21. April 2010
Das Kreuzheben ist für Kraftdreikämpfer oftmals das viel zitierte Zünglein an der Waage und entscheidet über Sieg oder Niederlage. Ich möchte Ihnen von einer kleinen Episode berichten, die die taktische Bedeutung des Kreuzhebens im Wettkampfverlauf überaus deutlich macht.
Wilfried Häusler vom MTV Vater Jahn aus Peine vertrat Deutschland bei den Europameisterschaften der Senioren 2008 in der Klasse bis 75 kg, die in Havirov, Tschechien ausgetragen wurde. Der Wettkampf verlief so, wie es die Meldeliste vermuten ließ. Es wurde ein knappes Kopf an Kopf-Rennen um die Goldmedaille zwischen Wilfried Häusler und dem Franzosen Llosa. Nach der Kniebeuge und dem Bankdrücken konnten beide insgesamt 300 kg vorweisen. Auf Grund seines um 100 Gramm leichteren Körpergewichts lag der Franzose jedoch vorn und Häusler war im Zugzwang. Das Kreuzheben sollte die Entscheidung in einer überaus engen Schlacht bringen. Nach dem zweiten Versuch im Kreuzheben lag Häusler mit 205 bewältigten Kilogramm vor dem Franzosen, der fünf Kilogramm unter dieser Leistung blieb. Jetzt begann das Taktieren. Der Franzose ging auf's Ganze und meldete 215 kg für den 3. Versuch an, damit Häusler vor ihm an die Hantel müsste und er im nach hinein nur noch die Last für den Ausgleich und somit für den Titelgewinn ziehen bräuchte. Häusler behielt die Nerven und vollbrachte eine taktische Meisterleistung indem er 220 kg verlangte und so seinen Gegner zwang, den Bluff in die Realität umsetzen zu müssen. Llosa stand dieser Herausforderung chancenlos gegenüber und konnte die Last nicht in die Höhe ziehen. Damit hatte Häusler mit fünf Kilogramm Vorsprung Gold gewonnen und konnte sogar auf den dritten Versuch verzichten.
Diese Episode ist kein Einzelfall. Kraftdreikampf ist mehr als bloßes Kräftemessen. Wann immer zwei oder mehrere Athleten ähnliche Leistungen erbringen können, wird nur derjenige den besten Rang erkämpfen, der über die beste Taktik verfügt. Es ist völlig legitim und gehört zur Wettkampfvorbereitung sich ausgiebig mit der Meldeliste zu beschäftigen, um frühzeitig eine bestimmte Marschroute zu entwickeln, die meistens im Kreuzheben ihren Höhepunkt findet. Viele Spitzenathleten halten sich sogar, wann immer es geht, in einem Wettkampf mit der Kreuzhebe-Leistung zurück und machen nur soviel, wie es braucht, um die angepeilte Platzierung zu erreichen. So sind sie nicht nur schwer auszurechnen, sondern haben zudem für den Fall der Fälle eine gehörige Überraschung im Kreuzheben parat und können den Wettkampf in letzter Sekunde zu ihren Gunsten entscheiden. Wenn Sie also eher im Kreuzheben zu absoluten Höchstleistungen in der Lage sind, lautet Ihre Devise: strengste Geheimhaltung, um die Kniebeuge-Experten in falscher Sicherheit zu wiegen.
Wenn Sie hingegen eher in der Beuge stark sind und sich so schon frühzeitig im Wettkampf eine solide Basis für eine gute Platzierung errichten können, sollten Sie immer auf eine Verbesserung Ihrer Hebeleistung aus sein, um die Kreuzhebe-Spezialisten, deren Stunde zum Ende des Wettkampfes kommt, in Schach halten zu können. Der Nachteil daran ist, dass Sie dann mit offenen Karten spielen müssen und nur noch schwer taktieren können.
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