23. Oktober 2009
Bis zur Hälfte aller Jungen und bis zu einem Viertel der Mädchen machen in ihrer Kindheit eine Phase durch, in der sie mehr oder weniger häufig stottern. Zumeist handelt es sich dabei um das so genannte Entwicklungsstottern. Ursache: Die Fähigkeit zum flüssigen Sprechen entwickelt sich bei Kindern erst allmählich und bei vielen kann das Denken nicht immer mit dem Reden Schritt halten.
"Stottern beginnt bei über 90 Prozent der Kinder zwischen dem dritten und sechsten Lebensjahr", so Diplom-Logopäde Sebastian Bauer aus dem Sozialpädiatrischen Zentrum des Elisabeth-Krankenhauses Essen – einer Einrichtung der Contilia Gruppe. "Normales Entwicklungsstottern hält maximal ein halbes Jahr an und verschwindet dann in der Regel von allein. Handelt es sich dagegen um eine pathologische Sprachstörung, ist der Zeitraum, in der das Stottern auftritt, deutlich länger. Die Prognose ist aber auch in diesen Fällen recht gut: Die überwiegende Mehrheit der betroffenen Kinder verliert die Symptome spätestens bis zur Pubertät. Danach ist ein vollständiges Verschwinden der Störung allerdings unwahrscheinlich." Im Erwachsenenalter stottern etwa noch ein Prozent der Menschen. Bei vielen gibt es keine abschließende Antwort auf die Frage nach der Ursache. Da Stottern familiär gehäuft auftritt, geht man davon aus, dass es eine genetische Veranlagung gibt. Die Sprachstörung kann aber auch nach einem psychischen oder physischen Trauma oder infolge neurologischer Erkrankungen auftreten.
Beim Stottern sind Redefluss und Sprechrhythmus gestört. Das kann sich auf ganz unterschiedliche Weise äußern: Es kommt zu Unterbrechungen und Unflüssigkeiten im Sprechablauf – wie z.B. dem lautlosen Pressen von Anfangsbuchstaben und dem Langziehen einzelner Laute – oder zu Wiederholungen von Wörtern und Silben. "Beim Entwicklungsstottern wiederholt ein Kind häufig so lange bestimmte Worte oder Satzteile, bis ihm der Begriff, den es sucht, wieder eingefallen ist", erläutert Bauer. Bei Kindern mit Schwierigkeiten im Redefluss sollte möglichst frühzeitig erkannt werden, ob es sich um normales temporäres Entwicklungsstottern oder um eine pathologische Sprachstörung handelt, denn eine rechtzeitige Therapie erhöht die Chancen, dass das Kind sein Stottern gänzlich ablegt. "Es besteht kein Anlass zur Sorge, wenn Kinder etwa fünf Prozent der Wörter unflüssig sprechen – bei Aufregung ist sogar eine noch deutlich höhere Anzahl als normal anzusehen", erklärt Bauer. "Temporäres Entwicklungsstottern gilt nur dann als behandlungsbedürftig, wenn gleichzeitig eine Sprachentwicklungsstörung vorliegt. Ist das Sprechen allerdings länger als ein halbes Jahr unflüssig, sollten Eltern den Kinderarzt zu Rate ziehen. Auch wenn es zu einer deutlichen Steigerung der Symptome kommt, das Kind vermehrt Kraft fürs Sprechen aufwenden muss oder auffällige Körperbewegungen und unkontrollierte Atmung während des Redens auftreten, ist es wahrscheinlich, dass die Störung kein normaler Bestandteil der Sprachentwicklung ist. Eine Behandlung ist auch dann sinnvoll, wenn dem Kind bereits bewusst wird, dass es Probleme mit dem Sprechen hat und es im Alltag versucht, bestimmte schwierige Wörter zu vermeiden."
