Stottern - Ursachen, Symptome und Behandlung

Stottern ist eine Sprachstörung, die sowohl Kinder als auch Erwachsene betreffen kann. Die Diagnose stellt meist der Kinderarzt. Stottern ist bei Kindern oft nur ein vorübergehendes Phänomen. Es kann sich um echtes Stottern, aber auch um sogenannte entwicklungsbedingte Unflüssigkeiten handeln. Behandlungsbedürftig sind die so genannten entwicklungsbedingten Unflüssigkeiten nicht. Eltern können ihrem Kind aber helfen, die Probleme beim Sprechen möglichst gut zu bewältigen. Je bewusster die Eltern sie in der Sprechentwicklung unterstützen, desto leichter können die Kinder ihren Sprechrhythmus finden.

Wie man Stottern erkennen kann und was Eltern tun können, um ihr Kind bei der Sprechentwicklung zu unterstützen

Krankheitsbild

Beim Stottern handelt es sich um einen gestörten Redefluss. Es kommt zu Unterbrechungen, bedingt durch Blockierungen oder Dehnungen, aber vor allem durch Wiederholungen von Silben, Lauten und Wörtern.

Meist beginnt das Stottern zwischen dem 3. und 6. Lebensjahr. Bei rund 70 Prozent der Betroffenen verschwindet das Problem von allein. Bleibt es jedoch längere Zeit bestehen, sollte es ärztlich abgeklärt werden.

Entwicklungsbedingte Unflüssigkeiten

Die Sprachentwicklung verläuft selten in gleichmäßigen Schritten. Fast alle Kinder haben Phasen während ihrer Sprachentwicklung, in denen sie Wörter wiederholen oder längere Pausen beim Sprechen machen, weil ihnen das richtige Wort noch nicht einfällt. Diese sogenannten physiologischen Unflüssigkeiten können durch einen gut ausgebildeten Fachmann (im Regelfall Logopäden) sicher vom echten Stottern unterschieden werden, sie haben keinen Krankheitswert.

Eine genetische Veranlagung für das echte Stottern ist als häufiger Faktor nachgewiesen, Stottern tritt aber auch in Familien auf, in denen bis jetzt niemand gestottert hat.

Damit sich das flüssige Sprechen verbessert, können Eltern ihre Kinder unterstützen. Mit falschen Reaktionen verstärken sie dagegen die Probleme.

Gute Prognose

Die Prognose bei den entwicklungsbedingten Unflüssigkeiten ist gut. Bei echtem Stottern werden viele der betroffenen Kinder mit Hilfe einer Therapie oder von selbst wieder flüssig, bis heute kann man nicht vorhersagen, bei welchen Kindern das Stottern bestehen bleibt und bei welchen es verschwindet. Ein Prozent der erwachsenen Bevölkerung stottert, das heißt, ca. jedes vierte stotternde Kind behält das Stottern. Eltern sollten möglichst frühzeitig abklären, ob bei ihrem Kind entwicklungsbedingte Unflüssigkeiten oder ein echtes Stottern vorliegen.

Als Orientierung gilt: spätestens wenn das Kind länger als ein halbes Jahr unflüssig spricht, ist ein Arztbesuch sinnvoll. Auch wenn sich die Symptome plötzlich verstärken oder das Kind bestimmte Wörter vermeidet, um nicht ins Stottern zu geraten, sollten Eltern einen Fachmann hinzuziehen.

Eine frühzeitige Beratung und Therapie erhöht die Chancen, dass die Störung wieder verschwindet oder zumindest leichter wird. Lässt sich das Stottern bis zur Pubertät nicht beheben, ist es wahrscheinlich, dass auch im Erwachsenenalter zumindest gelegentlich Probleme mit dem Redefluss auftreten.

Ursachen

Das Stottern kann erblich bedingt sein. In einigen Familien kommt das Stottern häufiger vor als in anderen, so dass die Sprechstörung vermutlich genetisch bedingt ist. Dabei wird nicht das Stottern selbst, sondern vielmehr die Veranlagung dazu weitergegeben.

Verlauf

Je früher das Stottern erkannt und behandelt wird, desto besser sind die Heilungschancen. Je älter ein Kind bei Therapiebeginn jedoch ist, desto geringer sind die Chancen auf vollständige Heilung. Eine Besserung ist in der Regel in jedem Alter möglich.

