16. März 2006
Als Heidi K. (68) mit anhaltend starken Schmerzen im Brust- und Rückenbereich ins Krankenhaus eingeliefert wurde, hatte sie zunächst angenommen, es sei ein Herzinfarkt. Schnell stellte sich aber heraus, dass mit ihrem Herzen alles in Ordnung war. Die Röntgenuntersuchung zeigte, dass die Schmerzen durch einen Einbruch eines Wirbelkörpers ausgelöst wurden.
Der Grund hierfür: Starker Knochenschwund – die so genannte Osteoporose. "Die Behandlung solcher osteoporotischer Wirbelkörperfrakturen nimmt heute einen immer größeren klinischen Stellenwert ein; die Zahl der Patienten wird durch die zunehmende Veralterung der Gesellschaft in den nächsten Jahren noch weiter steigen", sagt Dr. Berthold Heisterkamp, leitender Oberarzt der Unfallchirurgie in der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Unfallchirurgie im Elisabeth-Krankenhaus Essen. "Man kann davon ausgehen, dass bei etwa 30 Prozent aller über 60-jährigen Frauen infolge verstärkten Knochenabbaus spontane oder durch leichte Erschütterungen hervorgerufene Wirbelkörpereinbrüche auftreten. Bei Männern kommt diese Art der Fraktur auch, aber wesentlich seltener vor."
Ein zusammengebrochener Wirbelkörper kann über einen langen Zeitraum starke Schmerzen verursachen. Der Grund dafür ist, dass er immer weiter einbricht und so die empfindliche Knochenhaut ständig irritiert wird. Jede zweite Betroffene leidet unter schweren chronischen Schmerzen. Durch den entstehenden Höhenverlust beim Einbruch kommt es außerdem im Laufe der Zeit zu Verformungen der gesamten Wirbelsäule. Nicht nur eine Buckelbildung ist die Folge: Der Einbruch an einer Stelle führt unweigerlich zu einer Überlastung der anderen Wirbelkörperstrukturen. So steigt das Frakturrisiko auch für die anderen Wirbel deutlich an.

Wurden diese Osteoporosefolgen lange konservativ – durch Ruhigstellung der Wirbelsäule und Gabe schmerzstillender Medikamente – behandelt, so wurde mit den neuen minimal-invasiven Techniken in den letzten Jahren chirurgische Verfahren entwickelt, die vielen Betroffenen besser helfen können. Eines dieser neuen Verfahren ist die Kyphoplastie. Diese Operationsmethode wurde 1999 erstmals in Kalifornien eingesetzt. "Oberstes Ziel dieses Eingriffs ist es, die oftmals unerträglichen Schmerzen der Patienten zu beheben oder aber zumindest gravierend zu lindern", so Dr. Heisterkamp. "Im Gegensatz zu anderen Verfahren – beispielsweise der Vertebroplastie – erreichen wir mit der Kyphoplastie nicht allein die Stabilisierung eines eingebrochenen Wirbelkörpers, sondern gleichzeitig eine Rekonstruktion seiner ursprünglichen Höhe."
Der Begriff Kyphoplastie leitet sich aus dem Griechischen ab. "Kyphos" bedeutet "Wirbel", "plastein" heißt "bilden". Der Eingriff wird von spezialisierten Chirurgen in der Regel unter Vollnarkose vorgenommen und dauert pro behandeltem Wirbelkörper etwa zwanzig Minuten. Abhängig vom Einzelfall kann das Ärzteteam auch entscheiden, ob eine Lokalanästhesie in Frage kommt. Der Patient wird für diese Operation speziell gelagert: Er liegt auf dem Bauch, Rollen liegen unter der Beinbeuge und der Brust. "So werden der oder die eingebrochenen Wirbelkörper entlastet und nicht mehr von den benachbarten Wirbeln zusammengedrückt", erklärt Heisterkamp. Nach einem kleinen Hautschnitt wird in den eingebrochenen Wirbelkörper eine Kanüle platziert. Während des gesamten Eingriffs hat der Arzt Röntgensichtkontrolle. Ein Ballonkatheter wird nun durch die Arbeitskanüle in den Wirbel eingeführt und der Ballon wird mit Hilfe einer Flüssigkeit vorsichtig aufgefüllt. "Beim Aufdehnen wirkt der Ballon so ähnlich wie ein Wagenheber. Zwischen zehn bis 97 Prozent seiner ursprüngliche Höhe kann ein eingebrochener Wirbelkörper auf diese Weise wieder aufgerichtet werden", so der Chirurg aus Essen. "Frakturen, die nicht älter als acht bis zehn Wochen sind, lassen sich dabei in der Höhe besser rekonstruieren als ältere Frakturen." Auf Grund der speziellen Lagerung des Operierten bleibt der durch die Aufdehnung entstandene Hohlraum im Wirbel auch erhalten, nachdem der Ballonkatheter entfernt worden ist. Nach Entfernen des Ballons wird über die Arbeitskanüle mit sehr geringem Druck ein spezieller Knochenzement im Hohlraum verteilt. Die Kanülen können dann wieder entfernt werden. "Der Knochenzement härtet bei Körpertemperatur rasch aus und gibt dem aufgerichteten Wirbelkörper neuen Halt", berichtet Heiterkamp. "Zum Wundverschluss genügen in der Regel kleine Pflaster."

