Mit ihnen starten wir in den Tag, sie halten uns in Bewegung und geben uns Standfestigkeit in vielen Lebenslagen: Unsere Füße. Kein anderes Körperteil belasten wir im Laufe unseres Lebens ähnlich stark. Jedes dieser Meisterwerke der Natur besteht aus 26 Knochen, 31 Gelenken, 29 Muskeln, 50 Bändern, etwa 500 Venen, Adern und Kapillaren und noch einmal so vielen Nervenenden. Aber es ist nicht nur die Funktion, die hier zählt, auch das Erscheinungsbild ist uns wichtig. Doch nicht alle Füße sind so, wie dies für einen perfekten Auftritt wünschenswert wäre: Insbesondere Fehlstellungen der Zehen sind in den westlichen Kulturkreisen keine Seltenheit.

EKE - Hallux valgus: re. vor li. nach der operativen Korrektur
Der Ballenzeh – in der medizinischen Fachsprache auch Hallux valgus genannt – ist die bekannteste Zehendeformierung. Sie ist normalerweise nicht angeboren, sondern entwickelt sich im Laufe des Lebens. Die Großzehe hat dabei nicht mehr ihre anfängliche Position, sondern ist in Richtung der anderen Zehen abgewinkelt. Typische Erscheinungsmerkmale sind neben der Schiefstellung der Zehe auch der hervorstehende Großzehenballen. Frauen sind etwa neunmal häufiger von dieser Deformation betroffen als Männer.
Die Ausbildung eines Hallux valgus wird durch zahlreiche Faktoren beeinflusst. "Der Spreizfuß ist eine davon", erklärt Orthopäde Dr. Tobias Schlegel, Chefarzt im St. Marien-Hospital Mülheim an der Ruhr – ein Haus der Contilia Gruppe. "Beim Spreizfuß – bei dem die fünf Mittelfußknochen fächerförmig auseinander gedrückt werden – kommt es zunächst zu einer Absenkung des vorderen Fußquergewölbes. Ein Großteil des Körpergewichtes verlagert sich vornehmlich beim Abrollvorgang so auf den zweiten und dritten Mittelfußknochen, die randständigen Knochen rücken nach außen und der Großzehenballen tritt seitlich hervor. Die veränderte Winkelstellung der Fußknochen zueinander führt nun im Laufe der Zeit zu einer Seit- und Drehabweichung der Großzehe." Begünstigt wird ein Spreizfuß durch eine anlagebedingte Bänder- und Bindegewebsschwäche. Durch Übergewicht, langes Stehen und hohe Absätze kommt es zusätzlich zu einem erhöhten Druck auf den Vorfuß, was die Spreizfußfehlstellung weiter zunehmen lässt. Nicht nur High Heels, sondern auch zu enge und spitze Schuhe fördern das Entstehen eines Hallux valgus. "Durch diese Mode werden Zehen in eine Lage gezwungen, die im Laufe der Zeit zu einer bleibenden Fehlstellung in den Fußgelenken führen kann", so Schlegel.

