3. November 2009
Von Viola Reinhardt
Manchmal läuft es eben auch anders herum: Im Berliner Bus sitzt eine junge Frau mit zahllosen Einkaufstaschen, einem Kind im Kinderwagen und einem weitern Kind auf dem Schoß auf einem der Plätze für gehbehinderte Menschen. Anstatt sich auf einen der anderen freien Plätze zu setzen, beansprucht eine ältere Frau unter Vorlage ihres "Jagdscheins", wie der Behindertenausweis bei Jugendlichen gerne scherzhaft genannt wird, den von der jungen Mutter besetzten Platz. Zwei Stationen später steigt die alte Frau bereits wieder aus und bedeutet der jungen Mutter, das sie doch jetzt wieder hinsetzen könne. Die junge Mutter daraufhin schlagfertig: "Ihren Platz könn' Se von mir aus mitnehmen!"
Der Regelfall ist aber meistens ein anderer. Das geht schon beim Einsteigen los, wo die jugendlichen Buspassagiere sich gnadenlos unter Einsatz von Ellenbogen und Schulranzen an der Türe vordrängeln, um dann im Businneren noch einen der wenigen Sitzplätze zu ergattern. Von da aus schauen sie dann häufig ganz cool zu, wie sich neben ihnen eine alte Omi mit ihrem Gehstock um Halt bemüht. Würde man nicht ohnehin schon stehen, zögerte man als Erwachsener jedenfalls keine Sekunde, um der sichtlich gehbehinderten Frau einen Sitzplatz freizumachen.
Es bleibt also nur, einen der jungen Herschafften dazu aufzufordern, doch bitte seinen Sitzplatz zu räumen. Der Bengel zieht es aber vor, lieber weiter mit seinem Handy zu spielen oder so zu tun, als würde er wegen der Kopfhörer seines MP3-Spielers nichts hören. Da fragt man sich dann schon: Was hat der Knabe da für Eltern? Wo lernt man ein solches Sozialverhalten? Was ist mit dem Anstand und was ist mit dem Mitgefühl dieser jungen Menschen los?
Die Gegenfrage, die dann natürlich auch häufig kommt, ist die, warum alte Menschen immer gerade zu Zeiten Bus fahren müssen, in denen vorzugsweise Schüler unterwegs sind und die Busse und Bahnen entsprechend voll sind. Die Antwort ist leider eben so einleuchtend wie traurig: Damit sie sich im Gedränge mal wieder selber spüren. Viele alte Menschen sind bei uns derart einsam, dass ihnen die Nähe anderer Menschen im Gedränge immer noch lieber ist, als das ständige Alleinsein zu Hause vor dem Fernseher.
Auch wenn es sich gerade etwas verallgemeinernd anhört, so ist es leider eine Realität. Diese jedoch wird immer wieder durch viele Kinder und Jugendliche ins rechte Licht gerückt. Hilfsbereitschaft, Zivilcourage und Nächstenliebe sind glücklicherweise für die meisten Kids keine Fremdwörter aus dem Lexikon, sondern gelebter Alltag. Nicht nur Eltern können in solchen Fällen stolz auf ihren Nachwuchs sein, denn ihr Vorbild hat gewirkt und darf mit stolz angefüllt werden. So zeigt sich dann schlussendlich doch wieder einmal mehr, dass Werte im Elternhaus gelebt und weitergegeben werden.
Also liebe Mitmenschen und vor allem liebe Eltern: Ein bisschen mehr Mitgefühl kann niemandem schaden, auch Ihren Kindern nicht – und alt wird jeder von uns sowieso irgendwann, und das geht, im allgemeinen, viel, viel schneller, als man selber denkt!
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