Bisexualität Forum
Mein Partner hat mir seine Bisexualität gestanden
Es wurde bereits viel über dieses Thema geschrieben. Dennoch möchte ich einen neuen Beitrag schreiben. Ich bin eine Frau, heterosexuell, tolerant gegenüber Menschen, die homosexuelle Neigungen haben, und seit über fünf Jahren in einer besonderen Beziehung zu einem Mann. Wir sind uns sehr nahe, haben eine zärtliche und leidenschaftliche Beziehung, lachen viel, und wenn ich mit ihm zusammen bin, erscheint die Welt strahlender. Seit einiger Zeit, sagen wir Jahren, spühre ich, dass da noch etwas ist. Es ist klein, dieses Gefühl, eher ein unerklärliches Bauchgefühl oder eine sehr leise Stimme in mir, die sich erhebt, ohne offensichtlichen Grund. Wir haben bzw. hatten eine glückliche Beziehung, und das haben wir auch beide so empfunden. Doch mein Partner ist bisexuell und das hat er mir vor einigen Wochen unter Tränen, in grosser Verzweiflung gestanden. Über ein Jahr lebte er ein Doppelleben, zwei Handys, ein anderer Name, irgendwie anonym. Er traf sich etwa alle zwei Woche mit einem Mann zum Sex, ohne mein Wissen. Seit einem halben Jahr leben wir zusammen. Er fühlte sich schon seit sehr langer Zeit vom gleichen Geschlecht angezogen, hatte es aber nicht ausgelebt. Dazu muss ich auch sagen, dass ich seine erste, richtige Freundin war, mit über 20 Jahren. Er wollte nie ein Mann sein, der eines Tages vor dem Traualtar steht und einer Frau das Versprechen gibt, mit ihr bis an sein Lebensende zusammen sein zu wollen, sie zu lieben, zu ehren, treu zu sein. All das mit diesem anderen Gefühl in sich, vom gleichen Geschlecht auch angezogen zu werden. Da wir wie gesagt eine sehr innige Beziehung führen und nach über fünf Jahren eine weitere Ebene (alles was man mit Heirat umschreibt, Familie etc.) denkbar wurde, war der Druck so gross, dass er schliesslich entschied, es mir zu sagen. In den letzten Wochen hat er mir alles erzählt, weil ich alles wissen wollte, so schwer die Wahrheit auch manchmal zu ertragen war und ist. Gut, ich weiss nun alles oder das meiste davon. Er liebt mich über alles und möchte mit mir zusammen sein. Sein Geständnis hat mich - es mag seltsam klingen - ihm noch näher gebracht. Ich kann vieles besser verstehen, erklären, z.B. sein Zögern, als es ums Zusammenziehen ging. Natürlich war am Anfang viel Verzweiflung da, Schmerz, auch Wut. Wir beide hätten uns gewünscht, es wäre eindeutig. Wie viel einfacher wäre es, er wäre schwul. Dann würden wir uns trennen, uns gehen lassen, denn wir wollen beide dem Glück des anderen nicht im Wege stehen. Es war egoistisch, dass er mir nicht früher davon erzählt hat, denn er wollte mich nicht verlieren, nicht die Pferde scheu machen, grundlos. Aber er musste erkennen, dass auch nach dem ersten sexuellen Kontakt mit einem Mann es nicht eindeutig schwarz oder weiss war. Er sagt sogar, er hätte sich nie so wenig schwul gefühlt wie nach dem Sex mit Männern. Etwa 10% seiner Kontakte seinen "ok" gewesen, zwei Männer hat er sogar je vier Mal getroffen und fand es "ok". Eine kleine Nebenbemerkung: was ich nicht verstehen kann, weshalb es ihn zu etwas zieht, das nur "ok" ist, wenn er mit mir wunderschönen und erregenden Sex haben kann. Und genau da ist meine Angst, dass er einfach mit dieser schnellebigen Schwulen-Szene nicht zurecht kommt, aber mit Mr. Right eine monogame Beziehung führen könnte. Ich habe in London ein Theaterstück gesehen und da ging es um einen schwulen Schauspieler, der sich eines Abends im Suff einen Callboy aufs Zimmer bestellt und dann doch zu betrunken ist für eine sexuelle Begegnung. Jedenfalls gibt ihm der Junge am nächsten Tag seine Telefonnummer, die der Schauspieler (er ist doch nicht schwul!) natürlich nicht braucht, wozu auch, wie er sagt. Und doch behält er sie und ruft den Jungen wieder an. Er hat eine Bitte, möchte keinen Sex, nur neben ihm einschlafen, neben ihm schlafen und aufwachen. Der Junge ist kurz davor, zu gehen, bleibt dann aber doch. Sie merken, dass sie eine Beziehung wollen, das ist für beide neu und beide haben ihr „Erwachen“. Sie sind schwul… Was den einen zum Aufwachen und zu diesem Eingeständnis geführt hat, war das leise Schnarchen des anderen beim nebeneinander schlafen. Nun frage ich mich, ob mein Partner genau das latent sucht. Er sagt, ich würde ihn missverstehen, so sei es nicht. Er hat noch nie etwas für seine männlichen Gegenüber bzw. Sexpartner empfunden, war noch nie in einen Mann verliebt und sei auch meistens nicht wirklich erregt im direkten Kontakt. Nur die Bilder und auch Videos würden ihn erregen, die Vorstellung mehr als die gelebte Realität. Er sagt, er könne darauf verzichten und er hat mir versprochen, sich nicht mehr mit Männern zu treffen, so lange wir zusammen sind. Dazu muss ich erwähnen, dass niemand von seiner Neigung weiss, ausser ich (und meine zwei engsten Vertrauten, denen ich mich eben anvertraut habe, nachdem ich es