8. August 2008
Die Wirbelsäule bildet die Mitte unseres Körpers. Sie verbindet alle Teile des Skelettes miteinander und das in ihrem Inneren liegende Rückenmark spielt bei der Übermittlung von Reizen eine zentrale Rolle. Die Wirbelsäule des Menschen besitzt 23 Bandscheiben – flexible, knorpelige Verbindung zwischen den knöchernen Wirbeln. Diese verhindern, dass die Wirbelkörper direkt aufeinander reiben, dienen als Puffer bei Erschütterungen und vor allem ermöglichen sie Beweglichkeit.

MHM - Röntgenaufnahme nach Implantation einer Bandscheibenprothese im Halsbereich
Aufgrund unserer Lebensweise nehmen degenerative – also verschleißbedingte – Erkrankungen der Wirbelsäule in den letzten Jahren immer mehr zu. Am häufigsten kommt es zu Bandscheibenschäden oder -vorfällen im Bereich der Lendenwirbelsäule. Gar nicht so selten ist aber auch die Halswirbelsäule betroffen. Bandscheibenprobleme der unteren und mittleren Halswirbelsäule stehen in der Häufigkeit an zweiter Stelle und stellen ein nicht zu unterschätzendes Gefährdungspotenzial dar: Drückt ein Bandscheibenvorfall hier auf das Rückenmark, kann es durchaus zu einer Querschnittlähmung kommen, bei der der gesamte Körper vom Hals abwärts gelähmt ist.
Zwar sind Bandscheibenerkrankungen in der Regel auf Verschleiß zurückzuführen, dennoch bedeutet dies nicht, dass sie nur bei alten Menschen auftreten. "Auch schon in jungen Jahren kann das Bandscheibengewebe seine Festigkeit und Elastizität einbüßen und damit anfällig werden für Vorwölbungen oder Vorfälle", erklärt Dr. Sven Nagel, Leitender Oberarzt des Bereichs Wirbelsäulenchirurgie in der Klinik für Unfall-, Wiederherstellungs-, orthopädische und Wirbelsäulenchirurgie am St. Marien-Hospital Mülheim an der Ruhr. "Fehlhaltungen oder Überlastungen im Beruf oder beim Sport sind häufig die Ursache. Die eine oder andere Bandscheibe kann auf Dauer dem hohen Druck nicht standhalten und wölbt sich vor. Zumeist ragt sie dann seitlich in den Rückenmarkskanal hinein und engt die durch die seitlichen Wirbellöcher austretenden Nerven ein. Je nachdem, auf welcher Etage der Halswirbelsäule dies geschieht, kommt es zu charakteristischen Beschwerden wie Schmerzen im Nacken- und Armbereich oder sogar zu Lähmungserscheinungen. Einen Bandscheibenvorfall ohne Lähmungserscheinungen wird man zunächst konservativ – d.h. mit schmerzstillenden Medikamenten, Physiotherapie und speziellem Muskelaufbautraining – behandeln. Führt dies nicht zu einem ausreichenden Erfolg oder droht eine Querschnittlähmung, muss operiert werden. Ein derartiger Eingriff sollte wegen der räumlichen Nähe zum Rückenmark aber nur von einem erfahrenen Wirbelsäulenchirurgen durchgeführt werden."
Je nach Art der Symptome und Verschleißerscheinungen existieren an der Halswirbelsäule verschiedene operative Therapiemöglichkeiten, um die Beschwerden zu lindern. Ein seit langem erfolgreich praktiziertes Verfahren ist die Versteifungsoperation (Spondylodese). Dabei wird ein Bandscheibenvorfall inklusive des kompletten Bandscheibenmaterials aus dem Zwischenwirbelraum entfernt. Anschließend wird zwischen die Wirbelkörper ein lastabstützendes Implantat eingebracht und die beiden benachbarten Wirbelkörper mit einer Schrauben-Platten-Kombination fest miteinander verbunden. "Wie der Begriff Versteifungsoperation schon sagt, ist nach dem Eingriff die Beweglichkeit im operierten Bereich nicht mehr gegeben. Die meisten Patienten können diese Bewegungseinschränkung jedoch zumeist gut kompensieren", so Dr. Nagel. "Das eigentliche Problem einer solchen Spondylodese ist jedoch, dass die Wirbelsäulensegmente ober- und unterhalb des Operationsfelds nun intensiver belastet werden. Ein Verschleißprozess kann jetzt verstärkt auftreten. Bei vermutlich zehn bis 15 Prozent aller Patienten wird ein erneuter Eingriff mit weiteren Versteifungen innerhalb von etwa zehn Jahren erforderlich."
