19. August 2008
Von Judith Heede
Mit der Genauigkeit des Deutschen, der Kreativität des Briten und der Ruhe des Österreichers ist der deutsche Jungdesigner Marcel Ostertag auf dem besten Weg der deutschen Modebranche auf die Sprünge zu helfen.
In Deutschland hat Mode nicht den Stellenwert, den sie in Frankreich, Italien oder England hat.
Hier werden Modestudenten nicht genug gefördert, noch wird Mode gar als Kunst gesehen, wie in den Modemetropolen Paris, Mailand oder London. "Man muss versuchen das typisch deutsche abzuwerfen. Man will sich in Deutschland nicht weiterentwickeln oder sich verändern." Und weil sich der junge Marcel Ostertag aber so schnell und so gut wie möglich weiterentwickeln wollte, beschloss der Absolvent der Münchner Modedesignschule Esmod, seinen Master in London, auf dem renommierten St. Martins College of Arts zu machen. "Dort war die technische Ausbildung zwar weniger gut, dafür aber entwickelt man das kreative Gespür, dass man benötigt, um eine Kollektion auf die Beine zu stellen." Und dass deutsche Struktur und Industrie, gepaart mit britischer Kreativität eine gute Mischung ergibt, kann man in Marcel Ostertags Boutique in München seit drei Saisons sehen. Inspirieren lässt er sich am liebsten aus dem Ballett, in dem er selbst einmal zu Hause war, bevor er durch eine Knieoperation seine Karriere als Profitänzer abbrechen musste. Fließende Stoffe und dem Körper schmeichelnde Schnitte erinnern in Ostertags Kollektionen an seine vergangene Leidenschaft. Extravaganzen und untragbare Schnitte kann sich der Jungdesigner nicht leisten, denn auch ein Modedesigner muss verkaufen. "Speziell aber trotzdem tragbar muss es sein", denn Labels wie Gucci, Prada und Co. finanzieren sich schon längst nicht mehr durch die extremen Outfits auf den Laufstegen, sondern über Accessoires. Und weil Ostertag sich selbst erst in der nächsten Saison an eine Taschenkollektion wagen möchte, muss die Mode auch verkäuflich sein.
Gerade in München wagen sich nur Wenige in ausgefallenen Outfits auf die Straßen – schon die weit geschnittenen Pluderhosen aus der neuen Kollektion bereiten Marcel Ostertag Probleme. In einer Stadt wie London, wo man seine Kollektionsentwürfe dem Dozenten auf der Schuhsohle präsentiert, würden ihm die Hosen vermutlich aus der Hand gerissen werden, "doch nach fünf Jahren London ist man einfach overdosed". Auch die Familie und die Gemütlichkeit haben den Einser-Studenten zurück in die deutsche Heimat gezogen. Und weil nirgendwo in Deutschland das Geld so locker sitzt, wie in der bayerischen Hauptstadt, steht Marcel gerne hinter dem Tresen der kleinen, hellen Boutique in der Rumforstraße in München.
"Er wusste schon immer was er will und war immer sehr schnell in der Umsetzung seiner Ideen" sagt Marcels Mutter, mit der er ein inniges Verhältnis führt und der er viel zu verdanken hat. Die Finanzierung des Studiums und die volle Unterstützung bei seinen Träumen. Ob das die täglichen Fahrten in die Ballettschule waren oder eben die Barbiepuppe zu Weihnachten. Es sei schließlich "die Verpflichtung der Eltern, die Kinder zu pushen!". Und das scheint sich ausgezahlt zu haben - nach der Boutique in Wien, wo er eine Zeit lang lebte, hat Ostertag am 1. Dezember 2006 seinen zweiten Shop in München eröffnet. Dabei ging er auf britische Art kreativ vor und strich aus lauter Ungeduld den Boden selbst.
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