23. Mai 2009
Von Andreas Hadel
Eine Mischung aus wissenschaftlichen Erkenntnissen und cleverer Vermarktungsstrategien setzte eine Hysterie in Gang, die zuweilen groteske Züge annimmt. Mit den Kohlenhydraten wird genau jener Makronährstoff an den Pranger gestellt, der zu seiner Gefolgschaft Unmengen an Vitaminen und vielerlei Mineralien zählt. Das ein Verzicht auf Kohlenhydrate zum vergleichsweise schnelle Abbau von Körperfett führt, ist mittlerweile mehrfach belegt und gilt unter Medizinern, Sportwissenschaftlern und Ernährungsexperten gleichermaßen als Konsens. Dennoch darf das nicht über die potentiellen Gefahren von Low-Carb-Diäten hinwegtäuschen.
Das Fundament der Anti-Kohlenhydrat-Bewegung beruht auf der Erkenntnis, dass Kohlenhydrate zu der vermehrten Ausschüttung von Insulin führen. Insulin hat als anabol wirkendes Hormon die Eigenschaft, Nährstoffe in unser Körpergewebe einzubauen. Darunter fällt natürlich auch die Aufgabe, unsere Fettdepots wann immer möglich aufzustocken. Und genau das wurde den Kohlenhydraten zum Verhängnis, denn die Anhänger von Atkins und Co. tragen die Botschaft in die Welt, dass der Verzicht von Kohlenhydraten die Fetteinlagerung behindert. Manche Vertreter der Low-Carb-Idee lassen sich sogar zu der Aussage hinreißen, dass der Fettaufbau dadurch gänzlich verhindert werden könne. Tatsache ist jedoch, dass Kohlenhydrate nur dann als Bauchspeck oder Hüftgold enden, wenn von Ihnen zu viel konsumiert wird. Dies trifft aber genauso auf die anderen beiden Makronährstoffe, nämlich Eiweiße und Fetten, zu.
Eines der Hauptprobleme von Diäten, die die Kohlenhydratzufuhr extrem reduzieren, ist die dadurch entstehende zu niedrige Aufnahme an Ballaststoffen. Wer sich auf den Anti-Carb-Pfad begeben möchte, muss daher sicher stellen, dass die wenigen Kohlenhydrate, die er aufnehmen darf oder will, wenigstens in Begleitung mit Ballaststoffen in den Rachen wandern. Bohnen und Brokkoli sind nur zwei von vielen pflanzlichen Vertretern, die eine überschaubare Menge an Kohlenhydraten in sich tragen, aber eben auch einen soliden Anteil an Ballaststoffen haben. Ernährungsexperten empfehlen jeden Tag zirka 25 mg an Ballaststoffen zu sich zu nehmen. Wie neuere Studien andeuten, kann ein dauerhafter Mangel davon zu einem erhöhten Darmkrebsrisiko führen und andere Erkrankungen des Verdauungssystems begünstigen.
Ein weiterer Nachteil entsteht durch den verstärkten Verzehr von Fleischprodukten und Fetten, der automatisch entsteht, wenn die Zufuhr an Kohlenhydraten extrem eingeschränkt wird. Nicht selten verwechseln Diätiker den Low-Carb-Ansatz mit einem Frei-Ticket für exzessiven Fleischkonsum. Auf Grund der Abwesenheit von Kohlenhydraten, so der Irrglaube, kann ohnehin kein Fett eingelagert werden. Obwohl in dieser Annahme ein Funken Wahrheit steckt, wird auch ein Überschuss an Fett- und Eiweißkalorien, wie von Mutter Natur vorgesehen, in unsere Notfallspeicher eingebaut. Hinzu kommt, dass bei einige Low-Carb'ler bei der Zubereitung von Fleischgerichten nicht gerade gesundheitsbewusst vorgehen. Was nutzt mir ein Abbau von überschüssigen Pfunden, wenn ich mir dafür Cholesterinwerte einhandele, die jenseits von Gut und Böse stehen. Ein diabolischer Pakt ist es auch in der Hinsicht von Purinen, welche die Entstehung von Gicht begünstigen. Am besten fahren Sie mit einer kohlenhydratreduzierten Diät, wenn Sie sie auf mageres Fleisch, Geflügel und Fisch aufbauen.
Sie dürfen das Low-Carb-Konzept auch nicht als eine Diät verstehen, die man nach erfolgreichem Gewichtsverlust wieder beenden kann. Low-Carb ist vielmehr ein Lebensstil, der auf einen langfristigen Wandel der Essgewohnheiten abzielt. Wer sich jedoch nicht für den Rest des Lebens von Kartoffeln, Reis und Brot verabschieden will, läuft Gefahr, sich nach der Rückkehr zur "normalen" Ernährungsweise die Pfunde wieder anzuessen.
Wählen Sie daher eine Diät, die Ihren Lebensgewohnheiten am nächsten kommt und Ihnen dadurch zum dauerhaften Erfolg verhilft.
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