
von Folker Kraus-Weysser
In welchem Land auch immer Billard gespielt wird, gibt es jeweils ein paar Fans, die fest daran glauben, kein anderer als irgendein kleverer Landsmann von ihnen habe dieses Spiel erfunden. Im Britischen Museum in London, das wohl über die größte Sammlung von Büchern verfügt, die jemals zum Thema Billard verfaßt wurden, sind allerdings zahllose Billard-Erfinder verzeichnet - Engländer, Deutsche, Franzosen, Spanier . . . Eine dieser Geschichten soll sich 1560 in London ereignet haben, wo damals der Pfandleiher Bill Kew lebte. Nun muß man wissen, daß englische Pfandleiher bis heute eine Art Branchenzeichen führen, etwa vergleichbar dem Äskulapstab der Ärzte oder dem runden Nickelschild, das in früheren Zeiten die Friseure vor ihre Ladentür hängten. Das Markenzeichen der britischen Pfandleiher besteht bis heute aus drei Elfenbeinkugeln, auf einem kleinen Holzgestell vor dem Laden aufgereiht. Anzumerken wäre vielleicht noch, daß im heutigen Plastik-Zeitalter die meisten Pfandleiher-Kugeln wohl nicht mehr aus dem wertvollen Elfenbein, sondern schlicht aus poliertem Kunststoff bestehen. Diese drei Kugeln holte jener Mister Kew eines Abends nach Ladenschluß herein und legte sie auf seinen Schreibtisch. Ganz zufällig begann er mit ihnen zu spielen - erst ließ er die eine gegen die andere rollen, dann versuchte er den Lauf der Kugeln durch einen gezielten Stoß mit einem Stock zu steuern, den er gewöhnlich zum Abmessen von Stoffen benutzte. Es war noch lange kein richtiges Spiel; dennoch übte es schon seinen Zauber aus. Kein Wunder deshalb, wenn sich der Pfandleiher, wohl ein phantasiebegabter Mann, die Mühe machte und rund um seinen Schreibtisch schmale Randleisten befestigte, damit die Kugeln nicht mehr...
16.01.12 | |
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