AnnaBeitrag von einem Gast oder ehemaligen Mitglied
Hallo,
in Symptombeschreibungen zu Psychosen lese ich immer wieder, dass Wahnideen vom Betroffenen für unverrückbar wahr gehalten werden. Mir geht es da anders, was mich wegen der einhelligen Beschreibungen etwas verblüfft.
Ich sehe (!) wie man sich nach mir umdreht und über mich lacht. Ich erlebe, dass meine Nachbarin unfreundlich und ablehnend ist und habe den spontanen Gedanken, ihr Mann errichtet den neuen Zaun wegen mir (gegen mich) usw. Aber ich weiss (!), dass das psychotische Fehlinterpretationen sind.
Das ist ziemlich verwirrend. Auf meine Wahrnehmung kann ich mich nicht verlassen. Aber ich bin nicht unverrückbar überzeugt. Solche Gedanken tauchen auf - "plopp" - , aber ich glaube sie nicht. Jedenfalls gebe ich mir Mühe.
Während der ersten psychotischen Erlebnisse "wusste" ich, dass der Mann vor mir an der Kasse einen tödlichen Unfall erleiden wird und die Kassiererin irgendwann, verdient, unheimlich viel Glück haben wird. Der nächste Gedanke: Woher kommt dieser Schwachsinn?
Manchmal wars ganz amüsant. Mit Hang zum esoterischen hätte ich wahrscheinlich eine sehr coole Zeit erlebt.
Ob die Bereitschaft den Ideen mehr nachzugeben größer geworden wäre, wäre die Psychose später behandelt worden?
Der Zirkus geht wieder los. Die Nachbarn werden konspirativ, die Fliege an der Wand lässt mich hochfahren. Mehr als 3 h Stunden Schlaf sind nicht mehr drin. Ich bin wirr und fühle mich permanent be- und verurteilt. Eine neue Wunderblume: englische Redewendungen zwängeln sich in meine Gedanken. Jeden zweiten Gedanken muss ich dreimal denken, weil mein Hirn sich für einen Simultan-Dolmetscher hält. Mit Vorliebe übersetzt es Formulierungen, die im englischen bildhafter sind als im deutschen. Und es produziert das assozierte Bild so aufdringlich und ungebeten, dass ich im Gespräch dauernd den Faden verliere.
Vorsicht, bleibt gerne hängen:
Hush-a-bye baby
Hush quite a lot
Bad babies get rabies
and have to be shot
Rosetta are you better, are you well, well, well?
Wie eine zerkratze Schallplatte oder ein tropfender Wasserhahn. Kriege ich das zuhause geregelt?
Gestern war ich mit einer Freundin Einkaufen. Sie benutzte in irgendeinem Zusammenhang das Wort 'auftauchen'. To pop out: Plopp - es erscheint eine Blase und platzt über ihrem Kopf. Sie sagt "... vornehm ..." und eine very sophisticated Miss Daisy taucht auf. Sie sagt "Du machst mir Angst". You are freaking me out: der klassische achziger-Jahre-Punk mit rot-grünem Iro und üblichem Zubehör, tatscht die Tomaten an und kauft Hundefutter. Die Assoziation von Punk und Freak ist ganz schön platt, vom Gespräch habe ich nichts mitbekommen, ich muss mir den Hund vorstellen, den der Punk draussen angebunden hat. Ich überlege ob ich alte Ideale verrate, wenn ich Punk langweilig finde, verliere den Plan, habe keine Ahnung mehr was ich kaufen wollte, es wird zu unübersichtlich, zu laut und zu nah. Konsequenz: kein Klopapier, kein Shampoo, Hunger und so-was-von-keine-Lust einen Schritt vor die Tür zu tun.
Neuroleptika sind zum Kotzen! Kann man nicht um Mitternacht auf dem Friedhof am Grab eines Schurken das Vaterunser rückwärts aufsagen und eine tote schwarze Katze opfern? Oder bei abnehmendem Mond menstruierend Bäume umarmen? Bei Warzen hilft es (vielleicht). Aber leider fehlt mir dafür der spirituelle Zugang.
Wenn ich noch länger warte, dann klappts auch damit noch.
angenervte Grüße
Anna
Anja WurmBeitrag von einem Gast oder ehemaligen Mitglied
Hallo Anna,
dass Wahnideen unverrückbar seien, ist in der Literatur sehr vereinfacht dargestellt. Wahnideen sind durchaus verrückbar, bei beginnender Psychose sind die Menschen wie in dem thread dargestellt, durchaus sogar noch in der Lage diese durch Reflektion selbst gerade zu rücken.
Im akuten Schub ist das nicht mehr möglich. Auch durch Diskussionen mit anderen sind die Wahnideen dann nicht mehr zu korrigieren. Der pschotische Mensch lebt dann in seiner eigenen Welt, die er für wahr hält.
Allerdings gibt es schon Methoden, diese Menschen durch eine einfühlsame Psychosebegleitung wieder zurück in die sogenannte Realität zu holen.
In Deutschland wird jedoch in erster Linie mit Neuroleptika behandelt.
Es gibt jedoch in Hamm bei München und in Zwiefalten eine Soteria, die Menschen mit Psychosen durch den Wahn begleiten.
So lange eine solche Behandlung jedoch nicht möglich ist, sollte auf Neuroleptika zurück gegriffen werden.
Viele Grüße
Anja Wurm
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