Dass ein Rocker immer Lederjacke trägt und Harley fährt und ein Hippie lange Haare trägt und für den Frieden demonstriert, ist bekannt. Doch was die neueste Subkultur ausmacht, ist noch relativ unbekannt und unter einem "Krocha" können sich im Moment noch die Wenigsten etwas vorstellen.

Neonfarbene Cap - Eines der modischen Erkennungszeichen vieler Krocha
Die Jugendbewegung, die sich selbst als Krocha bezeichnet, entstand 2007 in Wien und breitete sich in der Umgebung schnell aus bis nach Graz. Der Begriff "Krocha" leitet sich von "einekrochn" ab und geht auf eine Wortkreation Stefan Berdorfer alias DJ Stee Wee Bee zurück. Seit Beginn der Achtzigerjahre beobachtet der 45-Jährige Discjockey das Geschehen in den großen Clubs Österreichs und ist sozusagen "Mitten drin statt nur dabei". An der Entstehung der jungen Subkultur ist er nicht ganz unbeteiligt, lieferte er den jungen Leuten doch den Soundtrack für die sich anbahnende Szene: zu Musik aus den Neunzigerjahren entwickelten die Krocha eine simple, sehr flotte Tanzart, bei der die Tänzer so schnell wie möglich einen Fuß vor den anderen setzen, sich dabei aber kaum vom Fleck bewegen. Das Ganze Gezappel wirkt wie eine Mischung aus Charleston, Melbourne Shuffle und Breakdance-Kultur, mit einer Prise Hardstep – in Krocha-Kreisen allerdings zum Beat von harten Techno und Housetracks.
In der Disco hat der neue Tanzstil fast die komplette Tanzfläche vereinnahmt. Dabei bilden die Krocha einen Kreis, in dessen Mitte sich jeweils vier bis fünf Tänzer trauen, um die Kollegen mit ihren zu Hause einstudierten Dancemoves zu beeindrucken. Und wer richtig gut ist, darf sich mit Sicherheit am nächsten Tag bei Youtube bestaunen.
Und weil die tanzwütigen Jugendlichen neben dem für sie spezifischen Tanzstil auch einen individuellen Kleidungsstil hatten und mit neuartigen Ausdrücken wie "einikrochn" oder "Kroch' ma' eine" um sich warfen, gab DJ Berndorfer der neuen Subkultur ihren Namen und das Onlineportal krocha.at.
Doch längst finden sich die Krocha auch in anderen Onlineforen wie Youtube oder MyVideo. Mittlerweile existieren dort unzählige, mit dem Handy aufgenommene Krocha-Videos, die von den neuesten Tanzschritten bis zur von der Community gewählten Miss Krocha alles bieten, was das Krocha-Herz begehrt. Sogar ein eigenes Wörterlexikon ist hier zu finden. Begriffe wie "Oida" oder "fix" werden da genauso erklärt und übersetzt wie Krocha-Redewendungen: So steht "Kroch' ma' eine" (Krachen wir hinein) für Spaß haben oder für das Betreten einer Diskothek. Das im Wiener Dialekt gebräuchliche "Oida" wird fast jedem Satz vor- oder hintangestellt. Zur Betonung und Bejahung ist das Wort "Fix" gebräuchlich. Allgemeiner Ausdruck der Gefühlserregung ist das Wort "Bam". "Kroch ma eine in die Hittn" bedeutet etwa "Gehen wir in die Disco". "Schaust ua bombä aus" heißt "Du bist sehr hübsch".
"Als eigene Szenesprache würde ich das aber noch nicht bezeichnen", meint Philipp Ikrath, Leiter des Hamburger Departements des Instituts für Jugendkulturforschung in Wien. "Im HipHop beispielsweise gibt es inzwischen eine sehr elaborierte Sprechweise, bei den Krochan dagegen sind's bisher ja nur einige Phrasen. Diese sind aber auf jeden Fall wichtiger Teil des Szenecodes und dienen der Konstituierung und Verbreitung der Kultur."
Aber um als ein echter Krocha durchzugehen bedarf es allerdings mehr als nur die Sprache und den richtigen Rhythmus. Das wohl wichtigste Erkennungsmerkmal der Krocha sind Neonkappen. "Die Nachfrage ist sehr, sehr groß", sagt Cosmos, Verkäuferin bei Trend Agent auf der Mariahilfer Straße in Wien. Allerdings ist nicht nur die Nachfrage nach bunten "Kapperln" hoch, sondern auch bei T-Shirts. So tragen die Krocha entweder neonfarbene T-Shirts oder welche, auf denen protzig die Logos von teuren Modemarken wie D&G, Ed Hardy oder La Martina prangen. Manche der Schriftzüge sind mit Glitzersteinchen verziert, andere durch riesige zu Schals umfunktionierte Palästinensertücher verdeckt. Die Hosen sind eng und stecken in hohen Turnschuhen - gerne in Silber, Gold oder Lackoptik.
Mindestens so abgefahren wie die Kleidung sind auch die Frisuren der Krocha. In den letzten Monaten sei man von Krochan geradezu überlaufen worden, sagt Christina, die Geschäftsführerin des Friseurladens Young & Style. Zu Beginn der Bewegung sei der Trend bei Jungs in Richtung Vokuhila – vorne kurz, hinten lang, gerne auch geglättet – gegangen. Mittlerweile seien Irokesen und Strähnchen in allen möglichen Farben der favorisierte Krocha Haarschnitt. Weibliche Krocha setzen auf Extensions und auch einrasierte Muster an den abrasierten Seiten sind beliebt, genauso wie Piercings und nicht zu vergessen das "Soli". Die künstliche Bräune aus dem Solarium ist für jeden echten Krocha ein absolutes Muss.
Entwarnung kommt allerdings von Jugendforscher Philipp Ikrath: "Ich nehme an, dass es sich bei den Krochan um ein kurzfristiges Phänomen handelt. Jugendkulturen wachsen ja, indem sie in den Augen von Außenstehenden einen gewissen Coolheitsfaktor haben. Krocha aber werden außerhalb ihres Kreises eher belächelt. Nicht die besten Anzeichen für eine Massenbewegung also." Aber wurden dass die Hippies, Yuppies und Punks nicht auch?
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25.02.13 | |
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