17. November 2011
Stilmöbel als Kennzeichen bürgerlicher Wohnkultur sind leicht zu erkennen, da sie sich an der opulenten Epoche des Barock orientieren. Es dominieren schwere Hölzer, reich verziert, und geschwungene Formen. Diese dienen vor allem der Zierde und erst in zweiter Linie der Funktion - beispielsweise die bei modernen Möbeln kaum noch anzutreffenden Beine beim Sideboard.
Stilmöbel werden aus massivem Holz, allen voran Eiche und Buche, gefertigt. Ihre Tönung reicht von dunklen bis zu mittleren Brauntönen. Stühle verfügen oftmals über reich verzierte, formvollendet gedrechselte Beine, Rückenlehnen mit Zieraussparungen und Armlehnen, deren Enden beispielsweise Löwentatzen zieren. Sie können, müssen aber nicht gepolstert bzw. mit Stoff bezogen sein. Schrankwände und Vitrinen sind mit sogenannten Butzenglasscheiben versehen, die von reich verzierten Holzrahmen gehalten werden. Auch Schranktüren, Schübe etc. sind reich verziert. So beispielsweise gehört ein Schrankaufsatz bei einem Stilmöbel zwingend dazu. Ein ganz typisches Stilmöbel ist die Récamière. Dieses kombinierte Sitz- und Liegemöbel, das keine Rückenlehne, dafür aber geschwungene Armlehnen hat und aus der Chaiselongue hervorgegangen ist, durfte in keinem Salon oder Boudoir fehlen.
Auch die Einrichtungen von typischen Herrenzimmern mit Bibliothek, schwerem Schreibtisch mit in die Platte eingelassener dunkelgrüner Auflage und Clubsesseln kann gänzlich aus Stilmöbeln bestritten werden, ebenso eine Esszimmereinrichtung mit Tisch, Stühlen und Vitrinenschränken. Seltener finden sich auch Schlafzimmereinrichtungen unter den Stilmöbeln. Vor allem aber ist das bürgerliche Wohnzimmer die Domäne der Stilmöbel: Möbel im altdeutschen Stil, später auch als Gelsenkirchener Barock bekannt. Die Originalmöbel wurden etwa zwischen 1850 und 1910 als handwerkliche Einzelstücke hergestellt. Ihr Erscheinungsbild lehnte sich an Möbel des Spät- und Hochmittelalters, vor allem aber des Barock an. Seit den 1930er Jahren wurden industrielle Kopien dieser Stilmöbel serienmäßig gefertigt und hielten Einzug in die gutbürgerlichen Wohnzimmer, während gehobene Kreise eher auf modernes Mobiliar im Bauhaus- oder Werkbund-Stil setzten. Nach dem Zweiten Weltkrieg erfreuten sich Stilmöbel vor allem im Kleinbürgertum einiger Beliebtheit, vermutlich, weil sie Geborgenheit und die Erinnerung an die "guten alten Zeiten" zu vermitteln verstehen.
Auch heute haben Stilmöbel ihre Liebhaber, die vor allem ihre massive Qualität und schiere Unverwüstlichkeit schätzen. Wem hingegen nur die Optik der Stilmöbel gefällt, der wird in den geläufigen Möbelhäusern fündig, die den Stilmöbeln nachempfundene Stücke führen.
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