Um Schmerzen zu beseitigen, die normale Beweglichkeit zu erhalten und dabei das vorzeitige Auftreten von Verschleißerscheinungen der angrenzenden Etagen zu vermeiden, wurden in den letzten Jahren Bandscheibenprothesen speziell für den Halsbereich entwickelt. Die Implantation einer solchen so genannten zervikalen Prothese stellt bei einer bestimmten Patientengruppe eine Alternative zur Versteifungsoperation dar, wird jedoch nur nach sorgfältig gestellter Indikation durchgeführt. Dr. Nagel: "Sie kommt in erster Line für Patienten bis zu einem Alter von etwa 50 Jahren in Betracht, da bei ihnen die generellen degenerativen Veränderungen noch nicht so fortgeschritten sind. Berücksichtigt werden muss bei der Indikation vor allem, wie die angrenzenden Bandscheiben und die Facettengelenke der gleichen Etage aussehen. Bei einem Verschleiß dieser kleinen Zwischenwirbelgelenke, die die Wirbelsäule verbinden und stabilisieren, würde mit dem alleinigen Ersatz der abgenutzten Bandscheibe die Schmerzsymptomatik nicht ausreichend behoben. Auch bei einer hochgradigen Verengung des Nervenaustrittslochs oder wenn durch den Verschleiß bereits eine 'natürliche' Versteifung eingetreten ist, verspricht der Einbau einer künstlichen Bandscheibe keinen Erfolg."
Der Einbau der zervikalen Bandscheibenprothese erfolgt über einen ca. sechs Zentimeter langen Schnitt am Hals. "Dieses Vorgehen hat zwei wesentliche Vorteile: Es müssen kaum Muskeln durchtrennt werden und man gelangt zum Bandscheibenfach, ohne das Rückenmark in Mitleidenschaft zu ziehen", erläutert der Wirbelsäulenspezialist aus Mülheim. "Mit einem Spreizsystem wird der Zwischenwirbelraum zunächst auf seine ursprüngliche Höhe angehoben. Dann können die Reste der erkrankten Bandscheibe und auch eventuell störende Knochenzacken, die auf Nervenwurzeln oder das Rückenmark drücken, vorsichtig abgetragen werden. Schließlich wird die Bandscheibenprothese eingesetzt. Sie besteht aus drei Elementen: Zwischen zwei Titanplatten liegt ein Kern aus dem extrem belastbaren Kunststoff Polyethylen. Die Oberflächen der Metallplatten sind auf der Seite zum Wirbelkörper hin aufgeraut. Dies erleichtert das knöcherne Anwachsen der Prothese. Metallene Fortsätze geben darüber hinaus eine hohe Primärstabilität. Durch den Kunststoffkern und den funktionellen Aufbau erlaubt die Prothese eine sehr natürliche Beweglichkeit – sowohl bei Vor- und Rückbeugung als auch zur Seitenneigung – und hat gleichzeitig dämpfende und puffernde Eigenschaften. Die Belastung benachbarter Wirbelabschnitte ist somit deutlich vermindert. Falls erforderlich, können bei einer Operation auch mehrere Etagen der Halswirbelsäule gleichzeitig mit einer Prothese versorgt werden. Unter Umständen kann es auch sinnvoll sein, eine Etage zu versteifen und die anderen mit einer Prothese beweglich zu erhalten."
Nach einem solchen Eingriff bleiben die Patienten in der Regel noch für einige Tage in stationärer Betreuung. Doch bereits am Operationstag dürfen sie wieder aufstehen. Die Halswirbelsäule kann und soll sofort bewegt werden. Eine spezielle Nachbehandlung – etwa das Tragen einer Halskrawatte – ist nicht erforderlich. Mit krankengymnastischen Übungen zur Kräftigung der Halsmuskulatur wird bereits in der Klinik begonnen und sie werden ambulant fortgesetzt. "Die volle Belastbarkeit ist – abhängig vom Allgemeinzustand – nach ca. drei Monaten gegeben. Auch sportliche Aktivitäten sind dann wieder möglich", so Dr. Nagel, "auf Extremsportarten sollte mit einer zervikalen Bandscheibenprothese allerdings verzichtet werden."
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