EKE - Röntgenbild: li. ein gesunder Fuß ohne Schuh, re. ein gesunder Fuß im Schuh
Der Hallux valgus bereitet in den meisten Fällen anfangs nur wenige Beschwerden. Trotzdem ist er schon dann mehr als ein kosmetisches Problem. Unbehandelt kann er eine fatale Kettenreaktion in Gang setzen. Schlegel: "Die ersten Beschwerden treten in aller Regel am hervorstehenden Ballen der Großzehe auf. An dieser Stelle ist der Fuß am breitesten, dementsprechend drücken Schuhe hier besonders stark. Rötungen, Druckstellen und bisweilen entzündlich veränderte Hornhautbeschwielungen sind die Folge dieser anhaltenden mechanischen Reizzustände. Im Endstadium der Erkrankung bestehen oft Dauerschmerzen. Das Tragen von herkömmlichen Schuhen ist dann zumeist nicht mehr möglich. Für viele Betroffene können schon kurze Wegstrecken eine beträchtliche Strapaze bedeuten." Im Allgemeinen schreitet die Vorfußverformung langsam voran. Im Extremfall kann die Großzehe immerhin annähernd 90 Grad von ihrer Grundstellung nach außen abweichen. "Kein Gelenk ist für eine solche Fehlstellung angelegt. Daher kommt es im Verlauf der Erkrankung zu einem frühzeitigen Verschleiß des Gelenkes, einer so genannten Arthrose. Diese geht mit schmerzhaften Bewegungseinschränkungen einher", so der Orthopäde aus Mülheim. "Gleichzeitig wird die Großzehe seitlich gegen die Nachbarzehen gedrückt und kann sich in ausgedehnten Fällen sogar über oder unter sie legen. Die Kleinzehen geraten immer mehr in Platznot, und so können sich Deformierungen wie Krallen- und Hammerzehen entwickeln. Das Selbstwertgefühl vieler Betroffener leidet empfindlich unter den krummen Zehen. Auf die Dauer nehmen auch die Fehlbelastungen der anderen Gelenke deutlich zu, welche überdies durch den gestörten Abrollvorgang des Fußes fortwährend in Mitleidenschaft gezogen werden."
Schlegel empfiehlt seinen Patienten, sich bereits im Frühstadium der Erkrankung in die Behandlung eines Spezialisten zu begeben, um mit diesem nicht operative Vorbeugemaßnahmen, aber auch mögliche operative Korrekturen zu besprechen: "Operationen sollten immer dann in Betracht gezogen werden, wenn es bei raschem Voranschreiten der Erkrankung zu schmerzhaften Funktionsbehinderungen kommt, und zudem auch ein tiefgehender kosmetischer Leidensdruck besteht. Grundsätzlich gilt: Je hochgradiger die Verformung bereits ist, umso komplizierter wird der Eingriff, umso höher ist die Komplikationsrate und umso eingeschränkter ist oft das Ergebnis. Behandlungen mit Fußbädern, Einlagen und Schienen können den Hallux valgus und den Gelenkverschleiß selbst nicht korrigieren oder aufhalten, sondern allenfalls Symptome und einige Folgeerscheinungen lindern. In vielen Fällen wird wertvolle Zeit mit sinnlosen Prozeduren vergeudet. Die Deformation und die Gelenkzerstörung sind dann oft so ausgeprägt, dass unkompliziertere Operationsmethoden manchmal nicht mehr in Frage kommen." Insgesamt sind weit über 100 verschiedene Operationsverfahren für den Vorfußbereich bekannt. Welches letztlich angewandt wird, hängt vom Erfahrungsstand des Operateurs genauso ab, wie von der Art und Lokalisation der Fehlstellung, dem Ausmaß der Arthrose sowie dem Alter und den individuellen Erwartungen des Patienten. "Die moderne Fußchirurgie hat sich in den letzen Jahren zu einem Spezialgebiet entwickelt, das Gelenkerhalt und Ästhetik kombiniert", betont Schlegel. "Vorrangiges Ziel der operativen Korrektur ist die rechtzeitige Funktionsverbesserung der Gelenke und somit die weitestgehend mögliche Wiederherstellung einer schmerzfreien Beweglichkeit. Nur bei weit fortgeschrittenen Erkrankungsstadien finden heute noch Versteifungsoperationen oder Gelenkentfernungen Anwendung. Ein erfahrener Operateur vermag traditionelle Verfahren mit modernen zu kombinieren, um so auch komplizierte Fehlstellungen korrigieren zu können. Der prothetische Gelenkersatz von Zehengelenken spielt heutzutage noch eine untergeordnete Rolle." Alles in allem sind die Ergebnisse der modernen Operationsverfahren sowohl in funktioneller als auch kosmetischer Hinsicht segensreich. Dennoch warnt Schlegel vor zu übertriebenen Erwartungen: "Durch eine Operation sind größtenteils deutliche Besserungen erreichbar, jedoch lassen sich physikalische Gesetze nicht beugen."
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