Dialyse Artikel | Bewegteres Leben trotz Dialyse - So klappt es!

Dienstag 16.03.2010 02:17

20. Dezember 2007

Dialyse Artikel

Bewegteres Leben trotz Dialyse - So klappt es!

In Deutschland sind derzeit über 50.000 Menschen aufgrund eines akuten Nierenversagens auf eine künstliche Blutwäsche angewiesen. Für sie ist die so genannte Dialyse lebensnotwendig. Sie dient dazu, schädliche Stoffe aus dem Körper zu filtern. Eine Aufgabe, die bei einem gesunden Menschen die Nieren übernehmen.

EKE - PD Dr. Anton Daul - Leitender Arzt in der Klinik für Innere Medizin - Abteilung: Nephrologie

Bei der zeitaufwändigen Hämodialyse wird der Patient meist dreimal pro Woche für rund vier bis fünf Stunden an eine "Künstliche Niere" angeschlossen. Die allgemeine Leistungsfähigkeit eines Dialysepatienten ist aufgrund seiner Erkrankung um bis zu 60 Prozent niedriger als die von nierengesunden Menschen. Trotz der Dialysebehandlung können Organschädigungen und Funktionsstörungen langfristig nicht vermieden werden. Krankheitsbedingt kann es unter anderem zu Blutarmut, Störungen des Fett- und Zuckerstoffwechsels, Nerven-, Muskel- und Knochenveränderungen, Bluthochdruck kommen und in Folge dessen zu Gefäßveränderungen und Arteriosklerose. Dazu kommt, dass viele Betroffene im Verlauf ihrer Erkrankung und durch die Dialyse unter starken Erschöpfungszuständen leiden und immer mehr ihre körperlichen Aktivitäten reduzieren. Die Gelenke versteifen, Bewegungsablaufe fallen schwerer, der Mensch wird insgesamt schwerfälliger. Dies kann letztendlich auch zum Verlust sozialer Kontakte führen, mit der Folge, dass die häufig vorhandenen depressiven Gemütszustände verstärkt werden. Für die Lebenserwartung der Patienten ist es aber von immenser Bedeutung, die Folge- und Begleiterkrankungen zu minimieren und die Lebensqualität möglichst lange zu erhalten. Sportliche Betätigungen sind dabei von großem Nutzen. PD Dr. Anton Daul, etablierter Dialysesportarzt und Nephrologe im Elisabeth-Krankenhaus Essen beantwortet oft gestellte Fragen über die Vorteile und den Nutzen von Sport bei Dialysepflicht.

Dr. Daul, viele Dialysepatienten sind immer noch der Ansicht, dass sie sich nicht sportlich betätigen können oder dürfen. Dürfen Dialysepatienten Sport treiben?

EKE - Die Trainingseinheiten werden individuell auf den Patienten zugeschnitten

Dr. Daul: Grundsätzlich ist gegen sportliche Betätigung nichts einzuwenden, so lange sie gesundheitlich möglich ist. Folge- und Begleiterkrankungen bestimmen auch mit, welche sportlichen Aktivitäten ausgeübt werden können. Um eine mögliche Gefährdung des Patienten auszuschließen, sollte daher die allgemeine körperliche Belastbarkeit des Patienten vorher ärztlich abgeklärt werden. Patienten mit koronaren Begleiterkrankungen oder Osteoporose können beispielsweise nicht jede Sportart ausüben. Durch die mehrmals wöchentlich stattfindende Dialyse sind die Patienten außerdem zeitlich sehr eingeschränkt und zusätzlich erschöpft. Auf vielen Dialysestationen besteht mittlerweile deshalb die Möglichkeit, während der stundenlangen Behandlung sportlich – unter Anleitung erfahrener Physiotherapeuten – tätig zu werden. Trainiert werden kann sitzend oder liegend. Im Elisabeth-Krankenhaus haben wir in den letzten Jahren ein spezielles Sportprogramm entwickelt, das während der Dialyse erfolgen kann. Den Patienten stehen unter anderem spezielle Fahrradergometer zum aktiven und passiven Training der Beinmuskulatur zur Verfügung. Selbst wenn Patienten körperlich geschwächt oder bereits älter sind, können leichte Gymnastikübungen, mit und ohne Fußgewichte oder elastische Bänder helfen, Kondition und Beweglichkeit gezielt zu verbessern. Wie wichtig der Sport ist, zeigen uns die täglichen Erfahrungen, die wir mit unseren Patienten machen, die sich während der Dialyse sportlich betätigen. Selbst einige hochbetagte und bereits bettlägerige Patienten konnten durch die regelmäßigen Bewegungsübungen soweit wieder fit gemacht werden, dass sie beispielsweise selbständig mit dem Taxi zur Dialyse kommen und nicht liegend mit dem Krankenwagen transportiert werden müssen. Ein Stück Lebensqualität konnte so für den einzelnen zurück gewonnen und ein erheblicher Kostenfaktor gesenkt werden. Wer darüber hinaus mobil und fit genug ist und Sport treiben möchte, sollte dafür allerdings seine dialysefreien Tage nutzen. Da sich dann das Stoffwechselgleichgewicht wieder eingependelt hat und der Patient am leistungsfähigsten ist.