Symptome

Das Stottern tritt meist bereits im Kleinkindalter auf, wenn die Kinder das Sprechen lernen.

Man unterscheidet verschiedene Formen des Stotterns:

  • Wiederholungen: Laute, Silben oder Lautgruppen werden wiederholt: B- B- Banane, Ba- Ba-Banane
  • Dehnungen: Laute werden langgezogen: das Ffffffffoto
  • Blockierungen: Spannungsaufbau ohne gelingende Stimmgebung und Artikulation

Begleitsymptome

Zusätzlich zu den Problemen beim Sprechen können zahlreiche begleitende Symptome auftreten. Diese sind manchmal belastender als das Stottern an sich.

Oft entwickeln Stotternde folgende Symptome als Reaktion auf ihr Stottern:

  • Ein vermindertes Selbstwertgefühl
  • Angst, zu sprechen und Vermeiden von Sprechsituationen
  • Vermeiden von Lauten und Wörtern
  • Vermeiden von Blickkontakt
  • Anspannungen
  • Augenblinzeln, Arm- oder Kopfbewegungen, etc.
  • Erröten
  • Zittern
  • Herzrasen

Diagnose

Häufig fällt den Eltern das Stottern der Kinder selbst auf. Spätestens im Kindergarten machen oft die Erzieher die Eltern darauf aufmerksam.

Die Erst-Diagnostik erfolgt dann beim Kinderarzt oder auch beim Hals-Nasen-Ohren-Arzt, der an einen Logopäden zur genauen Diagnostik und Therapie weiterverweist.

Behandlung

Aufklärung der Eltern

An erster Stelle der Behandlung steht die Aufklärung der Eltern durch den Kinderarzt über die vorliegende Sprechstörung.

Was Eltern tun können

Eltern dürfen ihr Kind keinesfalls beim Sprechen unter Druck setzen.

Das Kind sollte immer aussprechen dürfen, egal, wie lange das dauert. Für die Kinder ist dies sehr wichtig und trägt zum Heilungserfolg bei.

Handelt es sich um echtes Stottern, wird der Kinderarzt eine Therapie beim Logopäden empfehlen.

Je nach Alter des Kindes und Art des Stotterns entwickelt der Logopäde ein individuelles Behandlungskonzept, das die Arbeit mit dem stotternden Kind, aber auch die Beratung und Unterstützung der Eltern und des Umfeldes beinhaltet, denn die Eltern können viel tun, um ihr Kind zu unterstützen. Die wichtigste Regel lautet: Ruhe bewahren und das Selbstvertrauen des Kindes stärken.

Aufmerksam abwarten

Stottern ist kein Zeichen von mangelnder Intelligenz, und unflüssiges Sprechen ist auch keine schlechte Angewohnheit. Trotz der Sprechschwierigkeiten ist die Ausdrucksfähigkeit oftmals überdurchschnittlich gut.

Mit Druck oder gar Kritik erreichen Eltern daher nichts. Auch gut gemeinte Hilfestellungen, etwa das Vorsagen von Wörtern oder die Aufforderung zum langsameren Sprechen, helfen dem Kind nicht. Sie lenken die Aufmerksamkeit des Kindes nur auf seine Ungeschicklichkeit und fördern so das Bewusstsein einer Störung.

Empfindsame Kinder reagieren auf Berichtigungen und Ratschläge mit steigernder Frustration. Sie fühlen sich hilflos und frustriert.

In der Folge meiden sie das Sprechen - und zementieren so die Sprechschwierigkeiten. Statt das Kind zu berichtigen oder zu unterbrechen, sollten Eltern sich Zeit nehmen und ruhig zuhören, bis das Kind ausgesprochen hat, auch wenn es etwas länger dauert.

Im hektischen Alltag mag das schwerfallen, insbesondere wenn noch Geschwister da sind, die ebenfalls Aufmerksamkeit von den Eltern fordern. In Familien ist es deshalb sinnvoll, klare Gesprächsregeln zu vereinbaren:

  • Jeder kommt mal an die Reihe!
  • Jeder darf ausreden!
  • Niemand wird wegen seiner Äußerungen gehänselt!

Langsam und präzise formulieren

Viele Eltern sind es gewohnt, schnell zu sprechen und komplizierte Sätze zu bilden. Kinder ahmen diesen Sprachstil nach - und scheitern daran.

