Geburt Artikel

Schmerzfreie Geburt - Wunsch oder Wirklichkeit?

Kinder machen ist nicht schwer, sie bekommen manchmal sehr!

Wer schon ein Kind bekommen hat, weiß, wovon die Rede ist. Für alle anderen: Stellen Sie sich einmal vor, Sie hätten Zahnschmerzen, nicht nur ein bisschen Zwicken, sondern richtig starke Schmerzen, das Gefühl, der ganze Kiefer ist betroffen und Sie können kaum noch geradeaus schauen. Gut. Jetzt multiplizieren sie dieses Schmerzgefühl mit zwei, dann können Sie in etwa erahnen, wie schmerzhaft Wehenschmerzen sein können. Und das häufig über einen langen Zeitraum. Denn, bis ein neuer Erdenbürger das Licht der Welt erblickt, können viele, viele Stunden vergehen. Eine abschreckende Vorstellung? Vielleicht, aber sie wird keine Frau davon abhalten, ein Kind zu bekommen. Doch eine Geburt muss nicht zu einem schmerzhaften oder traumatischen Erlebnis werden. Neben Schmerzmedikamenten gibt es unterschiedlichste Methoden und Maßnahmen zur Schmerzbewältigung, die beispielsweise schon vor der Geburt, in entsprechenden Kursen, erlernt und geübt und während der Geburt angewandt werden können.


EKE - 1.458 Babys erblickten allein im Jahr 2005 im Elisabeth-Krankenhaus Essen das Licht der Welt

"Eine Geburt wird immer von Schmerzen begleitet, wie die Wehen im wortwörtlichen Sinne bereits sagen, Gebären tut weh. Unter sehr starken Schmerzen leiden ca. 60 Prozent der Erstgebärenden und etwa die Hälfte der Frauen, die bereits ein Kind zur Welt gebracht haben", weiß Bernd Heyn, Oberarzt in der Klinik für Anästhesiologie, Operative Intensivmedizin und Schmerztherapie des Elisabeth-Krankenhauses Essen. "Dabei sind die Wehenschmerzen unter der Geburt individuell sehr unterschiedlich. Man kann kaum vorhersagen, zu welchem Schmerztyp eine Frau gehört oder wie die Geburtsschmerzen im Einzelnen empfunden und verarbeitet werden. Auch wie sich der Wehenschmerz tatsächlich anfühlt, lässt sich nur schwer erklären. Fakt ist jedoch, dass starke Wehenschmerzen angstauslösend sein können, mit der Folge, dass die Frauen verkrampfen und sich der Geburtsverlauf verzögert, was wiederum eine Gefahr für das Ungeborene bedeuten kann. Es entsteht ein Kreislauf, die Angst verstärkt die Schmerzen und die Schmerzen verzögern die Geburt. Eine gezielte Schmerzerleichterung entspannt und entkrampft die Gebärende und kann die Geburt erleichtern."

Entscheidungshilfe durch frühzeitige Information

Der normale Verlauf einer Geburt wird in zwei Phasen eingeteilt: Die Eröffnungsphase und die Austreibungsphase. Während der Eröffnungsphase verkürzt sich der Gebärmutterhals und der Muttermund weitet sich. Es kommt zum so genannten Dehnungsschmerz. "Die Schmerzen werden im Geburtsverlauf kontinuierlich, manchmal auch unregelmäßig stärker", erläutert der Anästhesist aus Essen. "Bis hin zur Austreibungsphase, in der die Frauen aktiv – durch Pressen – das Geburtsgeschehen beeinflussen können, sind sie mehr oder weniger zur Passivität gezwungen."


