20. Oktober 2007
Jeden Mittwochnachmittag macht sich die Gymnasiastin Nina Mauerhoefer auf den Weg ins Seniorenstift Kloster Emmaus im Essener Stadtteil Schönebeck. Hier besucht sie zwei alte Damen. Sie unterhält sich mit ihnen, geht mit ihnen spazieren oder im Sommer auch schon mal Eisessen.
Die beiden Seniorinnen sind nicht mit der jungen Frau verwandt, sie kennen Nina erst seit etwa einem Jahr. Die Schülerin hat im Rahmen der Aktion 17/70 eine "Patenschaft" für die beiden übernommen. Etwa sechs Stunden im Monat verbringt sie mit dieser Aufgabe. 17/70 ist ein Projekt des gemeinnützigen Vereins Ehrenamt Agentur Essen e.V., bei dem junge Menschen zwischen 16 und 25 Jahren Senioren in Altenheimen, Krankenhäusern und Altentagesstätten besuchen. Der Verein arbeitet dabei eng mit dem sozialpädagogischen Dienst und der Pflegedienstleitung der Einrichtungen zusammen. Diese sprechen in ihren Häusern interessierte Senioren an und schlagen mögliche Einsatzbereiche für die jungen Paten vor.

EKE - Nina Mauerhoefer (li.) besucht Senioren im Rahmen der Aktion 17/70
Sabrina Roloff ist Sozialarbeiterin im Kloster Emmaus. Sie weiß, wie wichtig Ninas regelmäßige Besuche den Bewohnerinnen sind: "Für die beiden Damen sind diese Nachmittage zu einer festen Institution geworden. Die Woche bekommt für sie dadurch ein bisschen mehr Struktur und sie haben immer etwas, auf das sie sich freuen können. Denn Ninas Besuch ist für sie eines der Highlights der Woche." Durch Projekte wie 17/70 werden alte Menschen für eine gewisse Zeit aus ihrer Isolation geholt und ihnen wird wieder ein Kontakt zur Welt draußen vermittelt. Die Möglichkeiten, wie die Jugendlichen die alten und kranken Menschen unterstützen können, sind vielfältig und hängen stark vom Gesundheitszustand der Senioren ab: Oft ist es nur ein Gespräch oder das Vorlesen der Zeitung, manchmal stehen aber auch gemeinsame Einkaufsbummel, Behördengänge oder Besuche von Theater, Museum und Sportveranstaltung auf dem Programm. "Durch die Begegnung mit den jungen Paten werden unsere Bewohner animiert, die für sie angenehmen Aspekte ihres Alltags wieder zu entdecken", so Roloff. "Das ist umso wichtiger, je mehr ihr Leben von Schmerz, Krankheit und Einsamkeit bestimmt wird."

EKE - Beim Projekt 17/70 werden die jungen Menschen auch in Clown- und Zirkuspädagogik geschult
Das Durchschnittsalter der Bewohner im Kloster Emmaus liegt bei über 80 Jahren. Viele sind multimorbide, d.h. bei ihnen liegen gleichzeitig mehrere Erkrankungen vor. Keine leichte Aufgabe für die jugendlichen Paten. Trotzdem hat sich Nina für diese Art der ehrenamtlichen Arbeit entschieden. Sie war auf 17/70 aufmerksam geworden, als das Projekt in ihrer Schule vorgestellt wurde. Zusammen mit ihrer Schwester hat sie sich angemeldet, weil es ihr Spaß macht, neue Menschen kennen zu lernen. Erfahrungen mit Krankheit hatte sie vorher nicht. Ihre eigenen Großeltern sind noch aktiv und gesund. Trotzdem trat sie ihre Aufgabe im Seniorenstift nicht unvorbereitet an. Beim Projekt 17/70 bilden Fachkräfte die jungen Paten vor ihrem Einsatz in Gesprächsführung und im Umgang mit schwierigen Situationen aus. Die Jugendlichen erfahren viel über den Alltag der Senioren in Krankenhäusern und Pflegeheimen. Ärzte und Priester bringen ihnen Themen wie Alter und Demenz nahe. Insgesamt dauert dieses Coaching zwölf Tage und erstreckt sich über sechs Monate. "Im Unterricht gab es auch einen Block, in dem wir in Clown- und Zirkuspädagogik geschult wurden", erzählt Nina begeistert. "Dabei mussten wir unser clownisches "Ich" entdecken. Außerdem haben wir gelernt, wie wir Ideen entwickeln und diese praktisch umsetzen. Wir haben auch über die Erwartungen der Senioren an ihre Freizeit gesprochen und trainiert, wie man Gruppen zum Mitmachen animieren kann. Jetzt haben wir regelmäßig Auftritte in verschiedenen Alteneinrichtungen. Das kommt immer gut an." Auch während ihres Einsatzes begleitet die Essener Ehrenamt Agentur die jungen Paten weiterhin. In regelmäßigen Treffen tauschen die Jugendlichen Erfahrungen aus und können mit Fachleuten Probleme und Fragen besprechen.
