21. August 2006
Sie heißen Lisa, Timo, Sarah oder Kevin, sind zwischen vier und fünf Jahre alt und haben etwas gemeinsam: sie streiten viel, provozieren ständig andere Kindergartenkinder oder demolieren, was ihnen gerade in den Weg kommt. Sie krakeelen, johlen und stören unentwegt, sind ungelenkig, unkonzentriert und unaufmerksam beim Spielen und unsozial gegenüber ihren Mitmenschen. Sie sind das, was Fachleute heute als verhaltensauffällig bezeichnen.
"Mit Schulbeginn weisen etwa 20 Prozent der Kinder Verhaltensauffälligkeiten auf", sagt Dr. Ursula Frohne, Ärztin für Kinderheilkunde und Jugendmedizin, Psychotherapie und zertifizierte Leiterin des Sozialpädiatrischen Zentrums (SPZ) im Elisabeth-Krankenhaus Essen. "In den meisten Fällen werden die Defizite bereits im Kindergarten erkannt. Die betroffenen Kinder zeigen zumeist massive Störungen im Sozialverhalten oder enorme Defizite in der motorischen Entwicklung. Sie leiden unter Koordinations- und Konzentrationsstörungen oder haben Wahrnehmungs- oder Sinnesstörungen. Die sozialen Defizite äußern sich unter anderem darin, dass die Kinder Probleme in der Kontaktaufnahme zu gleichaltrigen Spielkameraden haben, Schwierigkeiten im Gruppenverhalten auftreten, die Kinder schnell aggressiv werden und ihre Frustrationstoleranzgrenze stark herab gesetzt ist. Es gibt Kinder, die knuffen, hauen oder schubsen anstatt anderen Kindern einfach zu sagen, dass sie etwas mit ihnen gemeinsam machen möchten."
Vielfach fehlt den Kindern das Gespür für den eigenen Körper und seine motorischen Fähigkeiten. "Kindern mit Defiziten im Bereich Koordination, Konzentration und Motorik fällt es beispielsweise schwer, rückwärts zu gehen", erläutert Dr. Frohne "einige können nicht auf einem Bein hüpfen oder balancieren. Oder sie stoßen permanent mit anderen Kindern zusammen, stolpern oft oder fallen ständig hin. Diesen Kindern eilt häufig der Ruf voraus, dass sie ungestüm und unkontrolliert seien. Anderen fällt es schwer sich zu konzentrieren, sie lassen sich extrem leicht ablenken und können sich nicht ausreichend auf ein Spiel oder eine gestellte Aufgabe einlassen. Die Folge davon ist, sie werden zu Außenseitern."
Mögliche Ursachen solcher Verhaltensauffälligkeiten sollten erst einmal mit dem behandelnden Kinderarzt abgeklärt werden. Dieser wird bei Bedarf eine Überweisung in ein SPZ ausstellen. Hier werden Kinder und Jugendliche mit Entwicklungs-, Verhaltensauffälligkeiten, chronischen Erkrankungen sowie drohenden oder bereits bestehenden Behinderungen behandelt und betreut. Dr. Frohne: "Sozialpädiatrische Zentren, wie hier im Elisabeth-Krankenhaus, sind kinderärztlich geleitete, interdisziplinär und multiprofessionell arbeitende Schwerpunkteinrichtungen, deren Aufgabenbereiche die Prävention, Früherkennung, Diagnostik, Förderung und Therapie, beispielsweise von Verhaltensauffälligkeiten, sind. In Deutschland gibt es etwa 120 Einrichtungen dieser Art."
Im Zuge der Diagnostik ist es notwendig abzuklären, wo der Ursprung der Verhaltensauffälligkeiten liegt. "Besteht ein begründeter Verdacht für eine körperliche Ursache", so Dr. Frohne, "werden die Kinder erst einmal an einen entsprechenden Kollegen weiter verwiesen. Neben Stoffwechselstörungen, neurologischen Erkrankungen, können auch Allergien und Nahrungsmittelunverträglichkeiten oder andere organische Erkrankungen wie Seh- oder Hörschwächen für die Entwicklungsprobleme verantwortlich sein. Denn, kann ein Kind nicht richtig sehen, dann schätzt es auch Entfernungen falsch ein und ist unsicher beim Laufen und Spielen. Hört ein Kind schlecht, dann kann dies zu Sprachstörungen oder Missverständnissen und Verunsicherungen bei der Kommunikation führen. Eine geeignete Brille oder ein spezielles Hörgerät helfen, das Defizit auszugleichen. Ebenso verhält es sich bei einigen Nahrungsmittelunverträglichkeiten, einmal erkannt und behandelt erholen die Kinder sich bald und erreichen in Kürze den Entwicklungsstand der Gleichaltrigen. Wie bei dem Beispiel Zöliakie: Die Kinder leiden an einer Unverträglichkeit von Gluten, dem Klebereiweiß in vielen Getreidesorten – und zeigen aufgrund dessen gravierende Mängel in der körperlichen und geistigen Entwicklung. Durch eine spezielle Diät holen die Kinder den Entwicklungsrückstand schnell auf."

