23. September 2005
Dass die fünfjährige Marie heute einigermaßen sprechen kann, grenzt für ihre Mutter an ein Wunder: Die Kleine kam mit einer hochgradigen Schwerhörigkeit zur Welt – aber erst im Alter von zweieinhalb Jahren wurde diese diagnostiziert. Die Sorge der Eltern darüber, dass ihre Tochter nicht richtig sprach, hatte der Kinderarzt zuvor lange Zeit zerstreut: Das Mädchen sei vielleicht ein bisschen 'spät dran', aber das würde sich schon geben.

EKE - Der Leiter der neonatologischen Intensivstation, untersucht einen vier Wochen alten Säugling
Maries Geschichte ist kein Einzelfall, wie Dariusz Michna, Leitender Arzt in der Klinik für Neonatologie, Kinder- und Jugendmedizin des Elisabeth-Krankenhauses Essen, weiß: "Jedes 1000ste gesundgeborene Kind und jedes 50ste Kind mit Risikofaktor – wie es beispielsweise eine Frühgeburt ist – kommt heute hochgradig schwerhörig oder gehörlos zur Welt. Daneben gibt es viele Kinder, die mittelgradige oder leichte Hörprobleme haben. Damit sind Störungen des Hörapparats die häufigste angeborene Erkrankung in der Bundesrepublik. Bei Kleinkindern wird dies allerdings häufig übersehen und erst im zweiten oder dritten Lebensjahr erkannt, wenn sie durch verzögerte Sprachentwicklung auffällig werden. Mittelgradige Hörstörungen werden oft sogar erst zu Beginn der Schulzeit entdeckt."
Gerade die ersten Lebensjahre sind eine sehr empfindsame Phase in der Entwicklung des menschlichen Gehirns. Eine geräuscharme oder gehörlose Zeit in diesem Lebensabschnitt kann daher folgenschwer für die Gesamtentwicklung eines Kindes sein. "Schon in den ersten Lebensmonaten sollten Töne über die Ohren an das Gehirn weitergeleitet werden. Nur so können die kindlichen Hörbahnen reifen. Das ist eine wesentliche Voraussetzung für gutes Hören", so Michna. "Von der Geburt bis etwa zum dritten Lebensjahr lernt das Gehirn, die gehörten Informationen zu verfeinern und auszuwerten. Dieses Erlernen des Hörens kann zu einem späteren Zeitpunkt nur unzureichend nachgeholt werden."
Kinder, die nichts hören, sind natürlich kaum in der Lage, sprechen zu lernen. Selbst wenn ein Kind nur mittelgradig schwerhörig ist, entwickelt sich seine Sprache nur eingeschränkt. Je später die Hörstörung erkannt wird, desto geringer ist und bleibt der Wortschatz und die Kommunikationsfähigkeit, denn Kinder erlernen die Grundlagen ihrer Muttersprache nur bis zum vierten Lebensjahr. Danach schließt sich das so genannte Sprachfenster für den Erwerb der ersten Sprache.
Der beeinträchtigte Spracherwerb erschwert dem Kind das Erlernen von abstrakten Begriffen und damit die Fähigkeit des abstrakten Denkens, was eine deutliche Intelligenzminderung zur Folge hat. Aber nicht nur kognitive Fähigkeiten, auch die soziale und emotionale Entwicklung eines Kindes kann durch das Nichthörenkönnen gestört werden. Reagiert ein Kind auf Ansprache nicht adäquat oder hört es die unterschiedliche Bedeutung des Tonfalls der Stimmen nicht, dann führt dies schnell zu Spannungen im Verhältnis zwischen Eltern und Kind. Daraus resultiert, dass hörgeschädigte Kinder oft emotional deprimiert und in ihrer sozialen Kompetenz und Kommunikation eingeschränkt sind.
Seit einigen Jahren gibt es die technischen Voraussetzungen, bereits das Gehör von Säuglingen zuverlässig zu testen. Ein generelles Hörscreening, wie beispielsweise in Österreich oder den USA, wird in der Bundesrepublik allerdings noch nicht durchgeführt. Da die Krankenkassen die Kosten für die Hörtests nicht tragen, bieten nur wenige Ärzte und Krankenhäuser ihren Patienten diesen Service. "Dabei könnte eine Vielzahl der Hörschädigungen durch ein universelles Neugeborenen-Hörscreening bereits einige Tage nach der Geburt festgestellt werden", sagt der Kinderarzt aus Essen. "Deshalb untersuchen wir in unserem Haus alle Neugeborenen auf eventuelle Hörfehler. Unser Ziel ist es, durch eine frühzeitige Diagnose Folgeschäden bei hörgeschädigten Kindern zu vermeiden. Ermöglicht wurde dieses generelle Hörscreening durch die finanzielle Unterstützung von Sponsoren."
"Der Hörtest ist für die Neugeborenen völlig unbelastend", informiert Michna. "Wir führen das Screening am zweiten oder dritten Lebenstag eines Säuglings durch. Das Kind merkt noch nicht einmal etwas davon, denn der Test wird gemacht, während es schläft. Bei der Untersuchung werden kleinste Geräusche, die im Innenohr erzeugt und über das Mittelohr nach außen geleitet werden, von einem sehr empfindlichen Mikrophon gemessen. Dabei wird die Funktion von Mittelohr und Innenohr erfasst – jenen Strukturen, in denen in der überwiegenden Zahl der Fälle die Ursache frühkindlicher Hörschäden liegt. Bei den Kindern, die den Test bestanden haben, gibt es keinerlei Verdacht auf ein Hörproblem. Kinder mit Auffälligkeiten werden zur weiteren Abklärung an Spezialisten überwiesen." Endgültige Aussagen über das Hörvermögen können bei diesen Säuglingen erst nach einer umfangreichen Untersuchung getroffen werden. Bestätigt sich der Verdacht auf eine Hörstörung, sollte diese noch im ersten Lebenshalbjahr behandelt werden. Durch die rechtzeitige Versorgung mit Hörgeräten oder mit dauerhaften Hörimplantaten und entsprechender Förderung erhalten Schwerhörige und Gehörlose die gleiche Entwicklungschance wie Normalhörende und Folgeschäden bleiben weitgehend aus.
Auch wenn beim Test des Neugeborenen-Hörscreenings keine Auffälligkeiten festgestellt wurden, sollten Eltern bei ihren heranwachsenden Kindern weiterhin darauf achten, ob sie richtig hören können. Denn viele Hörstörungen treten erst im Verlauf der Kindheit auf. "Die häufigste Ursache von Schwerhörigkeit im Kindesalter sind chronische Mittelohrentzündungen", erklärt Dariusz Michna. "Aber auch Kinderkrankheiten wie Masern, Keuchhusten und Mumps können eine Entzündung des Innenohrs mit nachfolgender Ertaubung verursachen. Wenn irgendwelche Zweifel an der Hörfähigkeit eines Kindes bestehen, sollte man auf jeden Fall das Gehör überprüfen lassen."
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