Training fürs Jagdreiten

Gast
Diana

Hi, ich interessiere mich seit neuem für das Reiten, besonders interessant finde ich das Jagdreiten. Da ist man in der freien Natur und es geht um greifbare Ziele. Das finde ich sehr spannend. Wie sieht ein Training fürs Jagdreiten genau aus. Gibts dafür extra Trainer die mit einem sowas üben?

Gast
Calgary

Training

Bevor du ans Jagdreiten denkst, solltest du eine Grundausbildung in Dressur und Springen (Deutsches Reitabzeichen Klasse IV) haben, auch dein Pferd sollte auf diesem Niveau unterwegs sein. Ihr solltet beide im Gelände sicher unterwegs sein (Verkehrsicherheit, Geländereiten in der Gruppe, kontrolliert Galoppieren in der Gruppe, Hin- und wegreiten von der Gruppe, in der Gruppe bergauf & kontrolliert bergab galoppieren), Mindestniveau Deutscher Reitpass. Auch wenn du im Nichtspringerfeld reiten möchtest, solltet ihr imstande sein kleine Hindernisse zu meistern, da auf einer Jagd immer etwas unvorhergesehnes passieren kann, das dich zu einem Sprung zwingt.

Wenn ihr im Springerfeld mitreiten wollt, solltet ihr je nach Anforderung der Jagd Geländehindernisse springen können (Bergauf-, Bergabsprünge in der Gruppe). Um das zu trainieren eignet sich ein Vielseitigkeitslehrgang. Der nächste Schritt ist dann solche Hindernisse in einem Pulk galoppierender Pferde zu springen: aus vollem Speed springen, kein Versammeln vor dem Sprung möglich, da es sonst "Auffahrunfälle" gibt, dennoch das Pferd unter Kontrolle halten und nicht pullen oder gar "davonrasen" lassen.

Ihr solltet eine entsprechende Kondition mitbringen. Wenn die Jagd 15 km lang ist, dann solltet ihr auch genug Kondition für 15 km Galopp mitbringen. Das könnt ihr mit Intervalltraining trainieren, z.B. mit 1km -Intervallen beginnen, 5 Min Schrittpause, steigern auf längere Intervalle mit kürzeren Schrittpausen, später nur noch Trabpausen, Anzahl der Intervalle steigern, bis die geforderten 15 km auch tatsächlich frisch galoppiert werden können.

Auf der Jagd werden die 15 km zwar nicht durchgaloppiert, da jedoch querfeldein geritten wird, ist es viel anstrengender für das Pferd. Stell dir vor du müssstest deine übliche Joggingrunde auf einem feuchten Stoppelacker mit einem Pfund Lehm an jedem Schuh absolvieren. Wenn du im Springerfeld unterwegs bist sind die Anforderungen noch höher. Stell dir vor du müssstest im Matsch auch noch über Hürden laufen.

Ein gut trainiertes Pferd neigt weniger zum Davonstürmen. Ein solches Pferd weiss nämlich, dass es ratsam ist seine Kräfte einzuteilen. Wenn es im Training zum Stürmen neigt, dann lass es eben ausstürmen und verlange dann die geiche Distanz noch einmal. Wenn es einen km lang stürmt, lass es zwei km am Stück galoppieren. Mach eine Schrittpause bis sich der Atem beruhigt hat (vor und nach der Galoppphase auf die Weiche unten bei der Flanke sehen). Und hänge dann noch ein Intervall drann. Das Pferd muss wissen, dass sich nicht nur austoben kann, sonder wirklich gefordert wird. Dann lässt die Pullerei schnell nach und du kannst dein Intervalltraining nach Plan fortführen. Wenn du ein Volblut (grössere Lunge und Herz) hast, dann sind vielleicht grössere Intervalle angesagt, wenn du ein Kaltblut (kleinere Lunge und Herz) hast, beginne mit kürzeren Intervallen. Meine Erfahrung beschänkt sich auf Warmblüter. Achte immer darauf, dass die Atmung ruhig ist, bevor du das nächste Intervall beginnst. In den Schrittpausen wird die Muskulatur optimal durchbutet, Stoffwechselprodukte (Milchsäure) abgebaut - du beugst einem Muskelkater und Verpannungen vor und vermeidest eine Überlastung. Sorge vor allem zu Beginn deines Trainings und nach einer Steigerung dafür, dass das Pferd absolut ruhig und trocken geritten in den Stall oder auf die Weide kommt. Ideal ist augedehnter Weidegang (mit Zugang zu Wasser!), damit das Pferd sich noch ein wenig selbstbestimmt bewegen, wälzen und entspannen kann. Achte auch auf eine optimale Fütterung, (Mineralstoffe, Eiweiss) du willst schliesslich Muskulatur und Kondition aufbauen.

