17. November 2005
Hätte man Karin M. vor ein paar Monaten etwas von einem Engpasssyndrom erzählt, hätte sie sicher geglaubt, dass dies ein Begriff aus dem Ballsport sei. Heute weiß sie, dass es sich dabei um etwas Medizinisches handelt. Schon seit einigen Jahren klagte Frau M. über Schmerzen in der Schulter.
Lange glaubte sie einfach, sie müsse mehr Sport treiben und mehr dehnen, dann würden die Symptome schon wieder verschwinden. Aber das Gegenteil war der Fall. Mit der Zeit wurde der Schmerz immer heftiger – vor allem nachts. Zunehmend war außerdem die Beweglichkeit ihres rechten Arms eingeschränkt. In der letzten Zeit wurde es für Klara M. sogar mühsam, sich den Mantel anzuziehen, denn sie bekam die Hände hinter dem Rücken nicht mehr zusammen. Auch wenn sie etwas in das Regal stellen wollte, bereitete ihr das Anheben des Arms Schwierigkeiten. Als dann noch ihr Nacken anfing zu schmerzen, entschloss sie sich endlich, einen Arzt aufzusuchen. Der fand schnell den Auslöser ihres Problems: Eine Schleimbeutelentzündung unter ihrem rechten Schulterdach.
"Schleimbeutel sind enge, wenig Gelenkschmiere enthaltende Hohlräume an besonders druckbelasteten Stellen unseres Körpers", erklärt Andreas Lahr, Oberarzt der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Unfallchirurgie im Elisabeth-Krankenhaus Essen. "Sie ermöglichen ein reibungsfreies Verschieben der Gewebeschichten zwischen Knochen, Sehnen, Gelenken, Muskeln und Bändern. Schleimbeutel sind also für unsere Bewegungen notwendig. Auch zwischen dem Ende des Oberarmknochens und dem Schulterdach befindet sich ein Schleimbeutel. Dieser Bereich ist von Natur aus schon ein wahrer Engpass und lässt Muskeln und Sehnen sowie dem Oberarmkopf nicht viel Platz."
Ist der Schleimbeutel normalerweise ein zartes Gebilde, zeigte die Magnetresonanztomographie, dass er bei Karin M. stark vergrößert und narbig war. Für diesen Zustand war eine Entzündung verantwortlich, die eine Ansammlung von Flüssigkeit nach sich zog. Der vergrößerte Schleimbeutel drückte auf die Verschiebeschichten oberhalb des Oberarmkopfes, so dass die Beweglichkeit des Schultergelenks eingeschränkt war. Aber woher kam diese Entzündung? Auf den MRT-Bildern war auch die Ursache zu erkennen: Verschleißbedingt hatte sich bei der 60jährigen ein knöcherner Auswuchs – ein so genannter Knochensporn – am Schulterdach entwickelt. Dieser reizte den Schleimbeutel so, dass er sich entzündete.
So wie Karin M. geht es vielen Menschen in Deutschland. Insgesamt rund zehn Prozent aller Bundesbürger leiden an Schmerzen und Bewegungseinschränkungen im Schulterbereich. "Meistens sind es Ältere, die solche Probleme haben. Doch immer häufiger kommen auch jüngere Menschen zu uns in die Klinik", so der Unfallchirurg. "Zumeist ist die rechte Schulter betroffen. Neben einem krankhaft veränderten Schleimbeutel können eine Sehnenentzündung mit daraus resultierenden Kalkeinlagerungen und Gelenkverschleiß die Ursachen sein." Manchmal bedingt das eine aber auch das andere. So auch bei Karin M.: Denn, als wäre ihre Entzündung nicht schon genug, hatte sich auch noch Kalk in den Sehnen der so genannten Rotatorenmanschette gebildet.
Diese Sehnen sind für die Dreh- und Überkopfbewegung des Arms zuständig. Nicht verwunderlich, dass dies jetzt nicht mehr schmerzlos funktionierte. Sie entspringen zwischen Innen- und Außenseite des Schulterblatts und umgreifen den Oberarmkopf wie eine Hand einen Ball. Der angeschwollene Schleimbeutel übte bei Karin M. nun Druck auf die Sehnen der Rotatorenmanschette aus. Als Folge wurden sie nicht mehr richtig durchblutet und der Körper reagierte mit Kalkablagerungen. Glücklicherweise waren die Rotatorensehnen noch nicht eingerissen.

