18. März 2011
Von Andreas Hadel
Das Stretching bietet seit jeher reichlich explosiven Gesprächsstoff. Beugt es Sportverletzungen vor oder ist es doch eher ein Förderer von unliebsamen Muskelzerrungen? - Eine aktuelle Studie will Licht in die Dunkelheit bringen und wartet mit einer Überraschung auf. Denn wie sich im Rahmen der Untersuchung zeigte, kann Stretching Verletzungen verhindern, als auch fördern. Offenbar hängt es davon ab, ob ein Sportler an Stretching gewöhnt ist oder nicht.

Der federführende Wissenschaftler Dr. Daniel Pereles, ein angesehener Sportmediziner in Kanada, stellte eine Probandengruppe aus nicht weniger als 2729 Läufern zusammen. Jeder einzelne Läufer nimmt regelmäßig an Wettbewerben teil und läuft wöchentlich mindestens 15 Kilometer. Pereles wies die einzelnen Sportler nach dem Zufallsprinzip einer Gruppe zu, die entweder vor dem Training Dehnübungen ausführte oder ganz auf das Dehnen verzichtete. Für einige der Läufer entsprach das genau dem, was sie ohnehin schon machten. Für andere war es hingegen etwas neues, Stretchen zu müssen oder eben das Dehnen zu vermeiden.
Diejenigen Läufer, die zum Dehnen verdonnert wurden, investierten vor jeder Laufeinheit drei bis fünf Minuten, um ihre Quadrizeps, Beinbizeps und Achillessehnes zu dehnen. Abgesehen von dem Stretching wurden die Sportler angehalten, ihre Trainingseinheiten so fortzuführen, wie sie es für gewöhnlich tun. Die Studie wurde über einen Zeitraum von drei Monaten durchgeführt.
Nach Ablauf der 90 Tage konnte Dr. Pereles seinen Daten entnehmen, dass mit 16 Prozent die Verletzungsrate in beiden Gruppen gleich hoch war. Interessanterweise zeigte sich, dass jene Läufer, für die das Stretching oder Nicht-Stretching eine Umstellung war, eher zu Verletzungen neigten. Läufer, die vor Beginn der Studie regelmäßig Dehnübungen absolvierten und dann während des Testzeitraumes damit aufhören mussten, hatten eine um 23 Prozent erhöhte Verletzungsrate. Bei denjenigen, die sonst nie Dehnübungen machten, für die Studie damit aber beginnen mussten, betrug das erhöhte Verletzungsrisiko 22 Prozent. Den Grund für diese Beobachtung vermag Dr. Pereles nicht zu nennen. Er fasst es pragmatisch zusammen, dass wer bisher nicht vor dem Training gedehnt hat, keinen Grund hat, damit anzufangen. Und Läufer, die bereits dehnen, brauchen damit auch nicht aufzuhören. Unter dem Strich hieße das also, dass das Stretching keinen Einfluss auf die Präventation von Verletzungen hätte.
Der Kanadier steht mit dieser Beobachtung keineswegs allein da. Dr. Jacob Wilson aus den Vereinigten Staaten von Amerika kam bei seinen Untersuchungen zu einem ähnlichen Ergebnis. Er verglich die Laufleistung zwischen Sportlern, die vor dem Training dehnen und solchen, die das strikt ablehnen. Wie sich herausstellte, waren die Nicht-Dehner allesamt auf einer fünf Kilometer langen Strecke etwas schneller, als ihre gelenkigen Kollegen. Auch er kann für seine Beobachtung noch keine plausible physiologische Begründung abgeben, will dies aber nach weiteren Studien nachholen.
Er empfiehlt Läufern, dass sie anstatt Dehnübungen sich gut warmlaufen sollten und in geringem Maße etwas Mobilitätsgymnastik wie zum Beispiel das Lauf-ABC absolvieren sollten, um schnellstmöglich auf der Laufbahn unterwegs zu sein.
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