13. Dezember 2007
Ob 'Spongebob Schwammkopf', 'Avatar' oder 'High School Musical': Immer mehr Kinder sitzen immer länger vor dem Fernseher. Das Gerät nimmt heute in vielen Haushalten und im Leben der Heranwachsenden einen festen Platz ein.
Gleichzeitig zeigen immer mehr Kinder bereits im Vorschulalter Auffälligkeiten in der Entwicklung. Und auch die Zahl der Kinder, die Schwierigkeiten in der Schule haben, nimmt deutlich zu. Es stellt sich die Frage: Steht der gestiegene kindliche Fernsehkonsum im Zusammenhang mit der wachsenden Zahl an Auffälligkeiten in Sprache, Motorik oder Konzentration?
Dr. Claudio Finetti ist Oberarzt im Sozialpädiatrischen Zentrum (SPZ) am Elisabeth-Krankenhaus Essen. Hier werden u.a. Kinder und Jugendliche mit Entwicklungs- und Verhaltensauffälligkeiten betreut. Dr. Finetti hat sich intensiv mit den Auswirkungen des Fernsehens beschäftigt. Für ihn steht fest, dass der zunehmende Konsum Einfluss auf die Entwicklung der Kinder hat: "Es ist heute wissenschaftlich belegt, dass beispielsweise der reduzierte Wortschatz und die kurzen Sätze der 'Teletubbies', die vor allem in den späten 1990-er Jahren durch das Programm hopsten, sich nicht gerade förderlich auf die Sprachentwicklung der kleinen Zuschauer ausgewirkt hat. Darüber hinaus haben viele weitere Forschungsergebnisse den negativen Einfluss des TV-Konsums auf die kindliche Entwicklung gezeigt." In einer Studie der Universität Helsinki beispielsweise wurden 321 Familien untersucht. Im Durchschnitt liefen die TV-Geräte hier 4,2 Stunden pro Tag. Vorschulkinder hatten eine aktive tägliche Fernsehzeit von 1,4 Stunden. Die gleiche Dauer waren sie dann noch einmal passiv Sendungen ausgesetzt, die sie selbst gar nicht sehen wollten. "Dabei konnte belegt werden, dass bei Kindern, die häufig Programme für Erwachsene konsumierten, besonders oft Schlafstörungen in Form von unregelmäßigem Rhythmus, niedriger Dauer und häufigem Aufwachen auftreten", so Dr. Finetti.
In einer siebenjährigen Studie an 1.300 Grundschulkindern in den USA wurde außerdem gezeigt, dass eine direkte Beziehung zwischen der Zeit, die ein- bis dreijährige Kinder fernsehen durften und ihrem späteren Verhalten in der Schule besteht. Je länger Kleinkinder täglich vor dem Fernseher sitzen, desto häufiger fallen sie in den ersten Schuljahren durch Unruhe und Konzentrationsstörungen auf. Auch das Risiko, eine Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) zu entwickeln, steigt. Der Studie zufolge wächst das Risiko mit jeder TV-Stunde pro Tag um zehn Prozent. Dr. Finetti: "Dass übermäßiger Fernsehkonsum zu Schulproblemen führen kann, wurde bereits mehrfach belegt. Heute gibt es jedoch Vermutungen, dass Schulleistungen sogar stärker vom TV-Konsum abhängig sind als vom sozialen Hintergrund einer Familie. Je früher Kinder regelmäßig vor der Glotze sitzen, umso schlechter sind die späteren Schulnoten und umso geringer die Chance auf einen höheren Schulabschluss. Bedenklich ist in diesem Zusammenhang, dass in Deutschland bereits fast jeder vierte Schulanfänger einen eigenen Fernseher hat. In den neuen Bundesländern ist die Quote übrigens besonders hoch."
Ein generelles Fernsehverbot für Kinder hält der Kinderarzt aus dem Essener SPZ dennoch nicht für sinnvoll: "Fernsehen hat natürlich nicht nur einen negativen Einfluss. Es macht Kindern Spaß und manchmal lernen sie tatsächlich auch etwas dabei. Eltern sollten aber auf jeden Fall auf die Dauer und auf den Inhalt der Sendungen achten, die sich ihre Kinder anschauen." Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat Empfehlungen für den Fernsehkonsum für die kleinen Zuschauer ausgesprochen. Danach sollten Kinder – jünger sind als zwei Jahre – am Tag maximal zwanzig Minuten fernsehen. Drei- bis Fünfjährigen kann eine halbe Stunde und Sechs- bis Neunjährigen eine Stunde erlaubt werden. "Neben solchen Richtwerten ist es für Eltern natürlich auch wichtig zu wissen, wie ihre Kinder das Fernsehen überhaupt erleben", so Finetti. "Kinder bis zum dritten Lebensjahr können die bewegten Bilder noch gar nicht als Ganzes erfassen. Sie erkennen bekannte Gegenstände wie ein Auto oder einen Ball, verstehen einzelne Wörter oder kurze Sätze – bringen die gesehenen Bilder und gehörten Worte aber nicht in Verbindung zueinander. Drei- bis Siebenjährige sind in der Lage, kurzen Handlungsabläufen von wenigen Minuten zu folgen. Aber auch harmlose Geschichten können sie noch verwirren oder ängstigen, da sie in diesem Entwicklungsstadium häufig noch Realität und Fantasie vermischen. Erst ab einem Alter von etwa zehn Jahren können Kinder Wirklichkeit und die Fiktion des TV-Geschehens voneinander unterscheiden. Und doch behält auch bei ihnen eine unwirkliche Fernsehgeschichte weiterhin die gleiche Wertigkeit wie die alltäglichen Erlebnisse."
Dr. Finetti rät, dass kleine Kinder niemals alleine fernsehen sollten: "Der Fernseher ist kein Ersatzbabysitter! Eltern müssen über das Programm und über Inhalte gesehener Sendungen mit ihren Kindern sprechen. Fragen, die zum Geschehen auf dem Bildschirm aufkommen, sollten möglichst sofort beantwortet werden. Auch darf das Programm von den Eltern ruhig kommentiert und Zustimmung oder Kritik zu den einzelnen Personen geäußert werden. So können Verzerrungen der Wirklichkeit oder Klischees – wie sie z.B. in der Werbung massenhaft vorkommen – zurechtgerückt werden. Wenn Kinder gelegentlich eine Sendung nacherzählen, schult das den aktiven Wortschatz und die Eltern erfahren so, wie die Kinder das Gesehene erleben. Stillsitzen beim Fernsehen muss nicht sein. Gerade Kleinkinder sollen sich ruhig bewegen. Spannungen lassen sich so abbauen." Mittlerweile gibt es auf vielen Sendern empfehlenswerte, kindgerechte Programme. Die Bundeszentrale für politische Bildung hat eine Liste mit Sendungen herausgegeben, die besonders geeignet sind: Für Vorschulkinder sind hier nach wie vor die 'Sesamstraße' und 'Die Sendung mit der Maus' zu nennen. Für Grundschulkinder sind aus dem breiten Spektrum an lehrreichen Wissenssendungen 'Willi will's wissen' oder 'Wissen macht Ah' hervorzuheben. Aber auch wenn es sich um durchaus empfehlenswerte Sendungen handelt, rät Dr. Finetti dringend davon ab, den Fernseher als Belohnung oder als Einschlafritual zu benutzen.
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