erfahren hatte). Auch seine Freunde wissen es nicht, nicht einmal sein bester Freund. Ich verstehe das gut, auch, dass er mir nichts gesagt hat. Er wollte mir schwarz oder weiss präsentieren. Das gibt es bei uns aber leider nicht, es ist grau und mit dieser Tatsache umzugehen ist schwer. Das heisst, wir wissen nicht, wie wir damit umgehen werden. Wir haben so viel darüber gesprochen in den letzten Wochen und nun hat er sich – auf meinen Wunsch – etwas zurückgezogen und wohnt vorerst bei seinen Eltern. Diese hat er nun endlich eingeweiht und sie haben es entgegen seiner Erwartung gut aufgenommen. Das war mir so wichtig, für ihn, damit auch sie ihn begleiten können (sie lieben ihn doch als ihren Sohn), egal wie es in seinem Leben weitergeht. Er braucht Zeit, Raum, Ruhe, um zu reflektieren, wie er sein Leben weiterführen möchte. Und auch mir tut diese Ruhe gut. Natürlich denke ich immerzu daran. Ich liebe ihn über alles und wenn wir uns – was wir jetzt halt selten – doch einmal hören, ist da dieses warme Gefühl, diese Vertrautheit und mein Herz sagt mir, dass er der Richtige ist. Aber eben, ob ich meinem Herzen da vertrauen kann, weiss ich im Moment nicht. Wie viel einfacher wäre es, wenn er schwul wäre, dann könnte ich ihn gehen lassen. Was für mich nicht in Frage kommt, ist eine Dreierbeziehung (wobei…), nein, mein Lebensplan sieht anders aus, ich möchte eine monogame Beziehung, die auf Offenheit, Vertrauen und Treue basiert. Ich habe nicht das Gefühl, dass mich mein Partner in diesem einen Jahr betrogen hat. Es ist anders als wenn er sich mit einer oder mehreren Frauen getroffen hätte. Dann hätte er mich betrogen und ich würde ihn ohne grosses Zögern verlassen. Aber jetzt ist es anders. Er war mit Männern zusammen, weil er herausfinden wollte, was das ist, diese Attraktion. Er wollte herausfinden, ob er schwul ist. Was er herausgefunden hat ist, dass er bisexuell ist. Doch wie gehen wir damit um. Nicht in Frage kommt für mich, wenn er sich weiterhin mit Männern zum Sex verabredet, das ist mir heute ganz klar. Aber ich möchte auch nicht, dass er auf etwas verzichtet und sich peinigt, wenn er es denn doch brauchen würde. Er fragt sich, wie solche Menschen wie er überhaupt geboren werden können, für ihn ist es wie ein Fluch. Und nein, er hätte inzwischen keine Mühe mehr damit, wenn er schwul wäre. Er könnte dazu stehen und würde sich dieses Leben nicht versagen und ich könnte ihn gehen lassen, weil ich ihn liebe. Alle die es wissen, verurteilen ihn nicht, haben Mitleid und wünschen sich, dass er erkennt, was er möchte und endlich wieder glücklich sein kann. Aber wir können, ich kann nur für ihn da sein, aber ich kann ihm nicht sagen, was er will. Ich weiss es genau, was ich will, meine ich. Ich hatte in meinem Leben zwei langjährige und zwei kürzere Beziehungen. Nur habe ich es satt, immer nur diejenige Person zu sein, vor dem richtigen Partner, der dann geheiratet wird – nicht dass ich das hätte sein sollen. Aber dieses „Bi“ verkompliziert alles schon ungemein. Ich möchte mich von allem lösen, von allen Vorurteilen, von allen guten Ratschlägen, von allen Konventionen und dann so leben, wie es mich glücklich macht. Nur weiss ich nicht, was das ist und da bin ich ja auch nicht die einzige, die etwas zu entscheiden hat. Was wohl in einigen Tagen sein wird? In einigen Monaten? Jahren? Heute kann ich nicht einmal sagen, ob wir dann noch zusammen sein werden. Ich denke mir, es müsste doch möglich sein, bi zu sein und einfach mit dem Menschen, den man liebt (Mann oder Frau) eine glückliche und vor allem Treue Beziehung zu führen. Ich weiss, dass Offenheit alles ist und ich bin auch offen, im Rahmen der Beziehung, alles zu tun, um diese glücklich und lebendig zu halten. Heute liebe ich ihn mehr denn je, weil ich das erste Mal ihn sehe, wie er ist, mit all seiner Zerrissenheit. Aber ich wünsche, dass er Ruhe findet und Sicherheit und das wünsche ich mir auch für mich. Gerne würde ich mich mit Euch austauschen, gerne auch mit einem Mann, der vielleicht schon etwas weiter ist und mit seiner Bisexualität umzugehen weiss. Mein Partner ist noch auf der Suche. Es ist ein Prozess. In diesem Jahr mit seinen Männerbekanntschaften und kurz davor hatte er mehrere Sitzungen mit einem, zwei, letztlich drei Psychologen. Aber helfen können die auch nicht, nur zuhören. Kurz nach seiner Offenbarung waren wir auch zusammen dort, aber wir haben so geredet, wie wir das auch zu Hause zusammen tun und danach Stunden, Tage lang getan haben, sehr exzessiv, alles wurde offenbart, geteilt. Ich kann aber auch verstehen, dass ihm nun alles zu viel ist, die Verantwortung, der Druck, eine Lösung finden zu wollen. Er braucht Ruhe. Und die will ich ihm geben und das ist auch der Grund, weshalb ich nun hier bin in diesem Forum und hoffe, dass mich jemand hört, der dazu etwas zu sagen hat. Danke...
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