Waldorfschule - Unterrichtsprinzip und Tipps für oder gegen die Entscheidung

Bei der Waldorfschule handelt es sich um eine Schulform, die besonderen Wert darauf legt, dass der Nachwuchs seine Persönlichkeit frei entfalten kann. So verfolgt die Waldorfpädagogik nach Rudolf Steiner einen ganz speziellen Lehrplan, der bei vielen Eltern, die ihre Kinder auf eine staatliche Schule schicken, und auch Lehrern auf Kritik stößt. Informieren Sie sich über das Unterrichtsprinzip der Waldorfschule und lesen sie, was dafür oder dagegen spricht.

Wissenswertes rund um die Waldorfschule

Waldorfschule - Definition und Merkmale

Waldorfschulen werden auch als Rudolf-Steiner-Schulen oder hierzulande als Freie Waldorfschulen bezeichnet. Es handelt sich um staatlich anerkannte Ersatzschulen, die sich in freier Trägerschaft befinden.

Betrachtet man eine Waldorfschule von außen, so fühlt man sich an eine Art verwunschenes Märchendorf erinnert. Alles ist grün und bunt und sieht so gar nicht nach Schule aus. Auch innerhalb der heimeligen Klassenräume findet man nicht die typische Paukeratmosphäre.

Die Kinder und Jugendlichen werden hier ohne Druck und nach ihren eigenen Interessen unterrichtet. Sitzenbleiben und schlechte Noten gibt es bis zur achten Klassen überhaupt nicht.

Die Waldorfpädagogik beruht auf der gleichberechtigten Förderung unterschiedlicher Fähigkeitsbereiche; zu diesen zählen

  • die künstlerisch-kreativen
  • die intellektuell-kognitiven sowie
  • die handwerklich-praktischen

Bereiche. Sämtliche Unterrichtsbestandteile sollen künstlerische Merkmale aufweisen. Als Basis für diese Form des Lehrens gilt die Anthroposophie, eine spirituelle und esoterische Weltanschauung. Hierzu zählt auch die Ausgestaltung der Schulgebäude, in deren Klassenzimmer beispielsweise Naturfarben dominieren. Bezogen auf die anthroposophische Lehrweise zählen

  • Theateraufführungen
  • Monatsfeiern
  • Schülerkonzerte
  • Schulfeste
  • Gartenbau und
  • künstlerisch-praktischer Unterricht

zu den typischen Merkmalen der Waldorfschule.

Das Schulprogramm

Zuerst einmal sei angemerkt, dass sich die Waldorfpädagogik gegen jeglichen Selektionsdruck wehrt. Trotzdem soll die Waldorfschule einen Schüler genauso gut zum Beispiel auf das Abitur vorbereiten, wie ein normales Gymnasium.

Der Nachwuchs kann sich hier zwar frei entfalten; von Disziplin und Leistungsdenken fehlt jedoch jede Spur. Das mag manchem vielleicht paradiesisch vorkommen, doch wer Ambitionen auf einen staatlich anerkannten Schulabschluss hat, erlebt bald darauf sein blaues Wunder.

Die Waldorfschule wird nämlich generell nach 12 Schuljahren mit dem Waldorf-Abschluss verlassen. Um diesen Abschluss zu erlangen, muss der Schüler meist mehrere verschiedene Arbeiten anfertigen und an einer künstlerisch-kulturellen Studienfahrt teilnehmen. Noten sucht man im Zeugnis vergeblich, dafür gibt es eine umfassende schriftliche Bewertung des Schülers. Meist wird auf Wunsch ab der neunten Klasse bis zum Abschlusszeugnis zusätzlich ein Zeugnis mit Noten erstellt.

Das Schulprogramm der Waldorfschule basiert auf der Lehre der Anthroposophie
Das Schulprogramm der Waldorfschule basiert auf der Lehre der Anthroposophie

Haupt- und Fachunterricht

Der Unterricht der Waldorfschule wird in Haupt- und Fachunterricht eingeteilt. Dabei erhalten die Schüler zunächst zwei Stunden Hauptunterricht, der in Form von Epochenunterricht stattfindet: über einen Zeitraum von mehreren Wochen wird ein Einzelfach aus den Fächern

  • Deutsch
  • Mathematik
  • Sachkunde
  • Biologie
  • Geschichte
  • Geographie
  • Chemie
  • Physik und
  • Kunst

unterrichtet. Anschließend, vor- und nachmittags, folgt der Fachunterricht, bei dem 2 Fremdsprachen gelehrt werden, ab der 5. Klasse oftmals eine dritte. Auch

zählen dazu, später ebenso Feldmessen, Technikunterricht sowie Buchbinden, um mögliche Beispiele zu nennen. Der Hauptunterricht wird von einem Klassenlehrer gehalten, der Fachunterricht von einzelnen Fachlehrern. Ab der Oberstufe übernehmen auch sie wechselnd den Hauptunterricht.