EKE - Dr. Ursula Frohne im Gespräch mit einem kleinen Patienten
Doch so einfach sind nicht alle Ursachen von Verhaltensstörungen herauszufinden. Es gibt immer wieder Eltern, die an ihren Kindern verzweifeln und nicht weiter wissen. Dr. Frohne: "Ihnen kann gesagt werden, es gibt Hilfe. Und mit einer Überweisung in ein SPZ ist der erste Schritt in die richtige Richtung bereits getan. Unsere Aufgabe ist es dann, die Verhaltensstörungen und Probleme zu sortieren, zu analysieren und zu therapieren. Das erste Gespräch dauert ca. anderthalb Stunden. Sprache, Motorik, kognitives und soziales Verhalten werden getestet. In einem zweiten Schritt findet ein Gespräch mit den Eltern oder Erziehungsberechtigten statt. Ganz wichtig bei der Diagnostik und Behandlung ist es, somatische, psychische, geistige und interaktionale wie auch soziokulturelle Faktoren zu berücksichtigen. Um einen Gesamteindruck zu erhalten und einen geeigneten – auf das einzelne Kind abgestimmten – Therapieplan zu erstellen, finden daher weitere Treffen mit den anderen Mitarbeitern des SPZ statt, unter anderem mit einer Psychologin, Ergotherapeutin, Physiotherapeutin und einem Logopäden. Im Rahmen einer Teambesprechung werden dann die Ergebnisse und Eindrücke der Tests und Gespräche zusammengetragen, ein Therapieplan erstellt und die Zielsetzung festgelegt. Nach sechs Monaten Therapie findet eine Kontrolle statt, um die Therapieerfolge und eventuelle Weiterbehandlung zu besprechen."
Woran liegt es, dass so viele Kinder Verhaltensauffälligkeiten zeigen? Ein Großteil der Kinder beschäftigt sich heute immer mehr passiv und sitzend, sie spielen alleine und machen ihre Erfahrungen fast ausschließlich über Fernsehen und Computer anstatt mit anderen Kindern, beispielsweise beim Sport oder dem freien Spiel draußen. Dr. Frohne: "Diese Kinder sind permanent unterfordert und das in einem Alter, in dem die Entwicklung des Nervensystems, der Skelettmuskulatur und des gesamten Bewegungsapparates entscheidend geprägt werden. Die Folge können dann Verhaltensauffälligkeiten im körperlichen und sozialen Bereich sein. Oft sind die körperlichen oder psychischen Ursachen aber auch in der Familie, dem sozialen oder soziokulturellen Umfeld selbst zu suchen. Traumatische Erlebnisse wie beispielsweise ein Todesfall, Misshandlung oder zerrüttete Familienverhältnisse können ausgeprägte Verhaltensstörungen zur Folge haben. Ein weiterer Grund ist in erzieherischem Fehlverhalten zu suchen, dann, wenn Kinder entweder lieblos erzogen werden, wenn sie emotional und kognitiv vernachlässigt und unterfordert sind, aber auch zu sehr verwöhnt, oder überbehütet. Die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder kann dadurch nachhaltig gestört werden. Aggressives und unsoziales Verhalten, mangelndes Selbstbewusstsein, Lernschwierigkeiten, körperliche Defizite und unzureichende Körperwahrnehmung können die Folge sein."

EKE - Therapeutinnen bei der Behandlung eines Kindes im Sozialpädiatrischen Zentrum im EKE
Es reicht in den meisten Fällen nicht aus, nur mit dem Kind therapeutisch zu arbeiten. Daher bezieht die Therapie immer auch die Familie des Kindes ein. Für den Behandlungserfolg ist es notwendig, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen und mit den Eltern ehrlich über Diagnosestellung, Therapie und mögliche therapeutische Erfolge zu sprechen. "Die Mithilfe der Eltern ist wichtig und notwendig, aber nicht immer leicht zu erreichen", erklärt die Leiterin des SPZ. "Viele Eltern stehen der Diagnose und Therapie sehr aufgeschlossen gegenüber, sie sind froh, endlich etwas tun zu können. Doch für manche ist die Diagnose erst einmal ein Schock. Sie werden möglicherweise mit Informationen konfrontiert, die nicht einfach zu verarbeiten sind. Sei es, dass ihr Kind lernbehindert und auf eine Sonderschulform angewiesen ist oder sie selber möglicherweise für die Entwicklungs- und Verhaltensstörungen mitverantwortlich sind. Wir lassen den Eltern Zeit, sich mit der neuen Situation auseinander zu setzen und die sozialen und emotionalen Probleme zu bewältigen. Und das bedeutet auch wichtige Zeit für das Kind, um mit Hilfe der Therapeuten und Eltern zu lernen, wieder ein möglichst normales Leben führen zu können."
Eltern sind, wenn es um das Wohlergehen ihres Kindes geht, heute mehr denn je gefordert. Daher ist es wichtig, nicht wegzuschauen sondern aufmerksam zu sein und Kinder so wahrzunehmen, wie sie sind, um mögliche Veränderungen frühzeitig zu erkennen. Sicherlich ist nicht jede Trotzigkeit, jedes Aufstampfen mit dem Fuß oder jede Streitigkeit mit Spielkameraden gleich eine Verhaltensstörung. Wenn Eltern jedoch unsicher sind, sollten sie mit dem behandelnden Kinderarzt oder der Kinderärztin sprechen und ihre Beobachtungen mitteilen. Dieser wird dann bei Bedarf eine entsprechende therapeutische Behandlung einleiten, so dass dem Kind gezielt geholfen werden kann.
Lieber Leser,
ich bitte Sie hiermit, in Ihrem Interesse und das Ihrer Kinder, sich ein eigenes Bild über das Ihrer Kinder zu machen.
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