Neben Wirbelkörpereinbrüchen bei Osteoporose wird die Kyhoplastie auch bei weiteren Krankheitsbildern angewendet: Bei Einbrüchen, verursacht durch bösartigen oder gutartigen Tumorbefall, kommt der Eingriff ebenso als schmerzlindernde und stabilisierende Maßnahme zum Einsatz wie bei frischen Frakturen infolge einer Unfallverletzung, bei denen eine offene operative Therapie nicht oder nicht alleine angezeigt ist. "Bei Kombination mit einer offenen Operation kann die Kyphoplastie in einer gemeinsamen Sitzung durchgeführt werden", so Heisterkamp. "In diesem Falle erfolgt der Zugang zum Wirbelkörper über die Operationswunde." Nicht geeignet ist die Kyphoplastie derzeit zur kosmetischen Korrektur einer verkrümmten Wirbelsäule oder bei einem Bandscheibenvorfall.
"Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass die Erfolgsrate des Verfahrens im Hinblick auf die Schmerzlinderung bei über 90 Prozent liegt", konstatiert Dr. Heisterkamp. "Eine deutsche Studie belegt, dass 30 Prozent der Fälle nach dem Eingriff völlig schmerzfrei sind und keine Schmerzmedikamente mehr benötigen. 60 Prozent der Behandelten haben deutlich geringere Schmerzen, können sich besser bewegen und benötigen seltener Schmerzmittel. Nur bei etwa zehn Prozent der Operierten wurde keine wesentliche Linderung der Schmerzen oder eine Verbesserung der Beweglichkeit erreicht." Nach eingehender Diskussion jedes einzelnen Falles werden im Elisabeth-Krankenhaus diejenigen Patienten ausgewählt, bei denen das Verfahren technisch machbar ist und als aussichtsreich angesehen wird. Das gewährleistet den guten Erfolg der Operation. "Dennoch muss jeder Patient vor dem Eingriff über denkbare Komplikationen informiert werden", so der Chirurg. "Denn auch die Kyphoplastie ist nicht völlig risikolos. Es besteht die Gefahr, dass Knochenzement aus dem Wirbelkörper austritt und in die Umgebung gelangt. Wenn der Zement dann auf Nerven oder Rückenmark drückt, verursacht er Beschwerden." Die schlimmste denkbare Komplikation wäre eine Nervenschädigung im Bereich des Rückenmarks mit Nervenausfällen. Solche Komplikationen kommen aber zum Glück sehr selten vor.
"Die meisten Patienten sind ein bis zwei Tage nach der Operation mobil und können entlassen werden", sagt Heisterkamp. "Die behandelten Wirbel sind jetzt belastungsstabil. Ein Korsett oder ähnliche Hilfsmittel benötigen die Patienten nicht. Nachuntersuchungen sollten allerdings im ersten Jahr einmal pro Quartal stattfinden, danach jährlich. Bei einer bestehenden Osteoporose muss die Grunderkrankung natürlich weiter behandelt werden, um weitere Wirbeleinbrüche zu vermeiden." Auch Frau K. konnte die Klinik nach zwei Tagen wieder verlassen. Ihre Schmerzen sind so gut wie verschwunden und da ihr eingebrochener Wirbel in seiner Höhe bis zu 70 Prozent rekonstruiert werden konnte, hat sich für sie auch das Folgefrakturrisiko durch ihre aufrechtere Haltung deutlich reduziert.
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