EKE - Halten Sie sich alle Möglichkeiten offen, um eine weitgehend schmerzfreie Geburt zu erleben

Da jede Frau unterschiedlich auf die Geburtssituation und Schmerzen reagiert, ist es sinnvoll, sich bereits vor der Geburt über mögliche schmerzlindernde Maßnahmen zu informieren. Wichtig ist, offen zu sein für alle Hilfen im Kreißsaal. Denn, es gibt keine Tapferkeitsmedaille für durchlittene Geburtsstunden. Manche Frauen kommen während der Wehen mit den Mitteln der alternativen Medizin bestens zurecht, andere sind von den Schmerzen überwältigt und es fällt ihnen schwer, den Wehenschmerz anzunehmen; sie benötigen Medikamente, um die Geburt entspannter zu durchleben. Es gibt verschiedene natürliche Methoden und Techniken, die schon in der Schwangerschaft erlernt werden können. "Wichtig zu wissen", so Heyn, "sie schalten den Schmerz nicht aus, helfen aber, die eigenen Kräfte zu mobilisieren und die Wehen anzunehmen und zu verarbeiten. Dazu gehören homöopathische Mittel genauso wie Akupunktur, Yoga, Atemtechniken, aber auch Musik. Wasser hat ebenfalls eine entspannende Wirkung. Einige Frauen können die Wehenschmerzen im warmen Wasser besser ertragen. Auch eine gezielte Kreuzbein-Massage während der Wehen durch die Geburtshelferin oder Begleitung können die Schmerzen erträglicher machen. Da viele Frauen sich während der Geburt ungern berühren lassen, sollte jede Frau situationsabhängig entscheiden, was ihr gut tut, was sie möchte und was nicht."

Wach trotz Narkose

Es bleibt jeder Frau letztendlich selbst überlassen, ob sie schmerzstillende Medikamente annimmt oder ablehnt. "Ich kann aus meiner langjährigen Erfahrung nur sagen, halten Sie sich alle Möglichkeiten der Schmerzbekämpfung offen. Denn, eine Analgesie – die Schmerzbekämpfung – kann sehr zum physischen und psychischen Wohlbefinden von Mutter und Kind und zum positiven Geburtsverlauf beitragen. Sie ist vor allem dann sinnvoll, wenn die Frauen sich verkrampfen, Angst haben, sich Sorgen um das Kind machen oder sich Komplikationen abzeichnen. Ziel einer Periduralanästhesie – PDA – ist es, Frau und Kind die Geburt zu erleichtern, die Schmerzen während der Eröffnungs- und Austreibungsphase zu reduzieren, ohne dabei den natürlichen Geburtsverlauf zu beeinflussen. Mit einem Spezialkatheter wird nach Bedarf eine Mischung aus Schmerz- und Betäubungsmittel in den Periduralraum im unteren Bereich der Wirbelsäule – nicht ins Rückenmark – eingeführt. Nach etwa 15 bis 20 Minuten werden die Wehen nur noch als Druck wahrgenommen, die Schmerzen sind (fast) verschwunden. Die Frau kann trotzdem aktiv an der Geburt mitwirken, sich aufrichten, sogar aufstehen. Das Kind wird nicht von den Medikamenten beeinflusst. Es gibt Situationen, in denen ein Kind nicht auf natürlichem Weg geboren werden kann und ein Kaiserschnitt notwendig ist, auch dann ist die Periduralanästhesie von Vorteil. Die Gebärende kann die Geburt schmerzfrei und bei vollem Bewusstsein miterleben und ihr Kind sofort sehen und in den Arm nehmen."

Die Periduralanästhesie ist aus keinem deutschen Kreißsaal mehr weg zu denken. Heute lassen etwa ein Drittel aller Frauen den Wehenschmerz mit dieser Methode weitgehend ausschalten, vor zehn Jahren waren es nur etwa zehn Prozent. Eine (fast) schmerzfreie Geburt ist also möglich. "Informieren Sie sich vorher gründlich über alle Methoden der Schmerzbekämpfung", rät Herr Heyn abschließend. "Und sprechen Sie über die Vorteile und Risiken einer PDA mit einem Anästhesisten. Legen Sie sich aber nicht auf eine bestimmte Methode fest, denn eine Geburt ist ein natürlicher Prozess und damit nicht planbar. Halten Sie sich daher alle Möglichkeiten offen, die Ihnen das Team im Kreißsaal bietet, um eine weitgehend schmerzfreie Geburt zu erleben." So vorbereitet kann die Geburt für Sie und Ihren Partner zu einem unvergesslichen Ereignis werden.

QUELLENANGABEN

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