Warum ist für Dialysepatienten sportliche Betätigung wichtig?

Dr. Daul: Viele Studien der letzten Jahre beweisen, dass dialysepflichtige Patienten, die körperlich aktiv sind, leistungsfähiger sind und sogar besser mit ihrer Erkrankung und den damit verbundenen körperlichen und psychischen Belastungen zurecht kommen. Das Immunsystem wird gestärkt, das körperliche Wohlbefinden verbessert, Kraft, Ausdauer und Kondition gesteigert. Ausdauerbetontes Training hat vor allem positive Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System, erhöhte Blutdruckwerte werden gesenkt und auch die Blutfett- und Zuckerwerte positiv beeinflusst. Sportliche Aktivitäten haben neben dem großen gesundheitlichen Nutzen aber auch einen sozialen, kommunikativen Wert und können zu einer deutlichen Aufhellung der Stimmungslage beitragen.

Welche Sportarten sind zu empfehlen?

Dr. Daul: Da eine große Zahl Dialysepatienten bereits über 60 Jahre ist und oft lange nicht sportlich aktiv war, gilt es verschiedene Hemmschwellen – wie etwa die, in der Öffentlichkeit Sport zu treiben – zu überwinden. Neben der körperlichen Betätigung während der Dialyse sind für die Freizeit am besten Ausdauersportarten wie Radfahren, Laufen oder Wandern geeignet. Auch Skilanglauf, Gymnastik, leichte Bewegungsspiele, Schwimmen und Wassergymnastik trainieren den ganzen Körper. Allzu intensive Belastungen sollten allerdings vermieden werden. Grundsätzlich nicht geeignet sind Sportarten mit hohem Verletzungsrisiko, wie z.B. Fußball oder Handball. Auch Kampfsportarten oder Liegestützen sollten nicht ausgeübt werden, da es zu einer Überbelastung der Arme kommen kann und die Funktionsfähigkeit des Shunts gefährdet ist. Knochen, Sehnen, Bänder und Muskulatur sind bei chronisch Nierenkranken in ihrer Belastbarkeit deutlich reduziert und das Verletzungsrisiko zu groß. Aktuelle Studien haben gezeigt, dass auch ein individuell abgestimmtes und moderates Krafttraining positive Auswirkungen auf die Kondition hat und für Dialysepatienten zum Muskelaufbautraining besonders gut geeignet ist.

Für Dialysepatienten sind Zugänge und Katheter lebenswichtig. Worauf ist beim Sport zu achten?

Dr. Daul: Verletzungen des arterio-venösen Shunts sind unbedingt zu vermeiden, denn ein funktionierender Shunt ist Voraussetzung für die lebensnotwendige Dialyse. Ein Shunt ist eine chirurgisch angelegte Verbindung zwischen Arterie und Vene, die das ständige Anschließen an die Dialyse-Maschine erleichtert. Durch ein Schlauchsystem findet außerhalb des Körpers dann die Blutwäsche statt. Die körperlichen Übungen während der Dialyse sind deshalb auch speziell abgestimmt, so dass der korrekte Ablauf der Blutwäsche nicht gestört wird. Gleiches gilt für den Freizeitsportbereich. Auch hier muss der Dialysepatient auf seine Zugänge und Katheter achten und entsprechende Vorsichtsmaßnahmen treffen. Doch selbst Patienten mit einer Peritonealdialyse – eine Dialyse, die über das Bauchfell erfolgt – können schwimmen gehen, wenn Katheter und Kathetereintrittstelle durch einen wasserdichten Verband geschützt sind. Ich kann nur allen chronisch Nierenkranken und dialysepflichtigen Patienten raten, sich viel zu bewegen. Bereits nach kurzer Zeit werden sie die positiven mentalen und körperlichen Auswirkungen spüren und wieder aktiver am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können.

QUELLENANGABEN

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