Geduld und keine Unterbrechungen
Ist eine Therapie notwendig, richtet sich das Behandlungskonzept individuell nach dem Alter sowie nach Art und Ausprägung des Stotterns. Die Beratung der Eltern durch den behandelnden Logopäden stellt immer einen wichtigen Teil der Therapie dar. Denn egal, ob es sich nun um ein Entwicklungsstottern oder eine pathologische Störung handelt, im Elternhaus kann viel getan werden, um ein Kind bei seiner Sprachentwicklung zu unterstützen. Bauer: "Die wichtige Vorraussetzung dafür ist, dass Eltern sich darüber im klaren sind, dass Stottern weder ein Anzeichen minderer Intelligenz noch eine schlechte Angewohnheit ist." Auch wenn ein Kind unflüssig spricht, sollten die Eltern ihm immer die Zeit lassen, das zu sagen, was es sagen möchte. "Natürlich ist es nicht ganz leicht, dauernd abzuwarten, bis ein stotterndes Kind die richtigen Worte gefunden hat", so Bauer. "Trotzdem sollten sie immer versuchen, nicht ungeduldig zu werden und das Kind damit unter Druck zu setzen. Unterbrechungen und Berichtigungen sind kontraproduktiv. Gut gemeinte Ratschläge wie 'Fang' noch mal von vorne an'‚ oder 'Überleg', bevor du sprichst’ bringen nichts. Falsch ist es auch, Wörter vorzusagen oder Sätze, bei denen das Kind Schwierigkeiten hat, einfach zu beenden. Es hilft dem ins Stocken geratenen Kind ebenfalls nicht, wenn Eltern sich abwenden und anderen Tätigkeiten nachgehen, bis das Kind die richtigen Worte gefunden hat." Auch wenn der Alltag oft hektisch ist: Das Kind braucht das Gefühl, dass es immer wieder Momente des Gesprächsaustauschs gibt, in denen es in Ruhe erzählen kann und nicht anders behandelt wird als andere Kinder. Gerade, wenn es Geschwister gibt, sind klare Gesprächsregeln in der Familie notwendig. Wichtig dabei: Den anderen ausreden lassen! Zuhören! Jeder darf mal sprechen! Eine Sprachstörung verstärkt sich, wenn der Stotternde gehänselt wird – aber auch, wenn man seinem Problem zu viel Aufmerksamkeit schenkt.
Freude an der Sprache
Eltern sind immer Vorbild für ihre Kinder – das gilt natürlich auch beim Sprechen. Kinder ahmen das Sprachmuster der Eltern nach. "Wird in der Familie sehr schnell gesprochen, versucht auch das Kind schnell zu reden und verhaspelt sich mit den Worten", erklärt Bauer. "Reden Eltern langsam, betonen deutlich und machen Pausen zwischen den Sätzen, wird es einfacher. Wenn sie Kindern Fragen stellen, ist es wichtig, diese möglichst präzise und einfach zu formulieren. Auch die Antwort sollten Erwachsene zunächst abwarten, bevor eine neue Frage gestellt wird. Mehrere Aufgaben auf einmal können überfordern und verunsichern. Hat das Kind mal einen schlechten Tag, ist es sinnvoll, darauf Rücksicht zu nehmen und nicht darauf zu drängen, dass es mehr sprechen soll."
Eltern können in erheblichem Maße dazu beitragen, dass ihr Kind Freude an der Sprache und am Reden entwickelt. Am Besten geht das bei gemeinsamen Unternehmungen, die dem Kind Spaß machen und bei denen es sich auch sprachlich ausprobieren kann. "Durch das Nacherzählen einer Geschichte bekommen Kinder Sicherheit und können ihr Selbstvertrauen stärken. Ganz wichtig für Eltern: Nicht das Loben vergessen, wenn etwas gut geklappt hat", rät der Logopäde aus Essen. "Durch rhythmische Verse, Lieder oder Singspiele bekommen Kinder ein Gefühl für den Sprech- und Atemrhythmus. Bei Rollenspielen – wie z.B. dem Kaufladenspiel oder dem Spielen mit Handpuppen – werden Kinder mit viel Fantasie zum Reden ermutigt. Sie gehen mit der Sprache dann zumeist sehr experimentierfreudig um. Ungeeignet sind Spiele, bei denen möglichst schnell Antworten gegeben werden müssen. Diese setzen Kinder mit Sprachschwierigkeiten unnötig unter Druck."
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