Insgesamt sind es im Kloster Emmaus derzeit drei junge Paten, die sich in ihrer Freizeit um Senioren kümmern. Eine ganz andere Art von freiwilliger Aufgabe hat Johanna Marosfalvi im Seniorenstift übernommen. Ihr Dienst ist, anders als bei Nina, ein Vollzeitjob: Seit Anfang August 2007 absolviert die 19-Jährige ein freiwilliges soziales Jahr (FSJ). Ihrer Klassenlehrerin hat sie dazu ermutigt. Zuvor hatte die junge Frau bereits bei einem Praktikum in einer Tagesklinik erste Erfahrungen in der Betreuung von Senioren gewonnen. Das FSJ bietet Jugendlichen, die die Vollzeitschulpflicht erfüllt haben und noch nicht das 27. Lebensjahr vollendet haben, die Möglichkeit, sich in sozialen Bereichen zu engagieren. Auch beim FSJ begleiten unterstützende Seminare die Tätigkeit. Während des Einsatzes wird ein monatliches Taschengeld gezahlt und die Kosten für Renten-, Kranken- und Arbeitslosenversicherung übernommen. Auf Wunsch sorgt der Träger der Einsatzeinrichtung auch für Unterkunft und Verpflegung. Johanna weiß noch nicht ganz genau, was sie nach diesem Jahr studieren will. Jetzt ist sie erst einmal froh, nach der langen Schulzeit endlich mal etwas Praktisches machen zu können. Eingesetzt ist sie im Seniorenstift in zwei Wohngruppen. Hier spielt sie mit den Bewohnern, begleitet sie zu Arztbesuchen, reicht Essen an, hilft bei der Organisation von Feiern, assistiert beim Gedächtnistraining oder lackiert auch schon mal einer Seniorin auf Wunsch die Fingernägel. Für Johanna war es vor allem neu und schwer, dass Menschen plötzlich versterben können: "Jemand mit dem man gestern noch Karten gespielt hat, kann heute plötzlich tot sein. Mit dem Tod bin ich vorher noch nie direkt konfrontiert gewesen."
Nicht nur die Senioren im Kloster Emmaus profitieren vom freiwilligen Engagement der Jugendlichen. Die Arbeit gibt den jungen Menschen das gute Gefühl gebraucht zu werden und sich für einen guten Zweck einzusetzen. Ganz nebenbei lernen sie pädagogische, therapeutische oder pflegerische Berufe kennen. Die Geschichten, die ihnen die alten Menschen aus ihrem Leben erzählen, sind für viele Jugendliche interessant und eine Wissensbereicherung. Während ihres Einsatzes haben sie auch die Möglichkeit, ihre Talente, Neigungen und Chancen zu entdecken. Das kann hilfreich für eine spätere beruflichen Orientierung und Entscheidung sein. Am Ende ihrer Tätigkeit wird ein Zeugnis über Art und Dauer des freiwilligen Dienstes ausgestellt. Viele Einrichtungen bestätigen die Zeit auch als Praktikum für ein Studium oder eine Ausbildung. Das FSJ wird als Wartezeit auf einen Studienplatz angerechnet. Roloff weiß, dass die Arbeit im Seniorenstift den jungen Menschen aber noch einiges mehr bringt: "Sie sammeln bei den Einsätzen kommunikative, organisatorische und soziale Erfahrungen. Junge Leute, die mit älteren Menschen zusammentreffen, bauen Hemmschwellen und Barrieren ab. Sie lernen, mit geronto-psychiatrischen Veränderungen umzugehen und den Menschen anzunehmen, wie er ist."
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