Während der jeweiligen Epochen müssen die Schüler ein entsprechendes Epochenheft führen; dieses dient am Ende zur Leistungsbeurteilung. Lehrbücher hingegen - sowie elektronische Medien - kommen nicht oder kaum zum Einsatz.

Lernen von Fremdsprachen

Schon bei der Einschulung beginnt der Waldorfschüler mit seinen ersten beiden Fremdsprachen. Von Vokabelnbüffeln fehlt hierbei jedoch jede Spur.

Die Klasse bekommt meist Gedichte oder andere Texte vorgelegt, um ein Gefühl für die Sprache zu entwickeln. Dabei bleibt es jedoch auch meist, Grammatikregeln und andere Zwänge stoßen bei vielen Lehrkräften auf Ablehnung.

Lernen von naturwissenschaftlichen und mathematischen Fächern

Ähnlich verhält es sich mit den naturwissenschaftlichen Fächern wie Physik und Chemie. Sie setzen erst sehr spät ein, etwa ab der siebten oder achten Klasse. Kontroverserweise sind die Schüler zu dieser Zeit mitten in der Pubertät, einer Phase, in der man ja bekanntlich wenig Interesse daran hat, sich neue komplexe Sachverhalte einzuverleiben.

Das ist jedoch meist kein Problem, da auch in diesen Fächern keine Formeln gepaukt werden. Viel mehr werden faszinierende Vorführungen geboten; die Hintergründe bleiben im Dunkeln.

Selbst mit dem Mathematikunterricht hält der trockene Stoff nicht Einzug in die Klassenzimmer. Hier wird sich oft lediglich mit den Grundrechenarten beschäftigt.

So verläuft die Waldorfschule bis zur achten Jahrgangsstufe, wohlgemerkt stets mit demselben Klassenlehrer. Wer mit diesem nichts anfangen kann, hat also quasi schon fast verloren.

Vorbereitung auf den Schulabschluss

Ab der neunten Klasse sollen die Schüler dann auf ihren angestrebten Schulabschluss vorbereitet werden: Quali, Mittlere Reife oder eben auch Abitur. Das bedeutet, dass die Schüler plötzlich all das wissen sollen, was sie in den letzten acht Jahren nicht gelernt haben.

Trotz all der breiten Kritik an den Waldorfschulen sei gesagt, dass viele Schüler trotz der fragwürdigen Unterrichtsmethoden ihren Abschluss an staatlichen Schulen mit Bravour meistern. Um solch ein Ziel zu erreichen, ist jedoch sehr viel Selbststudium und vor allem Disziplin gefragt. Wenn schon nicht gegenüber der Schule, dann doch zumindest gegenüber sich selbst.

Abschlussmöglichkeiten

Was ist nun wichtiger? Die künstlerische und geistige Entwicklung eines Kindes oder sein intellektuelles Wachsen? Für das Heranreifen der Persönlichkeit darf ersteres nicht außer Acht gelassen werden, das deutsche Schulsystem legt seinen Fokus jedoch eindeutig auf den zweiten Punkt. Wer in der Bundesrepublik einen gewissen Schulabschluss anstrebt, muss auch die entsprechende Leistung zeigen. Das gilt auch für Waldorfschüler.

Mit einem Waldorf-Abschluss stößt man bei Universitäten, Fachhochschulen und sogar Arbeitgebern auf taube Ohren. Daher entscheiden sich viele Waldorfschüler dazu, einen staatlich anerkannten Abschluss außerhalb ihrer Schule abzulegen. Dazu werden die Jugendlichen an der Waldorfschule selbst durch spezielle Kurse auf die externe Prüfung vorbereitet.

Strebt man beispielsweise das Abitur an, so müssen all die Inhalte behandelt werden, wie sie auch in der gymnasialen Oberstufe unterrichtet werden. Für einen Schüler, der noch nie zuvor Leistungsdruck gespürt hat, ist dies natürlich eine harte Umstellung.

Die Prüfung selbst wird dann an einer staatlichen Haupt- oder Realschule beziehungsweise einem Gymnasium abgelegt, zusammen mit der dortigen Schülerschaft. Welche Inhalte der Waldorfschüler für die Prüfung vorbereiten muss und welche Leistungen mit in die Abschlussnote einfließen, ist von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich.

Fakt ist jedoch, dass die meisten sich für eine externe Prüfung entscheiden und sie auch trotz ihrer andersartigen Ausbildung gewöhnlich gut bestehen. Mit dem erworbenen staatlichen Abschluss kann dann beispielsweise auch problemlos an eine Universität oder Fachhochschule gewechselt werden.

