakt zu Gleichgesinnten und können sich gegenseitig stärken, nicht wieder rückfällig zu werden.

Vorbeugung

Jeder, der regelmäßig Medikamente einnimmt, sollte sich bewusst darüber sein, dass Medikamente abhängig machen können. Medikamente sollten daher nur solange eingenommen werden, wie sie auch wirklich zwingend benötigt werden.

Wer bemerkt, dass er Entzugssymptome entwickelt, wenn er die Einnahme einmal vergessen hat, sollte dies sofort ärztlich abklären lassen. Je früher ein Entzug durchgeführt wird, desto einfacher wird dieser für den Patienten.

Quellen:

  • Reinhard Strametz: Grundwissen Medizin: für Nichtmediziner in Studium und Praxis, UTB GmbH, 2017, ISBN 3825248860
  • Stefan Gesenhues, Anne Gesenhues, Birgitta Weltermann: Praxisleitfaden Allgemeinmedizin: Mit Zugang zur Medizinwelt (Klinikleitfaden), Urban & Fischer Verlag/Elsevier GmbH, 2017, ISBN 3437224476
  • Uwe Beise, Uwe Beise, Werner Schwarz: Gesundheits- und Krankheitslehre: Lehrbuch für die Gesundheits-, Kranken- und Altenpflege, Springer Medizin Verlag, 2013, ISBN 9783642369834
  • Susanne Andreae, Peter Avelini, Peter Avelini, Martin Hoffmann, Christine Grützner: Medizinwissen von A-Z: Das Lexikon der 1000 wichtigsten Krankheiten und Untersuchungen, MVS Medizinverlage Stuttgart, 2008, ISBN 3830434545
  • Susanne Andreae, Peter Avelini, Melanie Berg, Ingo Blank, Annelie Burk: Lexikon der Krankheiten und Untersuchungen, Thieme Verlagsgruppe, 2008, ISBN 9783131429629
  • Frank H. Netter: Netter's Innere Medizin, Thieme Verlagsgruppe, 2000, ISBN 3131239611
  • Gerd Herold: Innere Medizin 2019, Herold, 2018, ISBN 398146608X
  • Gerd Herold: Innere Medizin 2020, Herold, 2019, ISBN 3981466098
  • Malte Ludwig: Repetitorium für die Facharztprüfung Innere Medizin: Mit Zugang zur Medizinwelt, Urban & Fischer Verlag/Elsevier GmbH, 2017, ISBN 3437233165

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