EKE - Schleimbeutelentzündungen sind häufig die Ursache für Schulterschmerzen
Nachdem Karin M. nun wusste, was ihr Schmerzen bereitete, hieß es jetzt, diese gezielt zu bekämpfen. Fleißig nahm sie die ihr verordneten Entzündungshemmer und Schmerzmittel ein. Zusätzlich befolgte sie den Rat zu einer alternativen Therapie. "Der Gang zum Chirurgen heißt nicht automatisch Operieren. Es gibt eine Anzahl weniger aufwändiger Möglichkeiten, dem Schmerz und der Entzündung beizukommen. Neben der therapeutischen Injektion von entzündungshemmenden Medikamenten unter das Schulterdach sind auch zwei alte Hausmittel durchaus geeignet, zumindest die Schmerzsymptomatik zu lindern: Kartoffel- und Kohlwickel", stellt der Chirurg fest. Hierfür werden zerdrückte gekochte Kartoffeln oder einige Blätter Weißkohl mit Hilfe eines Woll- oder Leinentuchs auf die schmerzende Stelle gebracht. Die Kohlblätter müssen vorher mit einem Messer eingeritzt und mit einem Nudelholz gewalzt werden. So tritt der heilende Saft besser aus. Zunächst halfen Karin M. diese schmerzlindernden Maßnahmen. Doch ganz verschwanden die Beschwerden nicht. Auch nicht durch die Krankengymnastik, die man ihr verordnete, als die Entzündung soweit abgeklungen war. Um ihre Schulter endlich wieder uneingeschränkt nutzen zu können, nahm sie den Vorschlag an, sich eines chirurgischen Eingriffs zu unterziehen.
Im Rahmen einer Arthroskopie – einer Gelenkspiegelung – wird die Operation mit speziellen Instrumenten durchgeführt. Karin M. erfuhr, dass dieser Eingriff ambulant oder stationär vorgenommen werden kann. Sinnvoller sei es aber, vier Tage in der Klinik zu bleiben. Über zwei kleine Schnitte von ungefähr einem Zentimeter Länge konnte der Chirurg die krankhaften Veränderungen in ihrem Schultergelenk mit der Kamera sehen. So gelang es ihm leicht, die Verkalkungen und den Schleimbeutel mit einer bipolar-stromführenden Thermoablationssonde zu entfernen und mit einer Mini-Fräse den Sporn zu glätten. "Die Thermosonde stellt derzeit den ‚Gold-Standard’ in der arthroskopischen Schulterchirugie dar", so Lahr, "denn die gesunden Gelenkstrukturen werden bei dieser Operationstechnik besonders geschont."
Nach dem Eingriff war der Weg für Muskeln, Sehnen und den Oberarmkopf wieder frei. Karin M.'s anfängliche Sorgen bezüglich des Schmerzes nach der Operation erwiesen sich als unbegründet. Hierfür sorgte ein Schmerzmittelkatheter unter ihrem Schulterdach. So machte sie schnell Fortschritte. Die Krankengymnastik half ihr, dass sie ihren Arm bald wieder genauso gut bewegen konnte wie früher. Damit dies auch so bleibt, befolgt sie heute noch die Ratschläge des Chirurgen. Kälte vermeidet sie ebenso wie Zugluft und einseitige Belastungen. Auch regelmäßige Saunabesuche stehen auf ihrem Programm. Und im Büro legt sie jetzt öfter kleine Arbeitspausen ein und ändert häufiger ihre Sitzposition. Auch dies kann vorbeugen: ein ergonomischer Bürostuhl, das Schrägstellen der Computertastatur und die richtige Höhe des Bildschirms. Der Schulterschmerz hatte für Karin M. übrigens auch etwas Gutes: Seit dem sie weiß, dass auch häufige Überkopfbewegungen im Sport für Probleme sorgen können, achtet sie darauf, dass ihr Mann beim Golf regelmäßig Ausgleichsübungen für den Schulterbereich macht. Sie selbst aber hat jetzt eine gute Ausrede für ihre Abneigung gegen das Golfspiel und geht lieber spazieren.
Ihr Artikel hat mir diese Informationen gelifert, die ich gesucht habe. Danke. Ich stehe gerade vor diesem Dilema: OP oder nicht OP? Vorher ma...
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