Waldorfschule oder staatliche Schule?
Da die Abschlüsse der Waldorfschule in vielen Bereichen nicht anerkannt werden, empfiehlt es sich zusätzlich einen staatlichen Abschluss zu machen

Waldorfschule oder staatliche Schule?

Eltern wollen für ihre Kinder immer nur das Beste. Allerdings gehen die Meinungen darüber, was nun das Beste sei, häufig weit auseinander. Die einen sind der Ansicht, dass es das Wichtigste für den Nachwuchs ist, seine Persönlichkeit frei entfalten zu können, während sich die anderen für ihren Sprössling eine gewinnbringende Karriere und einen hohen Lebensstandard wünschen. In diesem Rahmen stellt sich unter anderem auch die Frage: Waldorfschule oder staatliche Schule?

Vor- und Nachteile der Waldorfschule

Wer seine eigene Schulzeit als Qual empfunden hat und mit dem Lernen stets auf Kriegsfuß stand, der wird wohl dem Konzept der Waldorfschule sehr angetan gegenüber stehen. Hier wird sehr viel Wert auf Kunst und Musik gelegt, während man darauf verzichtet, die Schüler in Form von Noten zu bewerten.

Auch Sitzenbleiben kann man auf der Waldorfschule nicht. Dafür hat man die Möglichkeit, viele verschiedene Fächer zu absolvieren, die man an einer staatlichen Schule vergeblich sucht.

Das Schulprogramm

Tatsächlich ist der Alltag an einer Waldorfschule sehr bunt und abwechslungsreich. Es wird gemalt, in Gruppen gearbeitet und ausprobiert. Vokabeln und Formeln büffeln kennen die Kinder hier nicht.

Darüber hinaus haben sie eine enge Bindung zu ihrem Klassenlehrer, der sie die ersten acht Jahre ihrer Schullaufbahn begleitet. Er gibt stets die Fächer in den ersten beiden Stunden; nur Aktivitäten wie Kunst, Musik und Werken werden von anderen speziell ausgebildeten Lehrkräften übernommen.

Diese Regelung führt einerseits dazu, dass Schülerschaft und Klassenlehrer sich sehr nahe sind, zum anderen birgt sie jedoch auch Gefahren für den Einzelnen in sich. Denn wer mit dem jeweiligen Lehrer nicht klarkommt, wird ihn die nächsten acht Jahre erst einmal nicht los.

Fächer wie Mathematik und Deutsch werden in so genannten Epochen unterrichtet, also quasi als Blockunterricht. So kann man sich zwar intensiv mit einem Thema beschäftigen, bis zum nächsten Block hat man das Gelernte wohl jedoch schnell wieder vergessen.

Im Vergleich: die staatliche Schule

Staatliche Schulen beginnen schon früh damit, Notendruck auf ihre Schützlinge auszuüben. Die Kinder haben verschiedene Fächer wie

  • Mathematik
  • Biologie
  • Musik
  • Religion und
  • Geschichte,

die vom jeweiligen Fachlehrer unterrichtet werden. Der Klassenlehrer wechselt jährlich. Ziel ist es, die Kinder wissenschaftlich und praktisch so auszubilden, dass sie nach ihrem Abschluss das nötige Grundlagenwissen für eine berufliche Ausbildung oder das Studium an einer Hochschule besitzen. In diesem Punkt sind die staatlichen Schulen der Waldorfschule um Längen voraus.

Kompromissfindung

Wer sich nicht für eine der beiden Formen entscheiden möchte, kann zum Beispiel folgenden Kompromiss eingehen: Die ersten vier Grundschuljahre kann das Kind sich auf der Waldorfschule ausleben und seinen Horizont erweitern, wonach es dann zur fünften Klasse an eine staatliche Schule wechselt und sich dort gezielt auf seinen angestrebten Abschluss vorbereitet.

Quellen:

  • Johannes Kiersch: Die Waldorfpädagogik. Eine Einführung in die Pädagogik Rudolf Steiners., Freies Geistesleben, 1997, ISBN 377251247X
  • Rudolf Steiner: Grundlage und Zielsetzung der Waldorfschule, Rudolf Steiner Verlag, 2003, ISBN 3727452617
  • Caroline von Heydebrand: Vom Lehrplan der Freien Waldorfschule, Freies Geistesleben, 1996, ISBN 3772502008
  • Heinz Buddemeier und Peter Schneider: Waldorfpädagogik und staatliche Schule. Grundlagen. Erfahrungen. Projekte., Mayer, Stuttgart, 2005, ISBN 3932386884

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