Für eine 20 km Jagd habe ich mein Pferd mit 1.5 km Intervallen aufgebaut (so lange war der Wald in dem ich hin und her galoppieren konnte), mit jeweils ca 300 m Schrittpausen (Distanz zwischen den beiden parallelen Waldwegen für Hin- und Rückweg). Wir haben immer an zwei Tagen in der Woche Intervalltraining gemacht. Immer wenn ich das Gefühl hatte, jetzt läuft es wirklich ruhig, konzentriert und mühelos habe ich um 3 km gesteigert. Je nach Pferd ist vermutlich alle 1-2 Wochen ein Steigerungsschritt möglich. Ich hatte mein Pferd nach rund 2 Monaten so weit, dass es auf Kilometer 21 rund, frisch und mit Leichtigkeit galoppierte. Das entsprach dann 14 Intervallen. Das kostet viel Zeit - ich musste an diesen Tagen jeweils früher von der Arbeit weg, sonst wären wir bis in alle Nacht unterwegs gewesen. Für solch ein konsequentes Training ist es in den meisten Freizeit-Ställen schwierig Partner zu finden. Meisten kommen die anderen ReiterInnen nicht über ein paar hundert Meter kopfloses Gestürme hinaus, sind barfuss oder haben andere Gebrechen. Es hat sich aber gelohnt: mein Pferd ist die 20 km Jagd im Springerfeld trotz gefühlter 30 °C (fast die ganze Strecke verlief in praller Sonne, statt im gewohnten kühlen Wald) locker und sicher gelaufen.

Eine gute Kondition ist die beste Versicherung gegen einen Unfall. Die meisten Unfälle passieren wegen kopfloser Stürmerei statt gesetztem Galopp. Eilig auf der Vorhand rennen ist für das Pferd viel weniger anstrengend, als gesetzt auf der Hinterhand zu galoppieren. Ein auf die Vorhand fallendes Pferd kann nicht gut springen, nicht gut ausweichen (weil die Vorhand nicht frei ist zum reagieren, sondern Last tragen muss) und ist generell ein Unfallrisiko.

Bei dem Trainig wirst du wahrscheinlich merken, dass nicht nur das Pferd trainiert, sondern auch du trainierst. 20 km im ausbalanciert im leichten Sitz durchzuhalten, ohne dein Pferd zu stören, erfordert auch von dir einiges an Kondition. Vor allem deine Rückenmuskulatur wird gefordert. In meinen Augen ist es keine Option, sich untrainiert auf ein gemietetes, gut trainiertes Jagdpferd zu setzen und dem armen Tier dann nach 10 km in den Rücken zu fallen, weil dein leichter Sitz nicht mehr so leicht ist.

Wir waren natürlich auch den ganzen Sommer jede Woche in der Springstunde (Springgymnastik, Trabsprünge, Galoppcavalettis, In-Outs), mindestens einmal pro Woche sind wir ernsthaft Dressur geritten. Ansonsten ist Longieren, Ausreiten in der Gruppe (gerne schnelles, kontrolliertes Galoppieren in einer möglichst grossen Gruppe), Ausritte in verkehrsreiche Gebiete und Gelassenheitstraining (Rappelsack, Tore öffnen und schliessen, öffnende Regenschirme, etc) angesagt.

Vergiss das Verladetraining nicht. Es ist ziemlich unangenehm, wenn du, müde von der Jagd, ein widerspenstiges Pferd verladen musst, während sich alle anderen beim Jagdgericht amüsieren, oder noch besser glotzen und "gute" Ratschläge geben. Wegen nicht gemachter Hausaufgaben, sind solche Bilder leider viel zu oft zu sehen.

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