Wenn ihr Kind sich beim Sprechen häufig verhaspelt, sollten Eltern darum ihre eigenen Sprachmuster anpassen: Machen Sie öfter Pausen zwischen den Sätzen und betonen Sie deutlicher. Formulieren Sie Ihre Fragen einfach und präzise. Warten Sie ab, bis Ihr Kind vollständig geantwortet hat.

Mit der Sprache spielen

Am einfachsten überwinden Kinder die Sprechschwierigkeiten, wenn Sprechen für sie mit positiven Emotionen verknüpft ist.

Logopäden geben Tipps, wie sich die Sprache fördern lässt:

  • Lustige Geschichten nacherzählen lassen
  • Gemeinsam singen
  • Kurze Gedichte aufsagen lassen
  • Mit Rollenspielen zum Sprechen anregen (Handpuppen, Kaufmannsladen, Ritter und Piraten)
  • Das Kind loben, wenn es etwas gut formuliert hat

Quizspiele oder andere Unternehmungen, bei denen es auf möglichst rasche Antworten ankommt, sind dagegen kontraproduktiv. Sie bauen unnötigen Druck auf und fördern die Ängste des Kindes, zu versagen.

Logopädische Behandlung

Die eigentliche Behandlung des Stotterns erfolgt beim Logopäden.

Die Therapie ist meist ein bis zweimal wöchentlich und dauert über mehrere Monate oder sogar Jahre an. Manche Aufgaben (Übungen, Experimente) müssen die Kinder auch zu Hause als "Hausaufgabe" bis zur nächsten Therapiesitzung üben.

Training von Sprechtechniken

Es gibt viele Sprechtechniken, um das Sprechen zu verflüssigen, die das stotternde Kind in der logopädischen Therapie lernen kann, der Aufbau von sicherem flüssigerem Sprechen und Selbstbewusstsein als Sprecher geht aber weit über die reine Vermittlung von Sprechtechniken hinaus.

Medikamentöse Behandlung

In seltensten Fällen werden den Kindern Medikamente zur Beruhigung und gegen ihre Angst verordnet. Diese helfen jedoch nur, die Angst zu minimieren, Einfluss auf das Sprechen haben die Medikamente nicht.

Vorbeugung

Da bei Stottern wie z.B. bei Linkshändigkeit die Veranlagung (vererbt oder nicht vererbt) eine entscheidende Rolle zu spielen scheint, ist eine Vorbeugung nicht möglich. Eine gute Unterstützung des stotternden Kindes und seiner Familie durch Ärzte und Therapeuten verbessert die Bewältigung der Sprechstötung im Regelfall jedoch sehr.

Quellen:

  • Reinhard Strametz: Grundwissen Medizin: für Nichtmediziner in Studium und Praxis, UTB GmbH, 2017, ISBN 3825248860
  • Stefan Gesenhues, Anne Gesenhues, Birgitta Weltermann: Praxisleitfaden Allgemeinmedizin: Mit Zugang zur Medizinwelt (Klinikleitfaden), Urban & Fischer Verlag/Elsevier GmbH, 2017, ISBN 3437224476
  • Uwe Beise, Uwe Beise, Werner Schwarz: Gesundheits- und Krankheitslehre: Lehrbuch für die Gesundheits-, Kranken- und Altenpflege, Springer Medizin Verlag, 2013, ISBN 9783642369834
  • Susanne Andreae, Peter Avelini, Peter Avelini, Martin Hoffmann, Christine Grützner: Medizinwissen von A-Z: Das Lexikon der 1000 wichtigsten Krankheiten und Untersuchungen, MVS Medizinverlage Stuttgart, 2008, ISBN 3830434545
  • Susanne Andreae, Peter Avelini, Melanie Berg, Ingo Blank, Annelie Burk: Lexikon der Krankheiten und Untersuchungen, Thieme Verlagsgruppe, 2008, ISBN 9783131429629
  • Frank H. Netter: Netter's Innere Medizin, Thieme Verlagsgruppe, 2000, ISBN 3131239611
  • Gerd Herold: Innere Medizin 2019, Herold, 2018, ISBN 398146608X
  • Gerd Herold: Innere Medizin 2020, Herold, 2019, ISBN 3981466098
  • Malte Ludwig: Repetitorium für die Facharztprüfung Innere Medizin: Mit Zugang zur Medizinwelt, Urban & Fischer Verlag/Elsevier GmbH, 2017, ISBN 3437233165

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