15. Oktober 2010
Von Andreas Hadel
Selbstbeherrschung und Selbstkontrolle. Begriffe wie diese deuten auf eine zutiefst individuelle Eigenschaft hin, die im ersten Moment nur wenig von aussen beeinflussbar zu sein scheinen. Tatsächlich hängt das Maß der eigenen Selbstkontrolle stärker vom sozialen Umfeld ab, als bisher vermutet. Das konntet amerikanische Forscher jetzt in einem Experiment nachweisen.
Die Wissenschaftler von der Universität in Georgia kamen zu der Erkenntnis, dass das Verhalten unserer Freunde eine direkte Wirkung auf unsere Selbstkontrolle hat. Bisher ging man davon aus, dass wir uns mit Menschen umgeben, die uns charakterlich nahe kommen. Haben wir also viele Freunde, die einen starke Selbstkontrolle haben und nie im Restaurant den Verlockungen der Dessert-Karte nachgeben, dann müssen wir selbst offenbar auch eine solche Persönlichkeit mit hoher Selbstbeherrschung sein. Die Studie der Amerikaner zeigte jedoch, dass auch die andere Richtung funktioniert. D.h. wenn wir von Freunden umgeben sind, die sich gehen lassen, sinkt unsere Bereitschaft zur Selbstkontrolle.
Um ganz sicher zu gehen, bedienten sich die Wissenschaftler unterschiedlicher Experimente. Eines davon konfrontierte 71 Teilnehmer mit zwei Tellern. Ein Teller war gefüllt mit geschnittenen Möhren. Der andere war mit frisch gebackenen Keksen bestückt. Die Probanden bekamen entweder jemanden zu sehen, der die Möhren ass oder jemanden, der sich an den Keksen bediente. Anschließend mussten die Teilnehmer Selbstbeherrschungstests absolvieren. Diejenigen, die einem Keksesser zugesehen haben, schnitten dabei schlechter ab, als die Personen, die einen Möhrengeniesser beobachtet hatten.
In einem anderen Experiment wurde von 36 Teilnehmern verlangt, an einen Freund zu denken, der ihrer Meinung nach über eine hohe oder niedriger Selbstkontrolle verfüge. Dabei mussten sie gleichzeitig einen Test absolvieren, der ihre Handkraft maß. Wenn die Personen an jemanden dachten, der für seine Selbstbeherrschung bekannt ist, erzielten sie höhere Handkraftwerte.
Auch andere Experimente, die ähnlich aufgebaut waren, bei denen der Name eines Freundes mit starker oder schwacher Selbstkontrolle gezeigt wurde, führten zu fast den gleichen Ergebnisses wie die vorangegangenen Testreihen.
Die Erkenntnis dieser Studie kann man in zweifacher Hinsicht für sich nutzen. Zum einen wissen wir nun mit Sicherheit, dass wir uns selbst zu einem gesünderen Verhalten bewegen können, wenn wir uns mit Menschen umgeben, die diese Zielstellung mit uns teilen. Daher sollten Sie zum Beispiel das Fitness-Studio nicht länger als einen Ort des einsamen vor sich hin Trainierens betrachten. Versuchen Sie sich zu sozialisieren. Knüpfen Sie Kontakte zu den Personen, die häufig zu den gleichen Tageszeiten wie Sie im Studio auftauchen und verbünden Sie sich gegen die lästigen Pfunde.
Die Studie zeigt uns aber auch, welche Verantwortung wir am Erfolg anderer Personen tragen. Wenn sich beispielsweise Ihr Ehepartner mit einer Diät abmüht, sollten Sie ihm oder ihr zu Liebe ebenfalls einen gesunden Speiseplan befolgen.
Die Autoren der Studie wiesen außerdem daraufhin, dass die gemachten Beobachtungen nicht nur im Falle einer Diät oder des Führens eines gesunden Lebensstils gelten. Sie treffen auch auf die Arbeitswelt zu, wenn es um Arbeitsethik und Kollegialität geht.
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