5. Februar 2009
Britische Studie untersuchte den Einfluss des Vitamins auf die Hirnschrumpfung.
(dgk) Es ist nicht zu umgehen: Wir alle werden im Alter vergesslicher, und unsere Hirnleistungen nehmen ab. Die gezielte Zufuhr von Vitamin B12 könnte diesen schleichenden Prozess möglicherweise verlangsamen. Eine aktuelle Studie der Universität Oxford jedenfalls legt das nahe: Dabei wurden fünf Jahre lang 107 gesunde, freiwillige Testpersonen zwischen 61 und 87 Jahren beobachtet. Die Probanden wurden nach ihrem Vitamin-B12-Status in drei Gruppen eingeteilt. In der Gruppe mit dem niedrigsten Vitamin-B12-Level wiesen am Ende der Beobachtungszeit sechs Mal so viele Testpersonen eine Schrumpfung des Gehirns auf wie die der anderen beiden Gruppen. Die Forscher schließen daraus, dass die Ernährung beeinflussen kann, wie stark unser Gehirn im Alter kleiner und damit auch die geistige Leistungsfähigkeit vermindert wird. In einer weiteren Studie will man untersuchen, ob die Einnahme von B12-Vitaminen einer Schrumpfung des Gehirns bei älteren Menschen tatsächlich entgegenwirken bzw. vorbeugen kann.
Vitamin B12 kommt fast ausschließlich in tierischen Lebensmitteln wie Fleisch, Fisch und Milchprodukten vor. Die britischen Wissenschaftler um Anna Vogiatzoglou stellten in ihrer Studie mit den 107 älteren Probanden zu Beginn bei allen Teilnehmern eine normale Gedächtnisleistung fest. Die Wissenschaftler scannten über einen Zeitraum von fünf Jahren einmal jährlich das Gehirn der Senioren. Dabei registrierten die Forscher ein erschreckendes Ergebnis: Bei den Probanden mit der niedrigsten Vitamin-B12-Konzentration im Blutplasma waren deutliche Veränderungen am Gehirn festzustellen – obwohl selbst in dieser Gruppe die Vitamin-B12-Spiegel aller Personen noch im Referenzbereich (> 150 pmol/l) lagen, also nach den gängigen Kriterien kein eigentlicher Mangel diagnostiziert wurde.
Doch Vitamin-B12-Mangelerscheinungen sind weit verbreitet – vor allem im Alter – und können nach Ansicht von Medizinern zu irreversiblen neurologischen Schädigungen führen. Zu den Risikogruppen gehören neben älteren Personen auch Vegetarier, Schwangere sowie Patienten mit Nieren- oder bestimmten Darmerkrankungen. Ursachen für den Vitamin-B12-Mangel sind zum einen die Aufnahme zu geringer Mengen dieses Vitamins mit der Nahrung und zum anderen die Tatsache, dass der Körper unter Umständen das Vitamin nicht richtig aufnehmen und verwerten kann – also eine gestörte Resorption dieses Vitamins. Die mit der Nahrung aufgenommene Menge ist also nicht allein bestimmender Faktor für den Vitamin-B12-Status. Nach den RDI-Empfehlungen („recommended dietary intake“ des National Research Council of the United States National Academy of Sciences) sollten Erwachsene täglich 2,4 µg Vitamin B12 zu sich nehmen, Schwangere bis zu 6 µg.
Die Gesellschaft für Biofaktoren e. V. (GfB) schließt aus der neuen Oxforder Studie (veröffentlicht im September 2008), dass auch leichte Vitamin-B12-Defizite, die nach den derzeitigen Richtlinien als "normal" angesehen werden, schon zu Gehirnveränderungen führen können. Eine ausreichende Vitamin-B12-Versorgung könne daher möglicherweise entscheidend dazu beitragen, dem Abbau der geistigen Fähigkeiten im Alter und einer Demenz entgegenzuwirken, indem sie die Abnahme des Hirnvolumens im Alter aufhält.
Nach Angaben der GfB sind Mangelzustände im Alter meist nicht ernährungsbedingt, Untersuchungen zeigten vielmehr, dass die empfohlene Tageszufuhr an Vitamin B12 in der Regel problemlos erreicht werde. Die B12-Defizite bei Senioren seien laut GfB vielmehr oft auf eine gestörte Aufnahme des Vitamins aus der Nahrung zurückzuführen: "Die Bildung von Magensäure nimmt häufig ab", erläutert der Dresdner Pharmakologe Prof. Joachim Schmidt von der GfB. Da die Säure aber notwendig sei, um Vitamin B12 aus der Nahrung herauszulösen, könne der lebenswichtige Biofaktor nicht in den erforderlichen Mengen aus den Lebensmitteln freigesetzt und in den Körper geschleust werden. Außerdem benötige das Vitamin B12 ein Transportmolekül, den sogenannten Intrinsic-Faktor, um vom Darm ins Blut zu gelangen. Wird dieser Faktor im Magen nur eingeschränkt produziert, sei ebenfalls ein Vitamin-Mangel programmiert. Auch einige Medikamente, wie Magensäureblocker oder bestimmte Diabetes-Medikamente, stören nach Angaben der GfB die Vitamin-B12-Aufnahme und werden so zu "Vitamin-Räubern".
In diesen Fällen sei eine Vitamin-Ergänzung das Mittel der Wahl, rät die Gesellschaft für Biofaktoren. Denn in Präparaten sei Vitamin B12 nicht an Nahrungseiweiß gebunden und könne daher unabhängig von der Magensäure-Konzentration aufgenommen werden. Viele Fach-Gremien empfehlen mittlerweile eine generelle Ergänzung von Vitamin B12 ab einem Alter von 60 Jahren, so die GfB. Schon eine amerikanische Studie aus dem Jahr 2002 belegte, dass die Verwendung synthetischer Vitamin-B12-Präparate ältere Personen offenbar vor Mangelerscheinungen schützen kann.
Quellen:
A. Vogiatzoglou, H. Refsum, C. Johnston, S. M. Smith, K. M. Bradley, C. de Jager, M. M. Budge and A. D. Smith, Vitamin B12 status and rate of brain volume loss in community-dwelling elderly, NEUROLOGY 2008;71:826-832, www.neurology.org/
Vitamin B12 may protect the brain in old age, Pressemitteilung des Oxford Universität, 9 September 2008, www.ox.ac.uk/media/
Studie: Vitamin B12 verhindert Hirnatrophie im Alter, Deutsches Ärzteblatt, 9. September 2008, www.aerzteblatt.de/
Herrmann, Wolfgang; Obeid, Rima, Ursachen und frühzeitige Diagnostik von Vitamin-B12-Mangel (Causes and Early Diagnosis of Vitamin B12 Deficiency), Deutsches Ärzteblatt 2008; 105 (40): 680-5, DOI: 10.3238/arztebl.2008.0680, www.aerzteblatt.de/
Schon geringe Vitamin B12-Defizite schaden dem Gehirn, Gesellschaft für Biofaktoren e. V. (GfB), November 2008, www.gf-biofaktoren.de/
Rajan S, Wallace JI, Beresford SA, Brodkin KI, Allen RA, Stabler SP., Screening for cobalamin deficiency in geriatric outpatients: prevalence and influence of synthetic cobalamin intake, J Am Geriatr Soc. 2002 Apr; 50 (4):624-30, www.ncbi.nlm.nih.gov/
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