16. April 2007
Bisher gingen die Forscher davon aus, dass die Informationsübertragung von Nervenzelle zu Nervenzelle in geordneten Bahnen erfolgt. Doch nun stellt sich heraus, dass im Gehirn wild gefeuert wird.
Die bisherigen Theorien über die Funktionsweise unseres Nervensystems sind ins Wanken geraten. Bisher vermutete man, dass sie Nervenzellen ihre Informationen über so genannten Dendriten empfangen. Das sind kurz Fortsätze der Nervenzellen, die zum Zentrum der Zelle hinlaufen - dem Zellkörper. Von diesem sollen die Informationen zu einem langen Zellausläufer weitergeleitet werden, dem Axon. Nur er - so dachte man - ist in der Lage, die Informationen von einer Zelle auf die andere zu übertragen. Die Weiterleitung geschieht dabei über die Synapsen, die den Kontakt zwischen zwei Nervenzellen herstellen. Die Synapsen zweier Zellen liegen dabei nicht direkt an einander, weshalb die Informationsübertragung über chemische Botenstoffe erfolgen muss. Diese binden an Rezeptoren der Zielzelle, an der sie erneut in elektrische Impulse umgewandelt werden.
Doch dies scheint ein Irrglaube zu sein. Der Bonner Privatdozent Dr. Dirk Dietrich: "Bisher nahm man an, dass nur an Synapsen Neurotransmitter ausgeschüttet werden. Das scheint nach unseren Erkenntnissen aber nicht zu stimmen."
Bei Forschungen an Ratten hat Dietrich zusammen mit seinen Kolleginnen Dr. Maria Kukley und Dr. Estibaliz Capetillo-Zarate die weiße Hirnsubstanz unter die Lupe genommen. Sie konnten beobachten, dass bei der Informationsweiterleitung an den Axonen kleine Bläschen mit Glutamat an der Oberfläche der Fortsätze entlang wandern. Glutamat ist ein wichtiger Botenstoff im Gehirn, der von den Synapsen beim Eintreffen elektrischer Impulse freigesetzt werden kann. Dietrich zu den Ergebnissen: "Wir halten es für wahrscheinlich, dass die Axone auch außerhalb von Synapsen auf ihrem Weg durch die graue Substanz Glutamat freisetzen. Hier liegen Nervenzellen und Dendriten dicht an dicht. Das Axon könnte so also nicht nur den eigentlichen Empfänger, sondern auch noch zahlreiche weitere Nervenzellen erregen."
Wenn diese These tatsächlich stimmen sollte, muss die Lehrmeinung, die seit über hundert Jahren gültig ist, revidiert und sämtliche Lehrbücher umgeschrieben werden.
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